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Gedenken im Tiergarten Denkmal für Sinti und Roma eingeweiht

Im Berliner Tiergarten gibt es nun endlich ein Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma. Dass die Anteilnahme mit dieser Opfergruppe viel zu lange zu kurz kam, betont bei der Einweihung auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

24.10.2012 16:58
Julia Haak
Ein Blumenbouquet liegt am Denkmal für die Sinti- und Roma-Opfer des Holocoust. Foto: AFP

Endlich. Dieses Wort ist am Mittwoch im Berliner Tiergarten des öfteren gefallen. Die feierliche Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma hat lange auf sich warten lassen. 67 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen.

Und so eint die Redner an diesem Tag das Bedauern darüber, das so viel Zeit vergehen musste, bis Deutschland in angemessener Form an die vermutlich bis zu 500.000 Menschen erinnert, die die Nationalsozialisten als „Zigeuner“ planmäßig und systematisch vernichtet haben, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann sagt.

Zoni Weisz, der als Überlebender beim feierlichen Akt in Anwesenheit des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin zu den versammelten Ehrengästen sprechen darf, wirft allerdings keinen Blick zurück im Zorn. „Es ist eine Freude, dass dieses Denkmal nun endlich eingeweiht wird“, sagt er. Angela Merkel dankt ihm später für seine tief berührenden Worte.

„Ein See stummer Tränen“

Weisz’ Ansprache ist der emotionale Moment an diesem Tag. Der 1937 in Den Haag Geborene schildert, wie er dem Transport ins Vernichtungslager entkommen ist. Er spricht von jenem Bahnsteig, auf dem er wartend stand, von stampfenden Stiefeln, davon, wie der Zug mit seinen Eltern und Geschwistern darin vorbeifuhr, die nicht das gleiche Glück hatten. Sie kamen nach Auschwitz und wurden dort später vergast. Er erinnert daran, wie sein Vater der Tante zurief, sie solle gut auf seinen Jungen aufpassen. An dieser Stelle versagt Weisz die Stimme, er ringt um Fassung.

„Ich hoffe, dass mit diesem Denkmal der vergessene Holocaust nicht länger vergessen wird“, sagt Weisz. Denn das Gedenken an das, was diese Minderheit unter den Nationalsozialisten erleiden musste, ist keine Selbstverständlichkeit. Ein jahrzehntelang verdrängtes Verbrechen, nennt Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, den Völkermord. Dabei gebe es in Deutschland keine Sinti-Familie, die nicht ein Mitglied durch die Nazis verloren habe. Es ist wohl auch Roses Beharrlichkeit zu verdanken, dass es überhaupt zu diesem Denkmal gekommen ist.

Nun gibt es sie, diese spiegelnde Wasserfläche gleich neben dem Reichstagsgebäude, auf einer Lichtung zwischen Scheidemann- und Ebertstraße. Angela Merkel nennt den Brunnen mit den verstreuten Steinen drum herum einen „See stummer Tränen“. Schwarz wirkt das Wasser, ein paar Blätter schwimmen an diesem Tag darin. Der israelische Künstler Dani Karavan hat diesen Ort der Anteilnahme entworfen. Er hatte lange Sorge, keinen angemessenen Ort zu erhalten, wie er sagt. Dabei sei dieses Denkmal das denkwürdigste, was er je geschaffen habe.

Hausgemachte Schwierigkeiten

Es hat viele Schwierigkeiten gegeben auf dem Weg, dieses Denkmal zu errichten. Manche waren hausgemacht wie ein Streit über eine Inschrift. Aber dass diese Opfergruppe viel zu lange, viel zu wenig wahrgenommen wurde, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Tag auf dem Podium sagt, stimmt auch.

Noch etwas hebt die Kanzlerin hervor: „Sinti und Roma müssen auch heute noch um ihre Rechte kämpfen“. Sie erlebten Ausgrenzung und Ablehnung und deshalb begrüße sie das Gedenken als eine bleibende Mahnung gegen Diskriminierung, Rassismus und Totalitarismus. Anteilnahme an dem Leid anderer sei die Aufgabe jedes einzelnen in der Gesellschaft. „Hinsehen, nicht wegsehen“, fordert Merkel.

Dann darf das zwölfjährige Sinti-Mädchen Messina Weiss, die Urenkelin einer Auschwitz-Überlebenden, als erste zum Brunnen gehen. Sie trägt eine Blume, einen Eisenhut in den unterirdischen Brunnenbereich und legt sie dort auf einen Sockel. Der dreieckige Stein mit der Blume darauf fährt nach oben. Er bildet den Mittelpunkt des Denkmals. Täglich soll die Blume nun durch eine frische ersetzt werden – ein Schmuck, um den man sich kümmern muss.

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