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Friedensverhandlungen Äthiopien und Eritrea nähern sich an

Die langjährigen Rivalen wollen ihren Grenzkonflikt beilegen. Die Regierungschefs beginnen mit Friedensgesprächen.

Äthiopien und Eritrea beraten über Frieden
Sprechen über Frieden: Abiy Ahmed (links), Ministerpräsidnet von Äthiopien, und Isaias Afwerki, Präsident Eritreas. Foto: dpa

Von einer derartigen Begrüßung hätten seine Vorgänger nicht einmal träumen können. Als Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed am Sonntag zu einem überraschenden Besuch im Nachbarstaat Eritrea eintraf, wehten ihm Banner mit der Aufschrift „Willkommen, lieber Bruder“ entgegen. Auf dem Weg vom Flughafen Asmaras winkten dem Premierminister Tausende von Eritreer mit äthiopischen Fähnlein zu, und im Präsidentenpalast wurde er von seinem Amtskollegen Isaias Afeworki umarmt, der Äthiopien noch bis vor kurzem voller Hass gegenüberstand. 

Zwei Jahrzehnte lang herrschte zwischen den Bruderstaaten bittere Eiszeit, die nach einem 80 000 Opfer fordernden Krieg ausgebrochen war: Hunderttausende von Eritreern sind in den vergangenen 18 Jahren in Richtung Europa geflohen, weil sie der andauernden Mobilmachung in ihrer Heimat zu entkommen suchten. Das alles könnte nun bald Geschichte sein.

Das historische Treffen war möglich geworden, nachdem der 41-jährige Abiy einen radikalen Politikwandel in seinem Land eingeleitet hatte; Äthiopien ist nach Nigeria mit mehr als 100 Millionen Einwohnern der zweitbevölkerungsreichste Staat des Kontinents. Im vergangenen Monat kündigte der seit April regierende Premierminister an, den Schiedsspruch einer internationalen Kommission anzuerkennen, die ein umstrittenes Grenzgebiet um das Städtchen Badme bereits im Jahr 2002 Eritrea zuerkannt hatte. 

Bürger sind begeistert

Trotzdem hielt das äthiopische Militär die Region in den folgenden 16 Jahren weiter besetzt. Aus Furcht vor einem neuen Krieg verlängerte Asmara die Wehrpflicht für junge Eritreer auf unbegrenzte Zeit, was zahllose junge Männer zur Flucht bewegte. Nach Angaben der Vereinten Nationen verließen monatlich bis zu 4000 Eritreer ihre Heimat.

Auf Abiys überraschendes Zugeständnis folgte der Besuch einer eritreischen Delegation Ende Juni in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, bei dem das gestrige Gipfeltreffen offenbar vorbereitet wurde. Obwohl der Abzug äthiopischer Truppen aus Badme noch immer nicht erfolgt ist, zweifelt die eritreische Regierung nicht an der Ernsthaftigkeit Addis Abebas: „Dieses Gipfeltreffen kündigt eine neue Ära von Frieden und Zusammenarbeit an“, gab Eritreas Außenminister Yemane Gebrmeskel über den Nachrichtendienst Twitter bekannt. 

Eritrea wurde 1993 nach einem Referendum von Äthiopien unabhängig: Zuvor hatten eritreische und äthiopische Befreiungskämpfer dem „roten Terror“ von Staatschef Mengistu Haile Mariam gemeinsam ein Ende gemacht. Ihr Zerwürfnis über ein Stück unfruchtbares Grenzland fünf Jahre nach der Unabhängigkeit wurde im Ausland stets mit Unverständnis kommentiert: „Zwei Glatzköpfige streiten sich um einen Kamm“, hieß es gelegentlich.

Obwohl die neuen Annäherungen bei den Bürgern der beiden Staaten begeistert aufgenommen werden, machen Experten auch auf die Gefahren des Umschwungs aufmerksam. Äthiopiens Sicherheitsestablishment verfolgt die Entwicklungen offensichtlich mit Skepsis: Ein vor zwei Wochen verübter Bombenanschlag auf Abyi wird diesen Kreisen zugerechnet. „Wir wollen keinen Frieden, der unser Land nach allen von uns erbrachten Opfern aufgibt“, sagte ein Lokalpolitiker in Badme gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. 

Rückkehr statt Flucht

Auch in Eritrea sind Zweifel darüber angebracht, ob der seit 25 Jahren regierende, aber noch nie demokratisch gewählte Präsident Afeworki die Zeichen der Entspannung auf sein Land übergreifen lässt. „Die äthiopische Friedensinitiative bringt Afeworki in eine sehr schwierige Position, weil dadurch seine Strategie unterwandert wird, Äthiopien für alle Unbill und die Repression des Staates verantwortlich zu machen“, sagt Eritreas PEN-Direktor Abraham Zere.

Auch die westliche Politik hat Eritrea in den vergangenen zwei Jahrzehnten isoliert: Mit seiner fast 20 Mal größeren Bevölkerung bevorzugte Washington Äthiopien als „strategischen Partner“ am Horn von Afrika. Chinas wachsender Einfluss in Äthiopien und dem benachbarten Hafenstaat Dschibuti scheint auch in den westlichen Hauptstädten ein Umdenken ausgelöst zu haben: Dort misst man Eritrea wegen seiner Lage am strategisch bedeutenden Roten Meer eine zunehmende Bedeutung zu. 

Dass sowohl Eritrea als auch Äthiopien von der politischen Kursänderung wirtschaftlich profitieren würden, gilt indessen als unbestritten. Auch die Folgen für die Migrantenströme könnten erheblich sein: Statt weiterhin junge Menschen zur Flucht zu bewegen, könnten zahlreiche Eritreer und Äthiopier zur Rückkehr in die Heimat bewegt werden. 

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