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Feminismus „Frauen werden weniger geachtet“

Stevie Meriel Schmiedel, Geschäftsführerin der Protestorganisation Pinkstinks, spricht über die Folgen von Gender-Marketing und limitierende Geschlechterzuweisung für Kinder.

Rosa und blaue Nuckel: rosa für Mädchen und hellblau für Jungen. Foto: picture alliance / ZB

Die Spielzeugwelt ist zweigeteilt: Pinkfarbene Glitzerpuppen für Mädchen, blaue Rennautos für Jungs. Stevie Meriel Schmiedel, Geschäftsführerin der Protestorganisation Pinkstinks, kritisiert diese limitierende Geschlechterzuweisung für Kinder. Im Interview erklärt sie, warum Stereotype schon im Kindergarten entstehen und warum junge Frauen sich oft nicht mehr mit dem Begriff Feminismus identifizieren können.

Frau Schmiedel, wo liegt bei der sogenannten Pinkifizierung eigentlich das Problem? Es sind doch nur Farben…
Wenn es nur um Farben ginge, wäre das wunderbar. Wenn also der Junge auch eine rosa Mütze tragen könnte und das Mädchen eine blaue, ohne dass das ständig kommentiert würde. Das hat sich in den letzten zehn Jahren intensiviert. Verständlich, weil die Wirtschaft damit unglaublich viel Geld verdient, denn es sind zwei komplett separate Industriefelder geschaffen worden. Das Problem ist die Einengung, die wir Kindern damit aufdrücken. Wenn ein Junge gern mit Puppen spielt, heißt es ganz schnell, der sei zu weich. Dann bekommt er mit vier Jahren im Kindergarten zu hören, er sei schwul.

Was macht das mit den Kindern?
Die Stereotype übertragen sich. Wenn ein Junge immer wieder hört, er sei schwul, dann glaubt er, dass das schlimm sei. Dadurch entsteht schon früh Homophobie. Außerdem vermittelt es den Kindern das Gefühl, dass sie nicht geliebt werden. Weil sie so, wie sie sind, nicht akzeptiert sind. Das macht Angst – und die Kinder versuchen sich anzupassen.

Aber wenn das Mädchen nun unbedingt die pinke Barbie-Puppe haben möchte…
Man muss die Produkte nicht gleich boykottieren und nur noch alternative oder geschlechterneutrale Sachen kaufen. Damit kann man seinem Kind auch Schwierigkeiten bereiten, weil es sich dann vielleicht einer Welt nicht zugehörig fühlt. Vielmehr sollten sich Eltern gemeinsam dagegen verbünden und damit der Wirtschaft zeigen, wie wütend sie über diese Entwicklung sind. Außerdem sollte man den Kindern erklären, was dahinter steckt – jedoch ohne erhobenen Zeigefinger.

Wie hat sich das Gender-Marketing in den vergangenen Jahren entwickelt?
Das ist viel mehr geworden. Ich bin selbst immer überrascht, was es inzwischen alles gibt – vom Mineralwasser für Mädchen bis hin zu Gewürzgurken. Sogar Monopoly gibt in zwei Farben. Selbst das Bobby Car gibt es in Pink und Blau.

Eigentlich ist die Gesellschaft doch sensibler geworden: Gender-Mainstreaming hat Einzug in die politischen Debatten gefunden, der Koalitionsvertrag ist geschlechtsneutral verfasst, wir studieren Gender-Studies, wenn ein Politiker eine Kollegin „Süße Maus“ nennt, debattiert die Öffentlichkeit darüber. Wie passt diese Entwicklung dazu?
Eine gebildete Masse ist definitiv sensibler geworden und agiert auch differenzierter. Aber wir sehen zum Beispiel an dem Aufstieg der AfD oder dem Protest in Baden-Württemberg gegen die neuen Bildungspläne zur sexuellen Vielfalt als Unterrichtsthema, dass es immer noch viel Widerstand gegen alles gibt, was mit Gender zu tun hat.

Kritiker argumentieren, dass die Debatten um Gender-Ideologien am Thema vorbeigingen, dass moderne Feministinnen sich heute hysterisch mit Nichtigkeiten beschäftigten.
Es gibt einen großen Mainstream-Feminismus, der zum Beispiel von Alice Schwarzer vertreten wird. Schwarzer hat sich in den letzten Jahren aber vor allen damit beschäftigt, Islamophobie zu verbreiten. Auch nach der Silvesternacht in Köln im vergangenen Jahr ist sie nicht sehr differenziert vorgegangen. Davon grenzen wir uns stark ab. 68 Prozent der Frauen in Deutschland erleben in ihrem Leben sexuelle Gewalt. Wir fragen: Was hat diese hohe Zahl damit zu tun, dass schon junge Mädchen ständig als süß und niedlich dargestellt werden? Da sind viele kleine Bausteine, die dazu führen, dass Frauen weniger geachtet werden als Männer. Und das fängt eben schon im Kindergarten an.

Als während der Silvesternacht in Köln im vergangenen Jahr zahlreiche Frauen sexuell belästigt wurden, hieß es, dass die Feministinnen zu lange geschwiegen hätten.
Das ist natürlich völliger Quatsch. Wir gehen seit Jahren gegen sexualisierte Gewalt vor. Der Abend in Köln war furchtbar, aber: Über viele Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt wird oft gar nicht berichtet. Gerade nach den Ereignissen in Köln wurde der Feminismus stark von der Politik instrumentalisiert. Plötzlich wollten alle Frauen und Kinder beschützen, dabei müssten sie das seit Jahren.

Gerade im Netz werden Frauen, die sich für Gleichberechtigung engagieren, aufs Übelste beschimpft. Manchen wird mit Mord oder Vergewaltigung gedroht. Woher kommt diese Wut? Machtverlust?
Das sind Stammtischparolen. Früher hat sich keiner getraut, das öffentlich auszusprechen. Nun hat sich unsere Sprache im Netz enttabuisiert. Da spielt auch rein, dass Männer scheinbar an Macht verloren haben. Es gibt ja auch einen unheimlichen Druck auf Männer, erfolgreich zu sein und einem bestimmten Männerbild zu entsprechen, das alten Rollen entspricht. Das produziert bei einigen diese Aggressivität.

Viele junge Frauen können mit dem Begriff Feminismus heute nichts mehr anfangen. Warum?
Weil wir die Begriffe, die wir damit verbinden, teilweise von unseren Eltern übernommen haben: männerhassend, prüde und aggressiv. Eine Frau mit Haaren auf den Zähnen, das ist für jeden das absolute Schreckensbild. Vielen ist gar nicht klar, was Feminismus eigentlich bedeutet: Nämlich der Glaube daran, dass Frauen und Männer gleichgestellt sind. Das hat nichts damit zu tun, dass Frauen Männer abwerten wollen oder über sie Macht gewinnen wollen.

Wenn man auf das letzte Jahr schaut, hat sich politisch viel getan: Die Frauenquote wurde eingeführt, das Sexualstrafrecht verschärft, über ein Lohngleichheitsgesetz wird debattiert. Das sind doch Beweise, dass sich etwas tut.
Es ist großartig, dass wir uns politisch bewegen. Aber es sind eben auch ganz kleine Schritte. Vor allem gesellschaftlich sind wir noch nicht so weit. Wichtig ist, dass wir auch die ältere Generation mitnehmen, die, die konservativ denkt, die die AfD wählt und die sich durch den digitalen Wandel und durch die Netzsprache nicht mitgenommen fühlt.

Laut Gender Pay Gap Report 2016 des Weltwirtschaftsforums dauert es noch 170 Jahre, bis wir eine Gleichberechtigung am Arbeitsplatz erreicht haben. 2015 waren es noch 118. Eine Rückwärtsrolle. Wie kann das sein?
Das geht ganz schnell. Da braucht es nur eine Verschiebung wie zum Beispiel in den USA mit Donald Trump. Auch in England erstarken die konservativen Kräfte. Ob hundert Jahre oder zweihundert – das ist einfach viel zu viel. Nicht nur in Deutschland, vor allem in Schwellenländern bleibt unglaublich viel zu tun. Wir können uns noch lange nicht zurücklehnen und sagen, dass wir alle gleichberechtigt sind.

Interview: Melanie Reinsch

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