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Anat Hoffman Die Mauerfrau

Seit drei Jahrzehnten kämpft Anat Hoffman für Gleichberechtigung an der Klagemauer in Jerusalem. Ihre Hartnäckigkeit hat ihr die Bezeichnung „Bulldogge“ eingebracht – die 64-Jährige sieht das als Kompliment.

„Women of the Wall“
Singen und beten: Dank Anat Hoffman sind die „Women of the Wall“ nicht mehr nur einer lokale Aktivistinnengruppe, sondern international bekannt. Foto: Danielle Shitrit

Zu zweit führten sie sie ab: links eine Polizistin, die Hand auf dem Rücken der Festgenommenen, rechts ein Polizist, der die blonde Frau in weißer Strickjacke am Ellenbogen führt. Der Name der Frau: Anat Hoffman. Ihr Vergehen: lautes Beten an der Jerusalemer Klagemauer bei gleichzeitigem Tragen des jüdischen Gebetsschals – beides gesteht der ultraorthodoxe Brauch nur den Männern zu. 

Das Video der Festnahme, abrufbar auf YouTube, stammt aus dem Jahr 2012. Anat Hoffman blieb nur eine Nacht im Gefängnis, doch die Bilder der schmalen Frau, abgeführt wie eine Kriminelle, sorgten innerhalb und außerhalb Israels für Wirbel. Als liberale Jüdin besteht Hoffman darauf, nach ihrer Façon zu beten. Damit verstößt sie gegen ein Gesetz, das Gläubigen vorschreibt, an der Klagemauer „lokale Gebräuche“ einzuhalten – in anderen Worten: ultraorthodoxe Regeln.

Denn dem ultraorthodoxen Rabbinat untersteht die Verwaltung der Klagemauer, der heiligsten Stätte des Judentums. Weil das Rabbinat zudem die alleinige Hoheit über Angelegenheiten wie Hochzeit und Scheidung innehat und streng konservative Rollenbilder vertritt, zählt es zu Hoffmans Lieblingsfeinden. Als „Bulldogge“ hat eine israelische Journalistin sie beschrieben, weil sie ihre Gegner, wenn sie diese einmal zu fassen bekommen hat, nie mehr loslasse. Hoffman legte bekräftigend nach: „Die Kiefer packen zu – und das war’s.“ 

Doch sie weiß ihre Fangzähne auch zu verbergen. Besucht man Anat Hoffman, 64, in ihrem Büro im Herzen Jerusalems, etwa 20 Minuten Fußweg von der Klagemauer entfernt, trifft man auf eine zuvorkommende Dame mit hellwachen blauen Augen, die bedacht, beinahe aufreizend gelassen spricht. Empört ein Thema sie besonders, verzieht sich ihr feines Lächeln allenfalls eine Spur ins Ironische. Nach Jahrzehnten von Konflikten mit Geistlichen und Politikern höchsten Ranges, Nächte in Gefängniszellen und Auftritten vorm Obersten Gericht lässt sie sich nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. 

Innerhalb und außerhalb Israels ist Hoffman am bekanntesten für ihre Rolle als Mitbegründerin und Gesicht der feministischen Organisation „Women of the Wall“, den „Frauen der Mauer“, die seit Ende der Achtzigerjahre dafür kämpfen, dass Frauen an der Klagemauer auf die gleiche Weise beten dürfen wie Männer. Doch ihre Karriere als politische und soziale Aktivistin ist länger und breiter gefächert: Vor knapp vierzig Jahren engagierte sie sich als eine der „Women in Black“ gegen Israels Politik in den Palästinensergebieten; von 1988 bis 2002 saß sie im Jerusalemer Stadtparlament; anschließend wurde sie Direktorin des „Israel Religious Action Center“.

Dieses Center repräsentiert das progressive Judentum in Israel und setzt sich für religiösen Pluralismus ein. Im Namen von Frauen- und Minderheitsrechten hat sie zahlreiche Gerichtsprozesse angestoßen, etwa gegen Diskriminierung arabischer Putzfrauen und gegen Geschlechtertrennung in Bussen in ultraorthodoxen Vierteln. Bewunderer vergleichen sie mit Rosa Parks, der legendären Kämpferin gegen Rassentrennung in den USA. Die israelische Tageszeitung „Haaretz“ kürte sie 2013 zur „Person des Jahres“, die „Jerusalem Post“ führte sie auf einer Liste der einflussreichsten jüdischen Personen auf Platz fünf. 

Dabei spielten religiöse Rituale für Anat Hoffman früher keine Rolle. Sie wurde in eine säkulare Familie in Jerusalem geboren und entdeckte die liberale Spielart des Judentums erst, als sie zum Psychologiestudium nach Los Angeles zog. Im Reformjudentum, einer progressiven Strömung des Glaubens, die im 19. Jahrhundert in Deutschland entstand, dürfen Frauen die gleichen Rollen einnehmen wie Männer: als Rabbinerin arbeiten, das Gebet vorsprechen, Gebetsschal und -riemen tragen. 

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