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Freigelassene Springer-Reporter Alles andere als Helden

Die Springer-Reporter haben keinen Grund, nach ihrer Freilassung über Zeitdauer der Haft und die Bedingungen im Gefängnis zu lamentieren. Sie und ihr Verlag hätten sich über das Risiko einer Reise in den Iran im Klaren sein müssen und nicht leichtfertig die Hilfe der Politik in Anspruch nehmen sollen.

Die beiden freigelassenen Journalisten Jens Koch (l) und Marcus Hellwig (r) gehen bei ihrer Ankunft am Sonntagmorgen (20.02.2011) vor Außenminister Guido Westerwelle (M, Hintergrund) die Gangway herunter. Foto: dpa

Guter Journalismus recherchiert überall - gerade auch, wo Behörden oder Regierungen dies am liebsten verhindern wollen. Als die Springer-Reporter Marcus Hellwig und Jens Koch mit einem Touristenvisum in den Iran reisten, haben sie deshalb nichts Ungehöriges gemacht. Teheran hätte ihnen mit Sicherheit kein Journalistenvisum ausgestellt, um Angehörige und Anwalt der wegen Ehebruch zum Tode verurteilten Sakineh Mohammadi-Ashtani zu interviewen.

Man muss sich mit den beiden Kollegen über ihre Freilassung freuen. Die rund 100 Prominenten, die in einer vom mächtigen Springer-Verlag initiierten Aktion die Freilassung des Duos verlangten, haben sicher ebenso geholfen wie die Reise eines Staatssekretärs des Auswärtigen Amts in die iranische Hauptstadt. Ebenso muss man glauben, dass Guido Westerwelle auch persönlich nach Teheran geflogen wäre, um einen Reporter des kleinen Schwäbischen Tageblatts oder der Dürener Zeitung heim nach Deutschland zu holen. Aber für Berichterstatter, die keine oder wenig Scheu vor gewagten Recherchen zeigen wollen, gilt in erster Linie: "Wer die Hitze nicht verträgt, gehört nicht in die Küche."

Deshalb haben die Springer-Reporter keinen Grund, nach ihrer Freilassung über Zeitdauer und der Haft und die Bedingungen im Gefängnis zu lamentieren. Sie sind auch alles andere als Helden. Sie hätten das Risiko kennen sollen, als sie abreisten. Es scheint jedoch ziemlich wahrscheinlich, dass die beiden hinter iranischen Gittern landeten, weil sie und ihr Arbeitgeber Springer sich verkalkulierten. Sie wussten nicht, was sie taten.

Sträflicher Leichtsinn


Es spricht für geradezu sträflichen Leichtsinn der Springer-Chefetage und der Reporter zu glauben, Teheran würde in einem so brisanten Fall wie dem Skandal um Mohammedi-Asthani mit wohlwollender Toleranz auf ihre provokativen Versuch reagieren, mit den Angehörigen zu sprechen. Es ist nicht unüblich, dass Auslandskorrespondenten und Reporter mit Touristenvisen losfahren. Ich bin selbst beim Beginn des Irak-Kriegs mit einem solchen Papier in den Iran gefahren, um von dort in den Norden des Nachbarlands zu gereist. Ich weiß, dass Teherans Behörden damals schon nach kürzester Zeit wussten, weshalb ich im Iran war. Sie haben damals nichts unternommen. Es mag Glück gewesen sein. Wahrscheinlicher ist, dass Teheran ein Interesse hatte, damals Journalisten unbehelligt zu lassen, die über den Irak-Krieg berichten wollten.

Staaten wie die größte Demokratie der Welt Indien, die Diktatur Birma oder das vom Westen hochgepäppelte Afghanistan beharren auf Journalistenvisen, um die Besuche von Reportern zu überwachen und reglementieren. Manchmal ist der schiere Aufwand an unsinniger Bürokratie für eine entsprechende Einreisegenehmigung so groß, dass man sich lieber als harmloser Urlauber ausgibt.

In Ländern wie Birma oder Iran ist es oft nahezu unmöglich, ein Journalistenvisum zu erhalten. Aber alle Journalisten wissen - oder sollten sich zumindest darüber im Klaren sein: Wer in solchen Staaten mit einem Touristenvisum einreist, bewegt sich auf schwankendem Boden. Denn wer auffällt, gerät wie die beiden Springer-Reporter schnell in Teufels Küche. Vor eine Entscheidung über eine solche Reise gehört deshalb eine gründliche Abwägung der Risiken. Es gibt Staaten wie Birma, die mit einem gewissen Faible für sportlichen Wettkampf ausländische Reporter einfach ins Flugzeug setzen. Andere Staaten sind dafür bekannt, jedem Journalisten die weitere Einreise zu verweigern, wenn sie einmal mit einem Touristenvisum unangenehm aufgefallen sind. Im Falle Teherans und angesichts des Themas Ashtani konnte man sich an fünf Fingern ausrechnen, dass sie empfindlich reagieren würden.

Kotau vor dem mächtigen Verlag


Vor diesem Hintergrund ist es völlig legitim, sich ohne ein Journalistenvisum auf den Weg zu machen, solange man sich der Risiken klar und bereit ist, mögliche Verhaftung, Misshandlung oder Ausweisung in Kauf zu nehmen.

Wie der Fall der Springer-Reporter zeigt, gewinnen solche Zwischenfälle allerdings schnell eine politische Dimension - oder werden zu einem Problem der Diplomatie. Bislang ist unbekannt, welche vertraulichen Zugeständnisse Berlin machen musste, um die Begnadigung der beiden Reporter zu erreichen. Aber man kann davon ausgehen: Auf der diplomatischen Ebene wurde ein politischer Preis ausgehandelt - ausgerechnet mit einem Staat, der seit Jahren wegen vermuteter atomarer Absichten mit allen Ländern im Westen über Kreuz liegt.

Es ist sicher richtig, dass risikofreudige Reporter als Vertreter in erster Linie ihrem neugierigen Instinkt folgen sollten und wenig Rücksicht auf internationale Diplomatie nehmen. Doch dann kann jemand wie der Springer Verlag nicht ruhigen Gewissens die Unterstützung einer Regierung in Anspruch nehmen, deren Interessen vor der Abreise bewusst außer Acht gelassen wurden.

Deshalb ist es zwar löblich vom Auswärtigen Amt, einen Staatsekretär nach Teheran zu schicken. Es ist auch eine schöne Geste von Westerwelle, höchstpersönlich die beiden in der iranischen Hauptstadt abzuholen. Er setzt sich schließlich für die Belange freier und mutiger Berichterstattung ein. Klug war dieses Vorgehen aber im Sinne der Staatsräson nicht unbedingt. Doch wahrscheinlich war das Engagement zugleich unvermeidlich. Denn welche Regierung legt sich schon gerne mit der Presse an - vor allem, wenn es sich um den mächtigen Springer-Konzern handelt.

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