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Afroamerikanerinnen Schwestern, wo seid ihr?

Hunderttausende demonstrierten bei den „Women’s Marches“ in den USA gegen Präsident Trump und für einen modernen Feminismus. Doch vor allem schwarze Frauen fühlen sich nicht wirklich vertreten.

People hold an American flag during the second annual Women's March in Los Angeles
Der Women's March in Los Angeles. Foto: rtr

S.T. Holloway war Feuer und Flamme, als im Januar 2017 Millionen von Frauen auf die Straße gingen, um gegen die Wahl eines Mannes zum US-Präsidenten zu demonstrieren, der sich schamlos frauenverachtend und rassistisch gerierte. Als aber in diesem Jahr die Aufrufe durchs Internet rauschten, zum ersten Jahrestag der Trump-Präsidentschaft erneut nach Washington zu marschieren, verspürte Holloway eine gewisse Lustlosigkeit. 

Zur Apathie der schwarzen Rechtsanwältin, die in Los Angeles ein Netzwerk für afro-amerikanische Mütter organisiert, hatten gleich mehrere Erfahrungen im Jahr eins der Trump-Ära geführt. Allen voran, der erste Marsch selbst. Damals hatte Holloway ein Schild getragen, auf dem sie sich als „Nasty Woman“ outete. Darunter stand der Zusatz „and member of the African Americans“ – ein Zitat der abschätzigen Bezeichnung Trumps für die schwarze Minderheit des Landes. Für ihre „Nasty Woman“–Bemerkung bekam Holloway allerlei Komplimente – zum „African American“-Zusatz sagte niemand ein Wort. Da fiel Holloway ein, wie sie in Los Angeles mit einer „Black Lives Matter“-Gruppe gegen den Tod von Ezell Ford durch Polizeigewalt demonstriert hatte. Damals war keine einzige weiße Frau mit auf die Straße gegangen, um ihre Empörung über den Tod schwarzer Söhne, Brüder und Männer auszudrücken.

Zusammengenommen erzeugten die beiden Erlebnisse bei Holloway eine gewisse Skepsisgegenüber der vermeintlich neuen Solidarität aller amerikanischer Frauen. „Millionen gehen auf die Straße, wenn die Krankenversicherung für weiße Frauen gefährdet ist. Aber über die Tatsache, dass sich die Müttersterblichkeit schwarzer Frauen auf demselben Level bewegt wie in Usbekistan, regt sich niemand auf.“

Die Initiatorinnen der „Women’s Marches“ in den USA hatten sich alle Mühe gegeben, intersektional aufzutreten. Die anfängliche Kritik, die Organisation bestehe nur aus weißen Frauen, wurde gehört – und ein Dream Team aus Frauen verschiedenster ethnischer Hintergründe geformt. Und doch ging es vielen Frauen wie Holloway – sie mochten der großen Koalition einfach nicht trauen. „Für mich ist das Gefühl der Verbundenheit und Solidarität und eines gemeinsamen Kampfes einfach nicht da“, sagt die Feministin und Kulturkritikerin Jamilah Lemieux. 

Die Skepsis der schwarzen Frauen ist verständlich, werden sie mit ihrer speziellen Unterdrückungserfahrung doch schon immer sowohl von der feministischen Bewegung als auch von der Bürgerrechtsbewegung ausgeklammert. Die Rede der in die Sklaverei geborenen Sojourner Truth aus dem Jahr 1851 mit dem Titel „Ain’t I a Woman“ steht nicht umsonst bis heute ganz oben auf der Leseliste für schwarze Feministinnen. „Mir hat noch nie jemand über eine Pfütze oder in eine Pferdekutsche geholfen“, sagte Truth damals. 

Der Text gewann während des sogenannten Feminismus der zweiten Welle in den 60er und 70er Jahren neue Brisanz, als die Kluft zwischen schwarzen und weißen Frauen klarer denn je zutage trat. Dass weiße Frauen aus der Mittelschicht nicht mehr nur Hausfrau und Mutter sein, sondern einen Beruf ausüben wollten, war für viele schwarze Frauen bedeutungslos. „Schwarze Frauen haben schon immer gearbeitet“, sagt Sarah Jackson, Soziologin an der Northeastern University. „Sie hatten meist gar keine andere Wahl, als die Familie zu ernähren, während sie gleichzeitig den schlimmsten Formen sexueller und rassistischer Gewalt ausgesetzt waren.“ Und sie wurden zu dieser Zeit auch innerhalb der Bürgerrechtsbewegung marginalisiert. Die Anführer waren Männer, selbst in der radikalen Black Panther Partei hatten Frauen meist nur unterstützende Rollen. Das führte unter den Bürgerrechtlerinnen zu den ersten Forderungen nach einem intersektionalen Feminismus – Klassiker sind etwa „Women, Race and Class“ von Angela Davis sowie das Manifest des „Combahee River Collective“, das heute, 40 Jahre später, als Urtext der Intersektionalität gilt. „Wenn schwarze Frauen frei wären, dann wären wir alle frei“, heißt es da, „denn unsere Befreiung bedarf der Zerstörung aller anderen Systeme der Unterdrückung.“

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