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Geheimdienste Die tolerierte Entführung des Jeffrey Carney

Der deutsche Staat ist empört, dass unter seiner Nase in der Hauptstadt Vietnam einen geflohenen Funktionär entführt hat. Dabei gab’s das schon mal - 1991 durch die USA.

Teufelsberg
Carneys Dienststelle lag auf dem Teufelsberg, im gen Osten gerichteten Lausch- und Spionageposten der NSA. Foto: Imago

Die Entführung eines vietnamesischen KP-Funktionärs mitten in Berlin hat dieser Tage ein Sprecher des Auswärtigen Amtes als „präzedenzlosen Vorgang“ verurteilt. Das stimmt aber nicht: Schon 1991 hatte es einen vergleichbaren Fall gegeben, der jedoch auf deutlich weniger Empörung der Bundesregierung traf. Damals waren es Agenten des US-Militärgeheimdienstes OSI, die einen ehemaligen Stasi-Spion mitten in Berlin-Friedrichshain kidnappten.

Der 22. April 1991, ein Montag, ist Jens Karneys erster Arbeitstag nach dem Urlaub. Morgens um 9 Uhr verlässt er sein Wohnhaus in der Friedrichshainer Pintschstraße. Der 27-Jährige ist U-Bahn-Fahrer. Nach wenigen Metern nähern sich ihm sechs Männer. Plötzlich rast auch ein Wagen heran. Die Männer packen ihr Opfer und zerren es ins Auto, das mit quietschenden Reifen davonfährt. Schon ein paar Tage später ist Karney, der eigentlich Jeffrey Carney heißt und 1985 als US-Soldat und Stasi-Spion in die DDR geflohen war, in den USA.

Überläufer mit Depression

Im Oktober 1983 hatte sich Carney, damals Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA, in Ostberlin der Stasi angeboten. Warum er die Seiten wechselte, erzählt er viele Jahre später in einem Buch. „Voller Hass“ sei er gewesen – auf sich, sein Land, seine Kollegen, seine Familie. Er litt unter seiner nach außen verborgenen Homosexualität, den Demütigungen seiner Kameraden. Die heimliche Liebe zu einem schwarzen Unteroffizier hatte ihn in Depressionen gestürzt.

Seinen Wunsch, in der DDR ein neues Leben zu beginnen, lehnte die Stasi 1983 jedoch ab. Der DDR-Geheimdienst hatte kein Interesse daran, einen depressiven jungen Mann zu betreuen. Die Berufsspione interessierte viel mehr das Material, an das Carney in seiner Dienststelle auf dem Westberliner Teufelsberg herankam. Fortan lieferte „Kid“ – so sein Deckname – alles, was er als Angehöriger der „6912th Electronic Security Group“ an Geheimmaterial in die Finger bekam. Bis hinauf zum KGB versah man „Kids“ Informationen mit dem Prädikat „höchste Wertigkeit“.

1984 kehrte Carney in die USA zurück. Der Kontakt zur Stasi blieb aber bestehen. Und auch seine Probleme. Und so setzte sich der US-Soldat 1985 über die DDR-Botschaft in Mexiko nach Ostberlin ab. Fortan wohnte er in Friedrichshain und hörte für die Stasi den US-Observationsfunk in Westberlin ab.

Dann kam der Mauerfall. Carney, der zum DDR-Bürger Jens Karney geworden war, wurde U-Bahn-Fahrer auf der Strecke Alexanderplatz–Tierpark. Bis zu jenem Apriltag 1991. Wie es heißt, sollen Stasi-Überläufer den Amerikanern einen Tipp gegeben haben. Carney wurde bei Nacht und Nebel von Tempelhof aus über Frankfurt ausgeflogen. Die deutschen Stellen wurden nicht informiert. Und auch, als die Bonner Bundesregierung von dem Vorgang Wind bekam, hielt sie die Füße still. Erst 1998 – inzwischen hatten auch deutsche Medien berichtet – übergab Bonn im US-Außenministerium eine Protestnote gegen die „gewaltsame Rückführung“. Bei der Entführung handelte es sich laut interner Einschätzung der Bonner Behörden um eine klare Völkerrechtsverletzung, weil das Besatzungsrecht im April 1991 seit fünf Wochen nicht mehr gegolten habe. Die USA reagierten nicht.

Carney wurde von einem US-Militärgericht zu 38 Jahren Haft verurteilt. Elf Jahre, sieben Monate und 20 Tage der Strafe saß er in Fort Leavenworth (Kansas) ab. Gegen die Entführer leiteten die deutschen Behörden keine Ermittlungen ein.

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