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Friedensnobelpreis Die eigene Qual zur Kraft gemacht

Die vom IS verschleppte und vielfach missbrauchte Jesidin Nadia Murad kämpft gegen Menschenhandel.

Nadia Murad
„Der Islamische Staat will die Zerstörung des jesidischen Volkes“: Nadia Murad.. Foto: rtr

Im August 2014 brach die Apokalypse über die Jesiden im Irak herein. Horden von Kriegern des „Islamischen Staates“ fielen in ihre Wohngebiete ein. Am schlimmsten traf es das Örtchen Kocho im Sinjar-Tal, aus dem Nadia Murad stammt. Männer und ältere Frauen wurden massakriert, sechs Massengräber fanden drei Jahre später die kurdischen und irakischen Befreier.

Die jungen Frauen verschleppten die Dschihadisten nach Mossul, ihrer damaligen Hochburg, verkauften sie auf Sklavenmärkten, beschimpften sie als „dreckige Ungläubige“ und zwangen ihre Opfer zum Übertritt in den Islam. Nadia Murad landete in den Fängen eines Mannes, der sich Hadschj Salman nannte. Drei Monate lang wurde die junge Jesidin von ihrem Besitzer vergewaltigt, ausgepeitscht und gefoltert, bis ihr eine muslimische Familie helfen konnte, dieser Hölle auf Erden zu entfliehen. 

„Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe“ 

Vier Jahre später erhält die 25-Jährige, die inzwischen in Deutschland lebt, den Friedensnobelpreis, „für ihre Anstrengungen, den Einsatz von sexueller Gewalt als Kriegswaffe zu beenden“, wie das Nobelkomitee seine Entscheidung begründete. 2015 kam Nadia Murad zusammen mit ihrer Schwester nach Baden-Württemberg, welches ein spezielles Programm für traumatisierte jesidische Frauen eingerichtet hatte.

Schon bald machte sich die junge Überlebende zur Aufgabe, offen über das Erlittene und das Los ihrer Leidensgenossinnen zu sprechen. Rund um den Globus wurde sie zur Zeugin für den Völkermord an den Jesiden, die Kriegsqualen besonders der Frauen und die systematische Erniedrigung ihrer kleinen nicht-islamischen Minderheit. 2016 ernannten die Vereinten Nationen die ehemalige IS-Gefangene zur Sonderbotschafterin für Opfer des Menschenhandels. Er sei von dem Schicksal der jungen Frau zu Tränen gerührt gewesen, bekannte der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, aber auch von „ihrer Kraft, ihrem Mut und ihrer Würde“. 

Ihr Schicksal und das ihrer Familie hat Nadia Murad inzwischen aufgeschrieben in dem Buch „Ich bin eure Stimme: Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft“. Ihre Mutter und ihre sechs Brüder überlebten den IS-Terror nicht. Vor dem Wüten der Terrormiliz lebten 550.000 Jesiden im Irak. 100.000 sind inzwischen ausgewandert. 360.000 jedoch harren nach wie vor in Container- und Zeltlagern rund um die nordirakische Stadt Dohuk aus. Die meisten wagen sich bis heute nicht zurück in ihre jahrhundertealte Heimat, weil sie nach allem, was passiert ist, ihren einstigen arabischen Nachbarn nicht mehr trauen.

Auch Nadia Murad, die sich kürzlich mit dem jesidischen Aktivisten Abid Shamdeen verlobte, beließ es nach der Befreiung ihres Dorfes Kocho mit einem kurzen Besuch. „Unser Haus war geplündert worden, man hatte sogar das Holz vom Dach gerissen, und alles, was wir zurückgelassen hatten, war verbrannt“, schrieb sie in ihrem Buch. „Wir weinten so sehr, dass uns fast die Beine versagten.“ Und dennoch, fügte sie hinzu, trotz all der Zerstörung, habe sie in dem Augenblick, als sie die Türschwelle übertrat, das Gefühl gehabt, wieder zu Hause zu sein.

Insgesamt wurden 6400 Jesiden vom IS entführt. 3200 konnten bisher entkommen oder freigekauft werden, die anderen 3200, darunter 1700 Frauen und Mädchen, werden vermisst oder sind immer noch in der Gewalt der Gotteskrieger, die in Irak und Syrien letzte kleine Enklaven kontrollieren. 2750 Kinder sind heute Waisen, viele von ihnen durch die IS-Quälereien seelisch schwer gestört und hochaggressiv.

„Der Islamische Staat will die organisierte Zerstörung des jesidischen Volkes“, sagt Nadia Murad. Die jesidischen Flüchtlinge jedoch versuchten, mit ihren seelischen und körperlichen Verletzungen zurecht zu kommen und „unsere Gemeinschaft zusammenzuhalten“, schreibt sie. „Alles, was wir wollen, ist unsere Kultur und Religion lebendig zu erhalten und den ,Islamischen Staat‘ für seine Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.“ Sie sei stolz darauf, was ihre Landsleute geleistet hätten, um sich zur Wehr zu setzen. „Ich war schon immer stolz, eine Jesidin zu sein.“

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