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Freunde in Nahost Eine gefährliche Freundschaft

Edna lebt in Tel Aviv, Gihad in einem Flüchtlingslager in Gaza. Ihre Freundschaft ist tiefer als der Graben, der ihre Länder seit Jahrzehnten trennt.

Edna Levin
Gihads Schicksal macht sie traurig und wütend: Edna Levin in ihrer Wohnung in Tel Aviv. Foto: laif

Am Tag, nachdem an der Grenze zu Gaza mehr als 60 Menschen erschossen wurden, klingelt Ednas Telefon. Sie sieht die Nummer, sie weiß sofort, wer dran ist. Sie hat auf diesen Anruf gewartet.

Gihad, ruft sie in ihr Handy.

Wie geht es dir, Edna?

Wie es mir geht? Wie geht es dir, fragt sie. Was ist los bei euch! Es ist alles so schrecklich.

Gut geht es, sagt er. Wir haben gerade wieder unsere Lebensmittelration bekommen.

Und wie geht es den Kindern? Niemand ist verletzt?

Nein, alle sind gesund. Es geht uns gut,
Edna, mach dir keine Sorgen!

Wer sie hört, könnte denken, Mutter und Sohn sprächen miteinander. Der Ton ist so vertraut wie bei Menschen, die sich lange kennen. Nur wer dem Gespräch länger folgt, merkt, dass es über bestimmte Floskeln nicht hinausgeht. Das liegt an der Sprache. Edna spricht fließend Hebräisch, Gihad gebrochen. Aber vor allem liegt es an den Welten, die sie voneinander trennen.

Edna Levin, 70, ist Jüdin und wohnt in Tel Aviv. Gihad, 69, ist Palästinenser und wohnt in Gaza. Tel Aviv ist Israels modernste Stadt, ein Wirtschafts- und Kulturzentrum an der Mittelmeerküste. Gaza ist ein Küstenstreifen zwischen Israel und Ägypten, von der radikalislamischen Hamas regiert, von der Außenwelt abgeschottet, eine der ärmsten Regionen der Welt. Edna darf nicht Gihad besuchen und Gihad nicht Edna. Alleine der Versuch könnte sie das Leben kosten.

Sie können ihre Geschichte nicht zusammen erzählen

Das ist auch der Grund, warum sie die Geschichte ihrer Freundschaft nicht zusammen erzählen, warum sie übereinander sprechen, nicht miteinander und warum Gihad seinen Nachnamen nicht nennen will. Es ist zu gefährlich, sagt er.

Das Treffen mit ihm findet im Flüchtlingslager Deir El-Balah in Gaza statt, das Treffen mit Edna in Tel Aviv. Sein Zuhause ist ein halbfertiges Haus, das er sich mit seiner Großfamilie teilt, sie wohnt alleine in einer geräumigen Bauhaus-Wohnung im Herzen von Tel Aviv.

Hier, in dieser Wohnung, haben sie sich kennengelernt, 1987. Sie war 40, frisch geschieden, eine Stewardess mit zwei kleinen Söhnen, die in die Wohnung ihrer Eltern zog: vier Zimmer im Erdgeschoss, Palmen vor den Fenstern, zum Meer ein Katzensprung. Ihr Vater war tot, ihre Mutter im Heim. Edna ließ den Fußboden rausreißen, die Räume streichen, die Terrasse umbauen. Der Bauleiter war Israeli, die Arbeiter kamen aus Gaza, sie hatten eine Arbeits- und Einreiseerlaubnis. Einer hieß Gihad und fiel Edna gleich auf, weil er anders als die anderen Arbeiter war, größer, die Haut dunkler.

„Wie eine König-David-Skulptur“, sagt Edna. Klug war er auch, konnte jedes Problem lösen und Hebräisch mit ihr sprechen, er hatte es sich selbst beigebracht.

„Ach, was hätte aus ihm werden können, wenn er woanders aufgewachsen wäre“, sagt Edna.

Gihad legte Fliesen, strich Wände, in den Pausen unterhielt er sich mit Edna, erzählte ihr von seinem Leben: Seine Eltern waren Bauern aus Be’er Scheva, einer Stadt am Rand der Negev-Wüste, und 1948 im israelisch-arabischen Krieg nach Gaza geflohen. Gihad wurde 1949 geboren, in einem Zelt im Flüchtlingslager Deir El-Balah, ist hier zur Schule gegangen, hat eine Ausbildung gemacht, eine Frau aus dem Flüchtlingslager geheiratet, Kinder bekommen.

In gewisser Weise erinnerte Edna Gihads Schicksal an ihr eigenes. Ihre Eltern waren Ende der Dreißiger aus Deutschland nach Palästina geflohen, ihr Vater, Hugo Kern, war Richter in Heilbronn, ihre Mutter Krankenschwester in Trier. Edna wurde 1947 geboren, ein Flüchtlingskind, dessen Familie noch einmal ganz von vorne anfangen musste. Ihr Vater, der Richter, versuchte es mit einer Hühnerfarm im Norden des Landes.

„Die Hühner waren ständig krank“, sagt Edna. Später arbeitete er als Pferdetrainer. Mit Pferden konnte er besser umgehen als mit Hühnern, er hatte im Ersten Weltkrieg im Kavallerieregiment für die Deutschen gekämpft. Nebenbei sammelte er deutsche Bücher, kaufte sie von Freunden und Bekannten, ließ sie sich aus Deutschland schicken. Irgendwann hatte er so viele, dass er einen Raum anmieten musste. Aus dem Raum wurde eine Bibliothek, aus der Bibliothek das Goethe-Institut.

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