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Geiselradio "Ich denke immer an dich"

Entführt von Rebellen und Paramilitärs, leben hunderte Menschen im Dschungel Kolumbiens. Einmal pro Woche sprechen ihre Familien zu ihnen - im Geiselradio. Von Frederik Obermaier

04.02.2009 00:02
FREDERIK OBERMAIER
Colombia Hostages Killed
Angehörige von Entführungsopfern zünden Kerzen in Bogota als Protest gegen die Farc an (Archivbild). Foto: ap

Die Nächte in Gefangenschaft, in denen die Stimmen aus der anderen Welt zu hören sind, hat William Pérez Medina so erlebt: Die Sonne ist schon seit Stunden hinter dem dicht bewaldeten Horizont verschwunden. Nebel zieht die Hügel hinauf. Es ist Samstag auf Sonntag, Mitternacht, es ist die Nacht der Entführten. Im Dickicht des kolumbianischen Dschungels, in Erdlöchern oder feuchten Hängematten unter zerfransten Plastikplanen scharen sich die Geiseln zusammen, irgendwo an jenen geheimen Orten der linken Farc-Rebellen oder jenen der rechten Paramilitärs. William Pérez Medina ist eine Farc-Geisel, eine von geschätzten 800 landesweit. Er sitzt vor einem Transistorradio und wartet. Dann ist es soweit:

"Willkommen, all unsere Zuhörer in den Wäldern Kolumbiens." Endlich, Herbin Hoyos, 39, spricht, wie jeden Samstag. Er ist Moderator und Gründer von "Las voces del secuestro", den Stimmen der Entführung, Kolumbiens Geiselradio. Alle sieben Tage bietet er Dutzenden Menschen die Möglichkeit, zu ihren verschleppten Verwandten zu sprechen, ihnen Mut zu machen - für viele Entführte ist es der einzige Kontakt zur Welt jenseits ihrer Gefangenschaft.

"Seit vielen Jahren hat mir diese Sendung geholfen, dieses schreckliche Leben im Dschungel durchzustehen", sagt William Pérez Medina. 34 Jahre ist er alt, ist Sanitäts-Unteroffizier. Fast zehn Jahre lang war er in der Gewalt der Farc, am Ende war er in einer Gruppe mit der berühmtesten Geisel, mit der grünen Politikerin Ingrid Betancourt.

Schon ab elf Uhr warten sie in der kalten Nacht vor dem Hochhaus des Radiosenders Caracol im Norden der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá: Mütter, Väter, Onkel und Tanten, Töchter und Söhne, Freunde und Verlobte. Während lärmende Nachtschwärmer zur nächsten Bar wanken und die Taxis auf der viel befahrenen Carrera Septima vorbeibrausen, sitzen sie in kleinen Grüppchen vor dem Funkhaus. Die einen ziehen nervös an ihren Zigaretten, andere klammern sich an ihre Begleiter, erzählen sich gegenseitig vom Schicksal ihrer Verwandten. Ein bisschen abseits sitzt Ana Elvia Castro Mora. Kaum hörbar murmelt sie etwas vor sich hin. Es ist die Nachricht, die sie wenig später live per Mittelwelle in den Urwald schicken will.

"Ich komme jede Woche her", sagt die Mittfünfzigerin mit den traurigen braunen Augen im jungen Gesicht, "jede Woche seit dem 20. Januar 2007." Das war der Tag, an dem die Guerilleros der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, der Farc, ihren Cariño holten, ihren Liebling, William Giovanni Domínguez Castro, den jüngsten ihrer vier Söhne.

Der 23-jährige Berufssoldat wurde bei einem Gefecht mit der Linksguerilla verletzt und verschleppt. "Dabei war er doch noch so jung", schluchzt sie und schluckt die Tränen. Wie einen Rosenkranz hält sie in ihren Händen ein kleines, in Plastik eingeschweißtes Foto ihres Sohnes. Es zeigt einen braungebrannten Jungen mit schüchternem Lächeln in olivgrüner Uniform. Zärtlich streichelt Castro Mora über sein Gesicht, während sie erzählt.

Davon, wie sie monatelang nichts von ihm gehört hat. Keinen Brief bekam, keinen anonymen Anruf, keine Forderung der Farc. Nichts. "Ich wusste aber die ganze Zeit, dass er am Leben ist", sagt sie mit leiser Stimme. "Eine Mutter fühlt das."

Aus dem Gefühl ist mittlerweile Gewissheit geworden. Die Farc hat der Regierung ein Videoband zugespielt, als Beweis, dass William Giovanni noch am Leben ist, verbunden mit der Forderung nach einer Freilassung der inhaftierten Rebellen sowie der Schaffung einer entmilitarisierten Zone im Südwesten Kolumbiens. Bereits 1998 hatte der damalige Präsident Andrés Pastrana den Aufständischen eine solche Zone von der Größe der Schweiz zugestanden. Der Staat hatte sich aus dem Gebiet zurückgezogen. Doch die Entführungen hörten nicht auf, die Friedensverhandlungen scheiterten, Pastrana ließ die als Farclandia bekannt gewordene Region zurückerobern.

William Giovannis Mutter sitzt nach drei Sicherheitskontrollen im hell erleuchteten Studio im siebten Stock des Caracol-Funkhauses. Moderator Herbin Hoyos nimmt die zierliche Frau in den Arm, dann leuchtet das rote Licht auf, die Sendung beginnt. Ana Elvia Castro Mora klammert sich an ihren Kaffeebecher. Beinahe teilnahmslos starrt sie durch das Studiofenster auf die blinkenden und funkelnden Lichter der Diskotheken und Bars in Bogotás Amüsierviertel. Dorthin, wo auch ihr Sohn jetzt mit seinen Freunden ein Bier trinken oder mit seiner Verlobten Janeth in die Spätvorstellung des Kinos gehen könnte.

Wenn, ja wenn er nicht lebendiges Faustpfand und im Urwald versteckte Handelsware wäre. In einem Krieg, der Kolumbien schon seit mehr als 40 Jahren lähmt und in dem es schon lange nicht mehr um eine gerechte Gesellschaft geht. Im Konflikt zwischen Guerilla und Staat, Paramilitärs und Guerilla, Staat und Paramilitärs ist das Geschacher um Geiseln, Geld und Gefangene zum Selbstzweck geworden.

Längst ist die Revolutionssteuer, wie die Farc die Lösegelder nennt, nach dem Drogenhandel die größte Einnahmequelle der Rebellengruppe geworden.

Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe, dessen Vater bei einem Entführungsversuch ums Leben gekommen ist, verweist gerne auf die Erfolge seiner Politik der harten Hand. So ist die Farc, Kolumbiens größte Guerillagruppe, derzeit so schwach wie nie zuvor. Die Kämpfer desertieren dutzendweise. Im Mai vergangenen Jahres konnte die Armee die Rebellen bei einer spektakulären Militäraktion überrumpeln und ihre prominenteste Geisel, Ingrid Betancourt, befreien.

Mehr als 1500 Entführte sind auf der Homepage von "Las voces del secuestro" noch immer aufgelistet, Monat für Monat kommen Dutzende neue Namen hinzu. Soldaten, Politiker und Polizisten, Kinder und Greise, Arme und Reiche. Einige von ihnen vegetieren seit mehr als zehn Jahren in versteckten Dschungelgefängnissen vor sich hin.

Herbin Hoyos wurde auch entführt. Am 13. März 1994 verschleppte die Farc den Rundfunkjournalisten nach seiner abendlichen Politiksendung in die Berge, sie hatten ihm vor dem Rundfunkgebäude aufgelauert. Obwohl erst 24 Jahre alt, war Hoyos damals schon prominent in Kolumbien. Als Kriegsberichterstatter hatte er aus Palästina, Tschetschenien und dem Balkan berichtet. Jetzt wollten die Rebellen, dass er ihre Propaganda per Radio verbreitet.

In einem Lager der Linksguerilla traf er einen hageren, alten Mann. Er war an einem Baum gekettet worden, kauerte unter einer Plastikplane und presste sich einen Weltempfänger ans Ohr. "Als er mich erkannte, fragte er mich: ,Warum machen all die Journalisten kein Programm für uns Entführten, warum lassen sie nicht unsere Familien zu Wort kommen, warum lassen sie uns keine guten Nachrichten zukommen?'" Wenige Tage später, nach mehr als zwei Wochen in den Händen der Guerilleros, wurde Hoyos von der Armee befreit. Die Idee für die "Stimmen der Entführung" nahm er mit zurück in die Zivilisation. "Seitdem sind wir auf Sendung - fast 15 Jahre ohne Unterbrechung", sagt Hoyos.

Gesendet wurde schon damals nur nach Mitternacht, weil dann der Empfang im Urwald am besten ist und der Krieg Pause macht. Die anfänglichen 15 Sendeminuten waren jedoch schon bald zu wenig. Zu viele Menschen wollten zu ihren Angehörigen sprechen, auch wenn sie dafür mitten in der Nacht nach Bogotá kommen oder stundenlang in der Telefon-Warteschleife ausharren mussten. So wurden aus einer Viertelstunde schon bald drei Stunden.

Heute ist Hoyos sechs Stunden auf Sendung. Die Botschaften an die Verschleppten sind in rund 150 Ländern der Welt zu empfangen, unterbrochen lediglich von Nachrichten und gelegentlicher Eigenwerbung des Senders. Dazwischen Schicksale im Drei-Minuten-Takt. "Erinnerst du dich, als wir uns das erste Mal gesehen haben, als du zu mir nach Hause kamst? Erinnerst du dich daran, wie du mich an deinem Geburtstag zum allerersten Mal geküsst hast?", fragt eine junge Frau mit bebender Stimme ihren Verlobten, den sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Nun fleht sie ihn fast an: "Du sollst fröhlich sein, die Erinnerungen an unsere ersten Stunden sollen dir Kraft geben weiterzuleben, bis du freikommst." Nach ihr ist Ana Elvia Castro Mora an der Reihe. Zwei Stunden hat sie neben Moderator Hoyos darauf gewartet, zu ihrem Sohn sprechen zu können: "Ich denke immer an dich, zu jeder Tageszeit, zu jeder Stunde, in jedem Augenblick."

Die Nachrichten in dieser Nacht ähneln sich, es geht um Einsamkeit, Trost, Hoffnung und Liebe. Weinende Mütter und um Haltung bemühte Väter versuchen in einer Art gesprochenem Tagebuch ihre Liebsten zumindest für einen Moment an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Da erzählt eine Frau aus der Küstenstadt Santa Marta ihrem Mann, dass sie das Haus endlich umdekoriert hat. Ein junger Mann schildert seinem Bruder die Geburtstagsfeier der Großmutter, und ein Junge, der erst nach der Entführung seines Vaters zur Welt kam, erzählt von seinen Milchzähnen.

Auch wenn sie nicht einmal wissen, ob sie überhaupt zuhören können, ob sie nicht schon lange tot sind. Verscharrt irgendwo im Dschungel, wertlos geworden für ihre Entführer. Viele brechen bei den stundenlangen Gewaltmärschen durch den feuchtheißen Dschungel zusammen, ausgemergelt durch Tropenkrankheiten, deprimiert von den immer wieder scheiternden Verhandlungen und den nicht enden wollenden Tagen. Der Freitod scheint ein möglicher Ausweg aus dem Martyrium.

"Ein Ziel meiner Sendung ist es, eben dies zu verhindern", sagt Hoyos, "die Entführten sollen wissen, dass sie nicht allein sind, dass hier jemand auf sie wartet." Viele Geiseln, die ihr Martyrium im Dschungel überlebt haben, kommen bald nach ihrer Befreiung ins Studio, zur "Umarmung der Freiheit", wie Hoyos sagt, als lebender Beweis, dass die Hoffnung der Entführten nicht vergebens ist. Mehr als 11 000 waren es bislang, die Hoyos in die Arme schließen konnte. In dieser Nacht sind es Leutnant Raymundo Malagón und der Sanitäts-Unteroffizier William Pérez Medina.

Am 2. Juli des vergangenen Jahres sind sie gemeinsam mit der französisch-kolumbianischen Politikerin Ingrid Betancourt und zwölf weiteren Geiseln von der Armee befreit worden. Er habe es sich immer ausgemalt, wie es wohl sei, wenn er irgendwann hier im Studio sitzen könne, sagt William Pérez Medina. "Und jetzt ist es unbeschreiblich, dieses Gefühl, wirklich hier zu sein." Ein Drittel seines Lebens hat er in Geiselhaft verbracht. Schmächtig ist er, schüchtern wirkt er. Aber nun umarmt er Herbin Hoyos innig, "Gracias Don Herbin". Der versucht erst gar nicht, seinen Stolz zu verbergen und verkündet mit Pathos in der Stimme: "Bienvenido a la libertad", willkommen in der Freiheit.

Später, nach der Sendung wird der Radiomacher erklären, dass es eben diese Momente seien, die ihn und seine Unterstützer für ihr ehrenamtliches Engagement und die Entbehrungen entschädigen. Hoyos, ein kleiner Mann mit einem großen Ego, zahlt einen hohen Preis für sein Tun. Er bekommt Morddrohungen, wird rund um die Uhr von Bodyguards begleitet. Drei Attentate hat er schon überlebt, seine Familie lebt an einem geheimen Ort. Warum er all das auf sich nimmt? "Es ist meine Bestimmung. Ich schulde es dem alten Mann im Dschungel." Und dann fügt er leiser an: "Ich hoffe, dass ich irgendwann keine Zuhörer mehr habe. Bis dahin mache ich aber weiter."

Die meisten Angehörigen dieser Nacht sind schon nach Hause gegangen. Eine kleine Gruppe aber ist bis sechs Uhr morgens geblieben. An der Seite Hoyos' verlässt sie das Studio - mit müden Augen, aber der stillen Gewissheit, dass jetzt, wo es in den Bergen und Wäldern Kolumbiens dämmert, da draußen einige Geiseln neuen Mut geschöpft haben, weiterzuleben.

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