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Gaza „Wir haben nur noch Geld für einen Monat“

Der Chef des Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge, Matthias Schmale, spricht im Interview über die Streichung der US-Mittel, die Folgen für Schulen und die Stimmung im Gazastreifen.

Proteste gegen die US-Entscheidung
Palästinenser im Gazastreifen protestieren gegen die Entscheidung der USA, das Hilfswerk UNRWA nicht mehr mitzufinanzieren. Foto: rtr

Herr Schmale, die USA haben dem Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) sämtliche Hilfsgelder gestrichen. Wirkt sich das bereits aus?
Mit Sicherheit. Ende Juni musste ich bereits mehr als 500 Mitarbeiter auf Teilzeit setzen und 100 entlassen. Das hat zu massiven Protesten geführt. Ich konnte zwei Wochen nicht in mein Büro. Wir haben hier eine recht militante Gewerkschaft.

Sitzt die Hamas mit in der Gewerkschaft?
Nicht direkt, aber einige der Gewerkschaftsmitglieder sind sehr von der Hamas beeinflusst. Vor einem Jahr, kurz bevor ich hier meinen Dienst antrat, musste ein Gewerkschaftsführer, der auch Schulleiter war, vor die Tür gesetzt werden, weil rauskam, dass er Mitglied im Politbüro der Hamas war.

Gehört Mut dazu, im Gazastreifen als UNRWA-Chef zu arbeiten?
Auf einen Vorgänger von mir wurde mal ein Anschlag verübt. Seitdem werden UNRWA-Direktoren streng bewacht. Aber ein Risiko gibt es immer. Die Proteste und die Wut richten sich oft gegen mich persönlich. Leute, denen ich kündigen muss, sagen mir ins Gesicht: Ich finde hier nie wieder Arbeit, ich lande im Gefängnis, weil ich mein Darlehen nicht abzahlen kann, du vollstreckst gerade mein Todesurteil! Diesen Druck auszuhalten, ist schwierig. Es gibt hier 50 Prozent Arbeitslosigkeit.

Beim „Marsch der Rückkehr“ der Palästinenser an der Grenze zu Israel wurden in den vergangenen Monaten mehr als 130 Menschen erschossen. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt? 
Von den 130 Opfern waren zehn Schüler unserer Schulen, davon zwei Mädchen. Das hat tiefe Trauer und Verunsicherung hinterlassen. Am Anfang wollten viele ja wirklich friedlich ihren Sorgen Ausdruck verleihen. Dass die Proteste so blutig zurückgeschlagen wurden, hat ihnen die letzten Hoffnungen genommen. 

Waren Sie selbst bei den Protesten der Palästinenser dabei?
Nein, UNRWA-Mitarbeiter dürfen sich politisch nicht einmischen.

Die US-Regierung behauptet, dass das Hilfswerk UNRWA „hoffnungslos fehlerbehaftet“ sei. Stimmt das?
Unfug. Wir müssen uns wie jede große Verwaltung Kritik gefallen lassen. Aber für den blanken Vorwurf, wir seien korrupt und ineffizient, gibt es einfach keine Beweise. Ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass wir handeln, wenn wir auf Sachen stoßen, die nicht in Ordnung sind. 

Welchen Einfluss haben Sie beispielsweise auf Inhalte von Schulbüchern?
Wir geben nicht unsere eigenen Schulbücher raus. Im Libanon benutzen wir libanesische, hier im Gazastreifen die der Palästinensischen Autonomiebehörde. Es gibt darin immer wieder Aufrufe zu Hass oder Gewalt oder historisch falsche Darstellungen. Wir haben die Schulbücher rigoros überprüfen lassen, Lehrern neues Material zur Verfügung gestellt und versucht, sie zu bewegen, andere Perspektiven darzustellen. 8000 Lehrer zu kontrollieren, ist aber schwer, und ich kann meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass es keine Verstöße gibt. 

Sollte die UNRWA reformiert werden, wie es von den USA gefordert wird?
Die UN-Vollversammlung hat uns 1949 damit beauftragt, die Versorgung der palästinensischen Flüchtlinge zu gewährleisten. Wenn sich der Auftrag ändert, richten wir uns danach. Eine andere Forderung ist, die nachfolgenden Generationen nicht mehr als Flüchtlinge zu registrieren. Auch das ist mit dem UN-Mandat verbunden. Für politische Forderungen sind wir der falsche Adressat. 

Hindert der ewige Flüchtlingsstatus Palästinenser daran, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen?
Dieses Argument kann ich nicht nachzuvollziehen. Im Libanon zum Beispiel, wo ich vorher gearbeitet habe, gibt es 500.000 registrierte palästinensische Flüchtlinge, von denen sind aber nur noch 300.000 im Land. Das bedeutet, dass 200.000 es geschafft haben, sich anderswo eine Existenz aufzubauen, in Deutschland zum Beispiel. 

Warum sind sie dann immer noch als Flüchtlinge registriert?
Weil sie darauf bestehen, aus meiner Sicht zu Recht. Denn wenn es einmal zu einer gerechten politischen Lösung kommen sollte, dann müssen sie mit einbezogen werden. 

Könnte eine finanzielle Entschädigung eine Lösung sein?
Das kann ich als UNRWA-Mitarbeiter nicht entscheiden, aber in den ursprünglichen UN-Beschlüssen wird eine Entschädigung angesprochen und vielleicht könnte das ja zu einem Paket gehören, auf das sich Israelis und Palästinenser einigen.

Wie wurde Deutschlands Bereitschaft aufgenommen, die Zahlungen für die UNRWA zu erhöhen?
Sehr positiv. Aber es gibt natürlich die Angst, dass es nicht reicht und UNRWA ganz aufgelöst wird.

Wie geht es jetzt weiter? 
Der Streik ist erst mal vorbei, die Schulen konnten wieder mit dem Unterricht beginnen. Das Geld reicht aber nur noch für einen Monat. Die Gewerkschaft hat jetzt vorgeschlagen, allen Stabsmitgliedern einen Tag ihres Monatsgehalts abzuziehen, um eine Notversorgung zu sichern. 

Geben auch Sie etwas von Ihrem Gehalt ab? 
Der Streitpunkt ist noch, ob wir das freiwillig machen oder verordnen. Ich habe gesagt, ich bin nicht der Präsident von Nordkorea, der anordnet, jeder gibt einen Tag Gehalt ab. Und ja, ich überlege, ob ich das selbst auch mache. 

Interview: Anja Reich

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Israel

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