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Das Jahr der Frauen Gefangen in der Leichtlohngruppe

Pflicht zur Hausarbeit, kaum Chancen auf Ausbildung – ab 1968 stritt die Frauenbewegung auch für die gleichberechtigte Teilhabe an der Arbeitswelt.

Michigan
Der March of Women in Michigan. Foto: Imago

Es ist überraschend, welche Kraft die Frauenbewegung unerwartet und immer wieder neu entfaltet. Sie mobilisiert scheinbar aus dem Stand heraus Millionen von Menschen – wie etwa beim March of Women nach der Wahl von Donald Trump oder bei weltweiten Aktionen wie One Billion Rising oder #me too. Und dennoch ist es auch immer wieder ernüchternd, wie wenig Einfluss die Frauenbewegung auf die großen Linien der Zeitgeschichte zu haben scheint und mit welcher schier unendlich erscheinenden Penetranz sich Grundstrukturen und kulturelle Befestigungen männlicher Dominanz hinter lebensfeindlichen Institutionen gegen Veränderungsdruck verschanzen.

Gemessen an den eigenen Ansprüchen stellt sich der Frauenbewegung die eigene Geschichte manchmal sogar als eine nicht enden wollende Kette des ewigen Scheiterns dar. Die jüngste Variante sind Attacken gegen eine vergleichsweise erfolgreiche Frauenbewegung – so als ob die den Ausbau von Kinderbetreuungs- und Pflegeeinrichtungen, Verbesserungen von Arbeitsbedingungen in diesen Feldern, Verbesserungen hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die sich allmählich doch durchsetzende Teilhabe von Frauen an sogenannten Führungspositionen nur als Steigbügelhalter des sogenannten Neoliberalismus und unter Preisgabe eindeutig kapitalismus- und globalisierungskritischer Positionen erreicht hätte.

Bescheidene Errungenschaften

Bezogen auf eine der Lieblingsparolen der neuen Frauenbewegung – „Wir wollen alles, und zwar sofort“ – ist die Ungeduld höchst verständlich. Im Rückblick auf 100 Jahre Frauenwahlrecht erscheinen die „Errungenschaften“ ebenfalls eher bescheiden – zumal die ersten Erfolge beispielsweise der „neuen Frau“ in der Weimarer Republik ebenso schnell wie brutal vom Nationalsozialismus wieder außer Kraft gesetzt wurden und dies zumindest in Westdeutschland auch in der Nachkriegszeit blieben. Zumindest in Westdeutschland markiert die 68er Tomate einen tieferen und nachhaltigeren Einschnitt in der Geschichte des Wandels der Geschlechterverhältnisse als die Einführung des Frauenwahlrechts (1918) oder auch die Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz (1949). 

Zunächst einmal stand das Jahr 1968 allerdings nicht im Zeichen eines allgemeinen Aufbruchs in die Emanzipation. Der meistgespielte Musiktitel und die meistverkaufte Single war in diesem Jahr das rührende Liebeslied von Heintje (damals 13 Jahre alt) an seine „Mamma“. Das „golden age of marriage“ strebte fast überall seinem Zenit entgegen, und verhalf der Hausfrauenehe zu einer mit scharfen Sanktionen für abweichende Lebensformen ausgestatteten Dominanz. Unverheiratete Frauen im heiratsfähigen Alter wurden als „alte Juffer“ diffamiert, uneheliche Schwangerschaft galt als absolute Schande, Mädchen wurde immer noch eine Ausbildung verweigert, weil sie „später ja doch ohnehin heiraten“ würden; in vielen Tarifverträgen gab es noch die sog. Frauenlohngruppen, die die Abschläge vom Männerlohn für Frauen bezifferten. 

Erwerbstätigkeit von Frauen war eigentlich nur für den Übergang zwischen Schule und Heirat und dann auch wieder für ein paar Stunden „wenn die Kinder aus dem Haus sind“ vorgesehen. Mit dem Eintritt in die Ehe traten Frauen die Verfügung über ihren Körper und über ihr Vermögen an ihren Ehemann ab. Sie waren rechtlich zur Hausarbeit und zum ehelichen Beischlaf verpflichtet. Eine Verweigerung oder Vernachlässigung des einen oder des anderen lieferte Ehemännern einen Scheidungsgrund. Das alles ist erst 50 Jahre her; manches davon wirkt bis heute nach. 

Als vertrackt erweisen sich die Dilemmata der Emanzipation in den Überschneidungen zwischen Arbeit und Geschlecht. So wird die Frauenbewegung immer wieder beschuldigt, Frauen in das Zwangsregime der Erwerbsarbeit zu pressen, den im Kern patriarchalen Mythos der Erwerbsarbeit in den modernen (Arbeits-)Gesellschaften zu befördern statt sich ihm zu verweigern. Dabei war doch eine der prominentesten Forderungen der neuen Frauenbewegung „Lohn für Hausarbeit“. Mit dieser Forderung setzten sich die Frauengruppen aber schon in den 1970er Jahren dem Vorwurf einer Befestigung der geschlechtsspezifischen Zuweisung der Hausarbeit an Frauen aus. Tatsächlich wurde mit mindestens dem gleichen Nachdruck die Forderung nach „50 Prozent aller qualifizierten Arbeits- und Ausbildungsplätze“ erhoben.

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