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Carolin Kebekus Frauen aller Länder, vereinigt euch!

Armut ist sexistisch - und die Lösung ist weiblich: Die Komikerin und Schauspielerin Carolin Kebekus über das, was auch 100 Jahren nach Einführung des Frauenwahlrechts noch immer im Argen liegt.

Carolin Kebekus
Carolin Kebekus, hier bei der "Arsch-huh"-Kampagne gegen Rechts in Köln im August 2017. Foto: Imago

Eigentlich haben wir Grund zu feiern. Heute vor genau 100 Jahren war die Geburtsstunde eines neuen Wahlrechts: Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte durften Frauen wählen und gewählt werden. Marie Juchacz, die erste Frau, die in einem deutschen Parlament eine Rede gehalten hat, brachte auf den Punkt, was Millionen von Frauen bereits dachten: „Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“

Mittlerweile haben wir sogar eine Bundeskanzlerin. Doch im Vergleich zur letzten Legislaturperiode ist der Frauenanteil im Bundestag deutlich gesunken – von 37,1 auf 30,9 Prozent. Weltweit liegt der Durchschnitt sogar nur bei 23 Prozent. Und das ist nicht das Einzige, was die Feierlaune trübt. 

Egal wohin man den Blick richtet: Die Welt ist für Frauen eine andere als für Männer. Um es gleich klarzumachen: Es geht nicht darum, auf Männern herumzuhacken, aber die traurige Wahrheit ist nun mal, dass Frauen weltweit noch immer deutlich weniger verdienen als Männer. Noch immer haben über eine Milliarde Frauen keinen Zugang zu einem Bankkonto. In über 150 Ländern gibt es Gesetze, die die wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen einschränken. 104 Länder schließen Frauen per Gesetz sogar explizit von bestimmten Berufen aus. Ehemänner dürfen ihren Frauen in 18 Ländern komplett verbieten, einem Beruf nachzugehen. 

Fakt ist leider auch, dass Armut sexistisch ist: Je ärmer ein Land ist, desto krasser ist die Geschlechterungleichheit. Über 130 Millionen Mädchen gehen nicht zur Schule. Insbesondere in den ärmsten Ländern bleibt ihnen der Bildungszugang häufiger verwehrt als Jungen. Damit ist das Risiko größer, dass Mädchen zu Kinderbräuten werden, sich mit Krankheiten wie Aids anstecken und jünger sterben. Jeden Tag infizieren sich 750 junge Frauen in Subsahara-Afrika mit HIV. Rund 650 Millionen Frauen auf der Welt wurden bereits als Kinder verheiratet. Eines von drei Mädchen wird in seinem Leben sexuelle oder physische Gewalt erfahren. Laut der Mädchenrechtsorganisation Girls Not Brides glauben fast die Hälfte aller Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren, dass ein Ehemann das Recht hat, seine Frau zu schlagen. 

Die gute Nachricht ist allerdings: Frauen und Mädchen haben auch das größte Potenzial, extremer Armut ein Ende zu setzen. Die Frage der Gleichberechtigung ist natürlich in erster Linie eine Frage der Gerechtigkeit. Aber es macht auch wirtschaftlich Sinn, Frauen zu stärken. Ein Beispiel: Hätten Frauen in Afrika den gleichen Zugang zu Land oder landwirtschaftlichen Produktionsmitteln, könnten die Erträge um 20-30 Prozent steigen. Das hätte zur Folge, dass 100-150 Millionen Menschen von chronischem Hunger befreit würden. Alle würden profitieren. 

Im vergangenen Jahr bin ich mit der Entwicklungsorganisation ONE nach Sambia gereist. Dort sind Mädchen zwischen 10 und 19 Jahren besonders von HIV/Aids betroffen. Sie machen rund 70 Prozent der Neuinfektionen aus, sei es aufgrund sexueller Gewalt, mangelnder Aufklärung oder Abhängigkeit von deutlich älteren „Sugar-Daddies“.

In Sambia traf ich auch auf die sambische Aids-Aktivistin Connie Mudenda. Ihr Schicksal hat mich gleichzeitig gerührt und mir Mut gemacht. Sie selbst ist HIV-positiv und hat sowohl ihren Ehemann als auch ihre ersten drei Kinder an Aids verloren. Das Virus hatte sie unwissentlich während der Geburt an die Kinder weitergegeben. Lange Zeit kam diese Diagnose einem Todesurteil gleich, da die erforderlichen Medikamente in Sambia nicht verfügbar waren. Dank der Unterstützung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria erhielt Connie 2004 die notwendigen Aids-Medikamente, die sie sich sonst nie hätte leisten können. Mittlerweile führt sie ein normales Leben und konnte sogar eine gesunde Tochter zur Welt bringen. Die richtigen Medikamente verhinderten eine Übertragung bei der Geburt. Ihre mittlerweile sechsjährige Tochter Lubona geht zur Schule und ist kerngesund. Mutter und Tochter sind so etwas wie der lebende Beweis für den erfolgreichen Kampf gegen HIV/Aids. 

Die nächste Finanzierungskonferenz für den Globalen Fonds findet übrigens im kommenden Jahr in Paris statt. Wenn die Bundesregierung dort starke finanzielle Zusagen macht, wäre das nicht nur ein Zeichen für globale Gesundheit, sondern auch für die Stärkung von Frauen und Mädchen. Das wäre auch eine gute Gelegenheit für unsere Kanzlerin zu zeigen, warum sie seit Jahren als mächtigste Frau der Welt gehandelt wird.

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