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Friedensbewegung „Die klassischen Latschdemos gibt es kaum noch“

Kommt die Friedensbewegung in Fahrt? Sie schwächelt seit Jahren. Dabei hätten die Ostermarschierer derzeit so viele Gründe für Protest wie lange nicht. Stärkt die jüngste Eskalation im Syrien-Krieg die Demonstrationen?

09.04.2017 10:23
Ostermarsch
Die friedensbewegten Ostermärsche haben mit immer geringerer Teilnehmerzahl zu kämpfen. Foto: Boris Roessler (dpa)

Der Krieg in Syrien, Aufrüstung an allen Orten und blutige Konflikte in der Welt: Für die Friedensbewegung gibt es 2017 so viele Gründe wie lange nicht, auf die Straße zu gehen. „Der Stellvertreterkrieg in Syrien droht sich zu einem Weltkrieg entwickeln“, warnt Sevim Dagdelen, Sprecherin für Internationale Beziehungen der Linke-Fraktion. „Ich hoffe, dass nun mehr Menschen für den Frieden Position beziehen.“ Dutzende Ostermarsch-Aktionen sind in diesem Jahr wieder geplant, mit Schwerpunkten an der Ruhr und in großen Städten wie Frankfurt. Doch die Friedensbewegung schwächelt seit Jahren.

Selbst der jüngste US-Militärschlag in Syrien nach dem mutmaßlichen Giftgaseinsatz wird der Ostermarschbewegung nach Einschätzung von Fachleuten voraussichtlich keinen großen Zulauf bringen. Gerade die „Vielfalt der derzeitigen Konflikte“ sei einer der Gründe dafür, sagt der Berliner Protestforscher Dieter Rucht. „Das führt zu einem gewissen Gefühl der Ohnmacht.“

Willi van Ooyen, der die Ostermärsche seit 1980 in Frankfurt am Main koordiniert, weiß aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung: „Die Menschen gehen erst dann auf die Straße, wenn sie glauben, etwas erreichen zu können.“ Forderungen wie „Keine Kriege“ und „Abrüstung“ sprächen derzeit in Deutschland nicht so viele an. Für Dagdelen blieben viele Bürger einfach aus Resignation zu Hause. „Dass immer weniger für Frieden demonstrieren, liegt daran, dass viele einfach aufgegeben haben“, sagt die Linke-Politikerin.

Das Credo der Friedensbewegung - „Die Waffen nieder“ - könnten sich viele nicht zu eigen machen, sagt die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff. Auch linke Intellektuelle fragten sich in den aktuellen Konfliktlagen: „Können wir komplett gegen militärische Interventionen sein, oder müssen wir nicht, um Menschenrechte zu schützen, doch in einzelnen Fällen einschreiten?“

„Die große Zeit der Ostermärsche ist vorbei“, sagt Deitelhoff. Die ritualisierte Form der Ostermärsche spreche jüngere Menschen nicht mehr an. „Die wollen eher sich selbst mit ihren kreativen Formen und Ideen einbringen, dafür bietet der konventionelle Ostermarsch wenig Entfaltungsmöglichkeiten.“ Aktuelle Aktionen seien eher themenzentriert, würden über das Internet gesteuert und hätten Eventcharakter. „Die klassischen Latschdemos gibt es kaum noch.“

Dabei gehen Menschen in Deutschland und Europa durchaus noch für politische Ziele auf die Straße. Seit Wochen versammeln sich Zehntausende EU-Anhänger an Sonntagen in europäischen Städten, um für ein geeintes Europa ohne Grenzen zu demonstrieren. Die wachsende Bewegung „Pulse of Europe“ hat aber kaum mit der Friedensbewegung zu tun. Die Europa-Bewegung sei vor allem der Teil der Gesellschaft, der von Europa profitiert hat, mit Ausbildung und Reisefreiheit, sagt von Ooyen. „Das würde für uns nicht langen.“ Gemeinsame Aktionen seien nicht geplant, sagt die Sprecherin von „Pulse of Europe“, Stephanie Hartung. „Gegebenenfalls lassen wir (am Ostersonntag) sogar an diversen Standorten die Veranstaltungen ganz ausfallen.“

Auch die sogenannten Montags-Mahnwachen für den Frieden wirken sich nach Ansicht von Protestforscher Rucht auf die Friedensbewegung aus. „Das Friedensthema ist ein bisschen unterwandert worden, oder von rechts okkupiert worden und das macht es jetzt schwer, mit frischem Wind und blauäugig zu sagen, lass uns doch wieder mal ordentlich demonstrieren“, stellt er fest. Bei diesen Veranstaltungen in Dutzenden Städten sei es vor allem um die Ukraine und Russland gegangen und die Rolle Russlands relativ positiv interpretiert worden. Dazu seien ausdrücklich rechtsradikale Sprecher aufgetreten.

Die Friedensbewegung komme mit den Ostermärschen zwar nicht mehr besonders weit, meint Deitelhoff. „Das heißt aber nicht, dass die Themen nicht mehr mobilisierungsfähig sind.“ 2003 seien wegen des Irak-Kriegs Hunderttausende auf der Straße gegangen. „So etwas kann jederzeit wieder passieren“, sagt er. „Es muss aber nicht Ostern sein.“ Die Folgen des US-Luftangriffs sind noch nicht abschätzbar. (dpa)

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