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Borderline-Störung Vom verdammten Himmel hoch

Wer an der Borderline-Störung leidet, lebt in einer Welt der extremen Gefühle. Eine junge Frau gewährt Einblick.

Borderline-Syndrom
Viele Borderliner verletzen sich selbst. Foto: Imago

Wenn Mathilda* Angst hat, ist es nicht einfach nur Angst, sondern fühlt sich an wie eine existenzielle Bedrohung und ist fast nicht auszuhalten. Ihre Wut ist nicht einfach Wut, sondern ein explosives Gefühl, das sich entladen muss und alles mit sich reißt, was im Weg steht. Und wenn sie Trauer empfindet, dann geht dieses Gefühl viel tiefer. Mathildas Trauer gleicht eher absoluter Hoffnungslosigkeit.

„Alles ist hundertmal schlimmer als bei gesunden Menschen“, sagt Mathilda. Die 30-Jährige leidet seit ihrer Kindheit an Borderline. Bei Menschen, bei denen diese Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden ist, führen Probleme mit der Emotionsregulation dazu, dass sich alles viel intensiver anfühlt. „Borderliner empfinden keine Nuancen bei Emotionen. Grautöne gibt es nicht, nur schwarz und weiß“, berichtet Mathilda. „Sie lieben intensiv, hassen dafür aber auch intensiv.“ 

Neben den extremen und intensiven Gefühlen sind auch sogenannte Dissoziationen – also ein gestörtes Körper-Psyche-Verhältnis – und ein Gefühl von Leere typisch für Borderline. Die enormen Stimmungs- und Gefühlsschwankungen führen zu einer extremen inneren Anspannung, die mitunter als unerträglich erlebt wird. Insbesondere Stress kann bei Mathilda zu heftigen Borderline-Schüben, den sogenannten Hochspannungsphasen, führen: „Am liebsten würde ich mir dann das Gesicht in Streifen runterreißen und Konfetti draus machen.“ 

In diesen Hochspannungsphasen durchlebt sie Weinkrämpfe und Wutschübe, oft begleitet vom Drang nach Schmerz. Viele Borderliner verletzen sich dann selbst. Im Verlauf ihrer Therapie hat Mathilda im Emotionsregulationstraining sogenannte Skills gelernt. So kann sie dem Drang nach Schmerz nachgeben, ohne sich aber ernsthaft zu verletzen: „Diese Hochspannungsphasen sind unerträglich, wenn ich nichts tue. Aber wenn ich mich auf den Schmerz konzentriere, überdeckt das dann das andere. Ich benutze zum Beispiel Wäscheklammern, die ich mir an den Arm klemme. Man kann aber auch auf getrockneten Chilis kauen – oder ein Gummiband gegen den Arm schnalzen lassen.“ An einem echten Tiefpunkt hat sie einmal aus Wut ein komplettes Zimmer zerstört, Schränke umgeworfen, das Bett zerlegt. Der Auslöser: ein Streit mit ihrem Partner.

Die Symptome und die Ausprägung der Borderline-Persönlichkeitsstörung sind so individuell wie der menschliche Charakter. Was aber auf viele Borderline-Patienten zutrifft, ist das Gefühl der Einsamkeit. Viele Betroffene leiden oftmals unter Schwierigkeiten im sozialen Umgang. Sie beschreiben das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören und empfinden sich als zu viel – oder zu wenig. „Borderline macht einsam“, sagt Mathilda. „Ich weiß, dass ich anstrengend bin und habe daher Angst, keine richtigen Partnerschaften oder Freundschaften haben zu können. Warum sollte sich das jemand antun?“

*Name von der Redaktion geändert

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