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G20-Geschichte Von Seattle nach Genua und Hamburg

Die Proteste gegen die großen Gipfeltreffen haben ihre ganz eigene Tradition - und eigentlich schien ihre Hochphase längst vorüber.

Schlumper Gallery
Schlumper Gallery, Hamburg: Kunst für G20. Foto: rtr

Die Proteste gegen Gipfeltreffen haben längst eine ganz eigene Tradition. Sie beginnt für viele 1999 in Seattle, wo es besonders für US-amerikanische Verhältnisse zu besonders großen Demonstrationen und Ausschreitungen kam – und das wegen eines Treffens der Welthandelsorganisation WTO. Manche sehen darin die Geburtsstunde der globalisierungskritischen Bewegung, die unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“ gegen die Tina-Lehre („There is no Alternative“) der neoliberalen Weltordnung protestiert: 2001 tagt das erste Weltsozialforum in Porto Alegre, das Anti-Großkonzerne-Buch „No Logo“ der kanadischen Autorin Naomi Klein wird zum Bestseller – und die Gipfel der Mächtigen werden zu Treffpunkten einer Gegenkultur, bei denen sich mitunter der Eine-Welt-Laden-Verkäufer und die vermummte Anarchistin begegnen.

In den Protestcamps und auf den Alternativgipfeln soll diese Gegenkultur auch vorgelebt werden. So wie sich jenseits des Zauns die Staatschefs treffen, kommen auf der anderen Seite Aktivisten aus vielen verschiedenen Ländern zusammen. Sie vernetzen sich zunehmend, eine eigene Infrastruktur wird aufgebaut – auf den Zeltplätzen und im Internet.

Es geht bei den Protesten seit Anfang an nicht zuletzt immer auch um eine Auseinandersetzung um Demonstrationsrechte, die bei den Großevents eingeschränkt werden. Für die Polizeistrategie bei derartigen Lagen gibt es inzwischen sogar einen Fachbegriff: Summit polling.

Der G8-Gipfel in Genua 2001 gilt als prägend: Damals wird der Demonstrant Carlo Giuliani bei Auseinandersetzungen von Carabinieri erschossen. In der Stadt kommt es zu schweren Ausschreitungen. Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof hat Italien erst vor wenigen Tagen wegen Gewalt von Polizisten gegen Demonstranten verurteilt. Die Straßburger Richter werteten die nächtliche Stürmung der Diaz-Schule, die damals als Übernachtungslager diente, als Folter: Demonstranten waren brutal geschlagen und zum Teil schwer verletzt worden. Die 42 Kläger aus mehreren Staaten, darunter auch mehrere aus Deutschland, erhielten Entschädigungszahlungen von bis zu 55 000 Euro zugesprochen.

Der Hochphase der globalisierungskritischen Bewegung ist aber vorüber: Manche Aktivisten zog es von den Protestcamps in größere NGOs, andere aus der Szene kritisierten die auf die Großevents fokussierten Aktionen, Symbolpolitik und zu simple Slogans. Manche Forderungen (Tobin-Steuer, bedingungsloses Grundeinkommen, Fairtrade) sind inzwischen im Mainstream angekommen oder vom Gegner vereinnahmt, andere scheinen angesichts des autoritären Rucks weltweit aus der Zeit gefallen. Immer wieder gibt es auch Streit innerhalb der Bewegung – nicht zuletzt über die Gewaltfrage.

Nach den großen Protesten gegen den G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm schien das „Gipfelhopping“ jedenfalls für viele aus der linken Szene an Attraktivität verloren zu haben. Auch die Treffen selbst sind angesichts der Weltlage in die Krise geraten. Aus G8 wurde G7 – und beim G20-Treffen sitzen Staaten am Tisch, die sonst wenig verbindet. Die Tina-Lehre wird inzwischen längst von rechts angegriffen: Kapitalismus plus offener Autoritarismus – ist doch auch eine Alternative, oder?

Einer von vielen Gründen, warum der Gipfel in Hamburg für viele Linke wieder Anziehungskraft hat – als Ort des Protests und als Treffpunkt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier G20 in Hamburg

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