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Gaza Noch eine blutige Schlacht am Grenzzaun

Die Hamas verspricht, die Proteste vom Freitag sollen die letzten gewesen sein – ob das stimmt, kann niemand sagen.

Gaza
Proteste am Grenzzaun. Foto: rtr

Zwei Stunden bevor sich Palästinenser und israelisches Militär am Grenzzaun zu Gaza eine weitere Schlacht liefern werden, hat ein paar Kilometer nördlich bereits eine andere begonnen. Dort, wo sich die Landstraße Nummer 4 und die Nummer 34 treffen, stehen elf Männer und Frauen am Straßenrand. Sie tragen Baseballcaps und Sonnenhüte und haben Schilder in der Hand, auf denen steht: Frieden für Gaza! Verhandlungen mit Hamas! Stoppt die Gewalt!

Es ist nur eine winzige Gruppe von Israelis, die in den Grenzorten zu Gaza wohnen, aber die Reaktionen sind so, als hätten die Palästinenser den Grenzzaun bereits durchbrochen. Männer kurbeln ihre Scheiben herunter, pfeifen, schimpfen, spucken, heben die Faust, rufen: „Verbrecher! Verräter! Hurensöhne!“ Nomika Zion, eine Frau aus Sderot, hält tapfer ihr Schild in die Höhe und sagt, das sei noch harmlos, sie seien schon direkt angegriffen worden. Genau vor ihr bremst jetzt ein Auto mit quietschenden Reifen, ein Mann steigt aus, läuft die Straße hoch und wieder runter, den Kopf hochrot, beschimpft die Demonstranten, steigt ins Auto, fährt weg.

Es ist Freitag, 12 Uhr. Während in Tel Aviv die Pride Parade, der Festzug der schwulen und lesbischen Community, beginnt, werden in Gaza die ersten Reifen angezündet und brennende Kinderdrachen über die Grenze nach Israel geschickt. Seit zehn Wochen dauern die Proteste in Gaza an, es sollen die letzten sein, sagt die Hamas, ob das stimmt, kann niemand sagen. Die Hamas ist unberechenbar und die Situation in Gaza so hoffnungslos, dass sich immer wieder Menschen finden, die bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Mehr als 100 Palästinenser kamen seit Ende März ums Leben. Am vergangenen Freitag starb Razan Najjar, eine 21-jährige Sanitäterin. Die Kugel eines israelischen Scharfschützen traf sie in den Hals, als sie Verwundeten zu Hilfe eilen wollte. Die Hamas spricht von Mord, das israelische Militär sagt, es handele sich um einen tragischen Unfall, niemand habe gezielt auf die Sanitäterin geschossen.

Jonathan Conricus, Sprecher des Militärs, steht auf einem Olivenfeld, nicht einmal einen Kilometer vom Grenzzaun entfernt, und sagt, die genauen Umstände würden noch untersucht. Es ist 16 Uhr. Die Proteste haben begonnen. Heute stehen sie unter dem Motto „Holocaust“. Die Hamas hat sich das Motto ausgedacht und den Teilnehmern der Proteste gestreifte Anzüge zur Verfügung gestellt. Ob jemand sie angezogen hat, ist von der israelischen Seite aus nicht zu erkennen. Man sieht nur Felder, Hügel, auf denen Soldaten liegen, den Grenzzaun und dahinter viele bunte Punkte in einer dichten Reihe. Die Punkte sind Palästinenser. Dichter schwarzer Rauch steigt auf, ein Drachen landet auf israelischer Seite in einem Feld, das Feld fängt Feuer, vereinzelt fallen Schüsse. 4000 Demonstranten meldet die Hamas, fast 400 Verwundete das palästinensische Gesundheitsministerium. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP sei in den Fuß geschossen worden.

Zwei Kilometer von hier, in einem freundlichen, klimaanlagengekühlten Raum, sitzen Tal, Shakek, Yam und Amit, vier aufgeweckte 17-Jährige, und besprechen das letzte Mal ihren Auftritt. Sie sind Bewohner des Kibbuz Nir Am, der Kibbuz feiert heute seinen 75. Geburtstag. Die Jugendlichen werden auf Tischen einen Messertanz aufführen. Messer wegen der Proteste in Gaza? Nein, nein. Sie lachen. Im Kibbuz gibt es eine Fabrik, in der Besteck hergestellt wird. Deshalb die Messer.

Tal, ein Junge, holt sein Handy raus und zeigt ein Video von einem brennenden Feld. Das Feld ist direkt neben dem Kibbuz. Die Mädchen sagen, der Rauch sei schlimm, aber noch schlimmer sei, wenn Bombenalarm ist und sie den ganzen Tag im Luftschutzbunker verbringen müssen. Mit ihren Eltern. Sie lachen. Sie sind damit aufgewachsen, dass neben ihrem Kindergarten Raketen landen, sie reden über nichts so viel wie über Gaza, sagen sie. Und streiten, wer Schuld hat an der Gewalt.

Und wer hat Schuld? Sie sehen sich an und sagen, das sei wirklich sehr kompliziert. Dann gehen sie auf die Bühne, den Messertanz proben. (mit dpa)

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