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Alice Schwarzer „Der Typ Frau, den man auf keinen Fall nachahmen will“

Genderforscherin Ammicht Quinn erklärt, warum viele junge Frauen den Feminismus für überholt halten und dann doch wieder auf alte Rollenmuster zurückgeworfen werden.

Alice Schwarzer
Ein Leben für die Frauenbewegung. Am Sonntag wird Alice Schwarzer 75 Jahre alt. Foto: epd

Frau Professor Ammicht Quinn, wer in Deutschland das Wort „Feminismus“ hört, sieht Alice Schwarzer vor sich. Ist das gut oder schlecht für die Frauenbewegung?
Ohne Alice Schwarzer sähe die feministische Landschaft in Deutschland und darüber hinaus anders aus, und deshalb spricht es für ihre wirklich einzigartige Rolle, dass sie als „die“ Feministin mit dem Feminismus gleichsam identifiziert wird. Gleichzeitig sage ich: Der Feminismus besteht von je her aus Kontroversen, und die muss man austragen – ob mit oder gegen Alice Schwarzer.

Welche Kontroversen?
Der Feminismus nahm seinen Ausgang beim Kampf um Gleichheit. Frauen wollten gleichen Zugang zu Ämtern wie Männer, gleiches Wahlrecht, gleiche Berufschancen. In den 1960er und 1970er Jahren prallte dieser Gleichheits-Impuls auf eine – eher akademisch fundierte – Tendenz, anstelle der Gleichheit von Männern und Frauen die Geschlechter-Differenz zu betonen. Natürlich nicht, um die Frauen erneut abzuwerten, sondern ihnen im Gegenteil aus sich heraus einen eigenen Wert zuzumessen, und „weibliche Tugenden“ manchmal höher zu schätzen als andere. Beide Tendenzen werden zum Problem, wenn man sie absolut setzt: Der Gleichheits-Diskurs kann zur bloßen Angleichung der Frauen geraten, der Differenz-Diskurs kann Frauen in Kuschelecken führen, in denen das Einfordern von Rechten keine Rolle mehr spielt. Um dem einen wie dem anderen zu entgehen, braucht es – und das ist die dritte, aktuelle Kontroverse im Feminismus – die Genderforschung.

Warum?
Weil die Genderforschung nicht nur und nicht in erster Linie fragt, was Frauen brauchen oder sollen, sondern darauf schaut, welche Macht man dem Unterschied von Geschlechtern zuweist. In dieser Betrachtung spielen Männerbilder die gleiche Rolle wie Frauenbilder. Und hier hat sich inzwischen vieles entwickelt, das mit dem von Alice Schwarzer repräsentierten Feminismus nicht mehr so viel zu tun hat.

Unter jungen Frauen gibt es neben Bewunderung auch ein auffallendes Aufbegehren gegen Alice Schwarzers dominante Rolle in den öffentlichen Frauen-Diskursen. Woran liegt das?
Na ja, welche junge Frau will schon das Leben ihrer Mutter führen? Ich glaube, in der Aversion gegen Alice Schwarzer werden ganz schlicht auch Generationenverwerfungen sichtbar. Sie stellt dann den Typ Frau dar, den man auf gar keinen Fall nachahmen möchte. Viele junge Frauen halten den Feminismus für überholt und den Kampf der Frauenbewegung für erledigt. Damit brechen sie dann in schöner Regelmäßigkeit ein, sobald sie an die Berufs- und Familienplanung gehen …

… weil sie an die „gläserne Decke“ stoßen?
Weil sie sich plötzlich auf Rollenmuster zurückgeworfen erleben, von denen sie geglaubt hätten, dass sie damit nie etwas zu tun bekommen würden. Und weil sie erfahren, wie schwierig es ist, ihre Ansprüche an sich selbst unter einen Hut zu bekommen mit dem, was die Gesellschaft für sie und von ihnen will – und sich dabei nicht selbst zu verlieren.

Aber niemand polarisiert als Frau so sehr wie Alice Schwarzer.
Ich glaube, Sie haben Unrecht. Ich denke an die massiven Anfeindungen, denen Frauen ausgesetzt sind, die sich wissenschaftlich mit der Genderthematik beschäftigen. Eine Universitäts-Kollegin hat Drohmails und Beschimpfungen in solch exzessiver Weise bekommen, dass sie sich selbst ein ganzes Jahr sozusagen aus der öffentlichen „Schusslinie“ genommen hat. Und das ist kein Einzelfall.

Warum ist das so?
Weil die Gender-Debatte – im Unterschied übrigens zu den Anliegen des klassischen Feminismus – vermeintliche Grundsicherheiten einer Gesellschaft erschüttert.

Welche Sicherheiten?
Dass wir unsere Welt ganz klar einteilen können. Dass es im Leben ein eindeutiges „entweder … oder“ gibt: schwarz oder weiß, Mann oder Frau. Und dass sich auf dieser Basis relativ leicht ein paar Grundregeln aufstellen lassen, damit Männer und Frauen miteinander auskommen. Bei dieser Betrachtung des Geschlechterverhältnisses können bis in rechte Kreise hinein fast alle mitgehen – konservative Katholiken oder Evangelikale ebenso wie AfD-Anhänger. Sobald man diese Gewissheiten erschüttert, gerät vermeintlich das ganze Leben in Unordnung. Und das macht Angst.

Braucht es eine Emanzipation von der Emanzipatorin Alice Schwarzer?
Ich schließe, wie ich begonnen habe: Es kommt darauf an, in welcher Frage. Mit ihrem Gespür für Geschlechtergerechtigkeit ist und bleibt Alice Schwarzer wertvoll. Wenn sie aber auf ihrem jüngsten Feldzug die Frauen vor dem Islamismus retten will, wird es aus meiner Sicht höchst problematisch.

Warum?
Weil sie oft so redet, als entstammten muslimische Migranten einer unveränderlichen, rückständigen Kultur, die sie komplett nach Deutschland importieren. Wir dürfen nicht in die Falle gehen, ein Verhalten bei Migranten als kulturell bedingt zu betrachten, bei Herkunftsdeutschen aber als individuell. Davon müssen wir uns – um Ihre Frage aufzunehmen – ganz dringend emanzipieren. Und auch vor dem Ansinnen, fremde Frauen vor einer fremden, uns fremden Kultur retten zu wollen. Diese Tendenz beobachte ich auch bei Alice Schwarzer.

Aber was ist so falsch daran, im Interesse der Frauen einer patriarchalen Macho-Kultur den Garaus machen zu wollen?
Daran ist gar nichts falsch. Aber die muslimischen Migranten als Gruppe auf Patriarchat und Machismo zu reduzieren, das ist falsch, ungerecht – und obendrein gefährlich.

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