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Gastbeitrag zu Drohnen Obamas leise Killer

Im Zeitalter der Drohnen töten amerikanische Krieger im Sessel, mit dem Joystick in der Hand. Die Einsätze verstoßen nicht nur gegen das Völkerrecht, sie betreffen uns alle.

20.06.2012 06:00
Clive Stafford Smith
Eine Drohne startet bei Nacht in Afghanistan. Foto: dapd

Manchmal schleicht sich die Zukunft ganz leise heran, und wir bemerken sie erst, wenn sie unsere Welt schon bis zur Unkenntlichkeit verändert hat. So war es am 6. August 1945, als das Atomzeitalter über Hiroshima und die Welt kam. Die USA hatten die Atombombe unter höchster Geheimhaltung entwickelt, und die Explosion fand statt, bevor man überhaupt wusste was eine Atomwaffe war.

Damals wurde eine neue Weltordnung begründet, in der der Club der Atommächte auf Nicht-Weiterverbreitung besteht, aber für sich selbst Abrüstung ablehnt.

Seit 67 Jahren leben wir im Atomzeitalter; jetzt beginnt das Drohnenzeitalter. Im Jahr 2012 drohen die Drohnen - die unbemannten Fluggeräte – unsere Welt noch grundsätzlicher zu verändern als es damals die Atombombe tat.

Wenn wir dem Thema Drohnen bisher überhaupt Aufmerksamkeit schenken, dann gilt sie der pakistanischen Grenzregion zu Afghanistan, wo US-Drohnen des Typs Predator („Raubtier“) über den Dörfern von Waziristan kreisen. Mehrere tausend Meilen weit weg, im Luftwaffenstützpunkt Creech in Nevada, lehnt sich unterdessen ein „Pilot“ in seinem Ledersessel zurück, trinkt einen Schluck Kaffee und beobachtet seinen Bildschirm.

Er greift zum Joystick an seiner Videokonsole, während die Kamera ihm ein unscharfes Bild eines einheimischen Mannes zeigt.

Tod eines 16-Jährigen

Vielleicht hat der Mann gerade das zornige Sirren der Drohne gehört; jedenfalls rennt er los, um Schutz zu finden. Die CIA-Piloten haben für ihn einen besonderen Namen, sie nennen ihn Squirter, weil sie annehmen, dass er jetzt vor Angst in die Hose macht.

Der Pilot positioniert das Fadenkreuz und gibt die Hellfire-Rakete frei. Der Squirter wird zum Bugsplat – einem zermatschten Insekt, wie die zivilen Opfer von Luftangriffen im Pilotenjargon heißen. Wieder einmal hat Barack Obamas Todesliste ein Menschenleben gekostet.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie willkürlich Drohnen töten. Im Oktober 2011 lernte ich bei einer Konferenz, die meine Organisation Reprieve in Islamabad zum Thema Drohnen organisiert hatte, Tarik Asis kennen, einen 16jährigen Jungen aus Waziristan. Er wollte wissen, was er tun könnte, um die CIA davon abzuhalten, den Tod auf seine Familie rDegnen zu lassen.

Drei Tage nach dieser Begegnung gab die CIA bekannt, sie habe vier Kämpfer eliminiert. In Wirklichkeit hatte es nur zwei Opfer gegeben: Tarik war mit seinem zwölfjährigen Cousin auf dem Weg zum Haus ihrer Tante gewesen, als die CIA sie umbrachte. Ein einheimischer Informant hatte das Auto offenbar per GPS-Monitor identifiziert und falsche Angaben über die Insassen gemacht, um sich eine Kopfprämie zu verdienen.

Verletzung der Völkerrechts

Der Drohnen-Virus verbreitet sich rasch. Im Jahr 2001 verfügte das Pentagon über 50 waffentaugliche Drohnen; heute sind es über 10.000. Die New York Times veröffentliche vor kurzem einen „Enthüllungsbericht“ über Obamas wöchentliche Treffen, bei denen er und sein stellvertretender Sicherheitsberater John Brennan – ein Mann mit dem Spitznahmen „Tötungs-Zar“ – darüber beraten, wer als nächstes umgebracht werden soll.

Pakistan, obwohl es doch angeblich ein Verbündeter der USA ist, lehnt die Drohnenangriffe nachdrücklich ab, weil sie den Extremismus anheizen. Sie verstoßen außerdem gegen das Völkerrecht. In Afghanistan führen die USA einen unklugen, aber vermutlich legalen Krieg, so wie sie das in den 60er Jahren in Vietnam taten.

Das Abfeuern von Hellfire-Raketen auf Waziristan im benachbarten Pakistan aber lässt sich kaum von den Bombenangriffen auf Kambodscha, dem Nachbarland Vietnams, im Jahr 1969 unterscheiden.

Als die Bombardierung von Kambodscha bekannt wurde, debattierte der US-Kongress, ob daraus ein Anklagepunkt im Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Richard Nixon werden sollte. Die Drohnenangriffe in Pakistan werfen, jenseits der Illegalität von Obamas Programm, eine grundsätzlichere Frage auf: Was sagt es über die amerikanischen Wähler aus, dass Obama gedacht hat, es wäre in seinem politischen Interesse, die Geschichte über seine Todesliste durchsickern zu lassen?

Mittäter in Europa

Schlimmer noch: Obamas Einschätzung war offenbar richtig. 83 Prozent der Amerikaner sprechen sich derzeit für seinen aggressiven Einsatz von Drohnen zur Tötung von Menschen rund um den Globus aus.

Die Europäer sind bei diesen Ereignissen leider keine unbeteiligten Zuschauer. Einige europäische Regierungen leisten Beihilfe, genauso, wie sie es bei den Folterungen und illegalen Verschleppungen taten. Sie liefern der CIA Informationen und ermöglichen dadurch in manchen Fällen sogar Mord an ihren eigenen Staatsbürgern in Pakistan. Die Mittäterschaft Großbritanniens ist verbürgt, und wir haben die Regierung deswegen bereits verklagt.

Sehr wahrscheinlich ist, dass auch die deutschen Geheimdienste beteiligt sind. Unsere Sicherheitsdienste sind so scharf darauf, ihren mächtigen Verbündeten zufrieden zu stellen, dass sie Realpolitik über Moral und Recht stellen.

Drohnen im Zivileinsatz

Die Ermordung von Frauen und Kindern in Waziristan ist nur ein Teil dieser Schreckens-Utopie. So wie die Atomenergie uns zu Tschernobyl und Fukushima führte, so werden die Drohnen bald schon über unserer Zivilgesellschaft kreisen. Britische Polizisten setzen Drohnen ein, um angebliche Verbrecher zu verfolgen; eine Polizeieinheit in Texas hat bewaffnete Drohnen erworben, um Verdächtige aus der Luft mit Elektroschockern anzugreifen.

Kommen Sie zu den Olympischen Spielen nach London, und wir versprechen, dass wir per Überwachungsdrohne ein Auge auf Sie haben werden!

Die Zukunft hat begonnen. Wir müssen achtgeben.

Übersetzung aus dem Englischen: Bettina Vestring

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