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Geheimnisverrat bei Online-Plattform Wikileaks leckt

Sämtliche US-Botschaftsdepeschen kursieren derzeit unredigiert im Netz. Assange gibt britischem Reporter die Schuld. Die Probleme bringen auch das geplante Konkurrenzprojekt Openleaks noch mehr ins Schwanken.

01.09.2011 21:11
Marin Majica
Daniel Domscheit-Berg will OpenLeaks gründen. Doch das Projekt leidet auch unter den Querelen um Wikileaks. (Archivbild) Foto: dpa

Es begann als Schwelbrand, mit einem kleinen Feuerchen tief unten im Keller. Doch dieses hat, nachdem es einige Monate lang unentdeckt vor sich hinkokelte, plötzlich eine große Menge Sauerstoff bekommen – und nun steht das ganze mühsam errichtete Gebäude lichterloh in Flammen, das die Enthüllungsplattform Wikileaks bis vor kurzem noch war.
Ist es das Ende des Projektes, das Regierungen und Unternehmen zu Transparenz zwingen und den Journalismus revolutionieren wollte? Wikileaks wird auf jeden Fall selbst von einem Geheimnisverrat erschüttert, und das Ausmaß ist beachtlich.

Auf etlichen Webseiten steht mittlerweile eine Datei zum Download bereit, die sämtliche rund 250.000 Botschaftsdepeschen enthält, aus denen Wikileaks seit November 2010 zusammen mit Medienpartnern wie der britischen Zeitung The Guardian oder dem deutschen Magazin Spiegel Auszüge veröffentlicht hat. Während dabei Namen von Informanten und Behörden-Mitarbeitern in den zum Teil geheimen Berichten geschwärzt wurden, um die Genannten nicht zu gefährden, enthalten die nun kursierenden Versionen der Datei unredigierte Rohfassungen inklusive Klarnamen.

Twitter-Nutzer stimmen über Zugang ab

Als wolle man der Enthüllung zuvorkommen, stellte Wikileaks selbst eine verschlüsselte, 584 Megabyte große Version dieser Depeschen in der Nacht auf Donnerstag ins Netz und ließ Twitter-Nutzer darüber abstimmen, ob man das Passwort veröffentlichen solle. Eine andere, 1,6 Gigabyte große Version namens „cables.csv“ stand jedoch längst auf der Plattform thepiratebay.org, inklusive Passwort. So dürften nun auch die letzten internationalen Geheimdienste nachlesen können, wer in ihren Ländern US-Diplomaten mit vertraulichen Informationen versorgt hat.

Die Schuld an diesem dramatischen Datenleck, zu dem es offenbar durch eine Verkettung von Fehlern gekommen ist, gibt Wikileaks dem Journalisten David Leigh. Der investigative Reporter des Guardian habe das Passwort zu der verschlüsselten Datei, das er von Julian Assange persönlich erhalten hatte, in dem Buch „Wikileaks“ erwähnt. Das ganze sei also vielmehr ein „Guardian-Skandal“, hieß es über den offiziellen Twitter-Account von Wikileaks.

Leigh konterte via Twitter, er sei davon ausgegangen, dass Passwort gelte nur kurz. Wikileaks wolle die Schuld an diesem „chaotischen Fehler“ auf andere abwälzen. Dies sei „traurig anzusehen“.

Tatsächlich trägt für Wikileaks neben Leigh der frühere deutsche Sprecher Daniel Domscheit-Berg die Verantwortung für das Desaster. Dieser hatte einen Journalisten der linken Wochenzeitung "Der Freitag" auf Datei und Passwort aufmerksam gemacht – also jemanden aus jener Redaktion, die Partner von Domscheit-Bergs geplantem Enthüllungsprojekt Openleaks.org ist.

Folgen sind unklar

Während sich nun die Beteiligten gegenseitig die Schuld an dem möglicherweise folgenreichen Datenleck geben, ist derzeit noch unklar, welche Folgen es für Wikileaks hat. Auch wenn US-Behörden die Gefahr der Enttarnung von Zuträgern und die Gefährdung von Mitarbeitern in Krisengebieten immer wieder nahelegen - die Plattform hat bereits Hunderttausende Dokumente veröffentlicht und dabei bisher weder eine Quelle enttarnt noch persönlichen Schaden für einen Informanten herbeigeführt. Und vom aktuellen Datenleck sind ausschließlich die Botschaftsdepeschen betroffen.

Doch die nun zutage tretenden Schlampereien, Fahrlässigkeiten und selbstherrlichen Entscheidungen und der Streit zwischen Domscheit-Berg und Assange ermutigen sicher keinen Whistleblower, brisante Informationen einzureichen – was derzeit ohnehin nicht möglich ist. Domscheit-Berg hat die Briefkasten-Software von Wikileaks bei seinem Weggang mitgenommen. Und Openleaks ist noch nicht online.

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