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Freiburg Leben am Rand

In einer Freiburger Siedlung wohnen mehr als hundert Roma. Von Sozialarbeitern betreut, aber ohne Arbeit und in ständiger Angst vor Abschiebung.

04.11.2010 21:32
Jörg Schindler
Zwischen Recyclinghof, Schrotthändler, Sportflughafen und der Freiburger Messe liegt das Flüchtlingswohnheim St. Christoph. Foto: Alex Kraus

Dass Kevin Kuranyi nicht mehr für Deutschland spielt, findet Selatin S. schade. S. mochte den Antritt des Ex-Schalkers, seinen Kinnbart, seine Tore. Er trägt noch immer das Kuranyi-Shirt mit der Nummer 22, es spannt ein wenig über dem Bauch, der Bundesadler ist verwaschen, aber S. streift es meistens über, wenn er Fußball guckt. Er guckt oft Fußball, er hat ja sonst nicht viel zu tun. „Beim Sport“, sagt S., „kann man Vieles vergessen.“

Jetzt spricht gerade Merkel im Fernsehen. S. stellt den Ton ab. Er hockt auf der Couch, seine Frau holt das Kaffeeservice aus der kantigen 80er-Jahre-Schrankwand, es gibt Kaffee und Orangenkekse, die Kinder, es sind vier, kommen und gehen. Es ist bullig warm in der Wohnstube, draußen hat ein nasskalter Herbst begonnen. Selatin S., 44 Jahre alt, Kinnbart, blickt trübe zur tonlosen Kanzlerin. Er versteht nicht viel von Politik. Er versteht auch nicht viel Deutsch. Und was er versteht, gefällt ihm nicht. „Immer entscheiden andere über uns.“

Familie S. hat Pech gehabt. Seit neun Jahren leben die sechs Roma aus Pristina in Deutschland. Das sind ziemlich genau 60 Tage zu wenig. Als die Bundesregierung 2007 ein Bleiberecht für Flüchtlingsfamilien beschloss, die länger als sechs Jahre hier leben, legte sie als Stichtag den 1. Juli fest. Dumm für Selatin und die Seinen: Sie waren da erst fünf Jahre und zehn Monate im Land.

Anfangs hoffte S., dass sie als Härtefall durchgehen. Jetzt drückt er nur noch seinem Sohn die Daumen. Der ist 20, arbeitet bei McDonald’s, spricht fließend Deutsch und sammelt gerade bei Freunden und Arbeitskollegen Referenzen. Seine Chancen stehen fifty-fifty. Der Rest der Familie wird weiter alle drei Monate zittern, wenn die befristete Duldung das nächste Mal ausläuft. Fragt man Selatin S., wie er damit umgeht, holt er zu einer langen Rede auf Romanes aus – ein Wort versteht man dabei auch ohne Dolmetscherin: „Stress“.

„Die Angst vor der Abschiebung steht natürlich immer im Raum“, sagt Doris Hoffmann. Sie ist Sozialpädagogin hier am Nordrand von Freiburg, auf einem Gelände im Irgendwo zwischen den Stadtteilen Mooswald, Zehringen und Brühl. „Eigentlich“, sagt Hoffmann, „liegt es an der Grenze von allem.“ Zur Nachbarschaft gehören der städtische Recyclinghof, ein Schrotthändler, ein Sportflugplatz und die schicke Freiburger Messe, die inzwischen bis auf wenige Meter an die vier hellgrauen Fertighäuser des Flüchtlingswohnheims St. Christoph herangerückt ist. 110 Menschen leben hier zurzeit: vier alleinstehende Afrikaner und 106 Roma aus dem Kosovo. „Das ist so ein bisschen wie ein Roma-Dorf“, sagt Hoffmann.

Sie ist 49 Jahre alt und hat ihre Stimme im Lauf der Jahrzehnte rau geraucht. Seit 17 Jahren arbeitet sie in St. Christoph, sie hat das Wohnheim schrumpfen sehen, von einem Gelände für fast 700 Menschen Anfang der 90er auf heute noch etwas mehr als 100. Seit Deutschland sich abschottet, gibt es mehr Platz für die Messe. Roma aber kommen immer wieder neue. Rund 850 sollen derzeit in der Stadt leben, Freiburg ist beliebt bei der Minderheit, seit der Stadtrat einstimmig eine Resolution gegen Abschiebungen beschlossen hat – auch wenn die nicht viel mehr ist als ein symbolischer Akt.

Erst gestern ist wieder eine sechsköpfige Familie in St. Christoph gestrandet, die Eltern Anfang 30, die Kinder zwölf, elf, zehn und fünf Jahre alt. Die Mutter sagt, sie wisse nichts über Deutschland, aber die Leute seien freundlich, viele hätten sogar gegrüßt, ihren Nachwuchs habe bislang noch niemand verprügelt. Die Kinder finden es wunderbar, kürzlich habe es überall in der Stadt einen ganzen Tag lang Süßigkeiten gegeben. Sie meinen Halloween. Das nächste werden sie wohl verpassen. Seit Deutschland und der Kosovo im letzten April ein „Rückführungsabkommen“ geschlossen haben, sagt Hoffmann, „sind neu Eingereiste relativ schnell wieder weg“.

Die, die bleiben, versuchen sich einzurichten, so gut es eben geht. In den zweigeschossigen Wohnhäusern haben sie sich mit wuchtigen Couchgarnituren, schweren Teppichen und Möbeln, die vor 30 Jahren vielleicht als modern galten, ein kleines Zuhause geschaffen. Dort verbringen sie die meiste Zeit. Arbeit haben vielleicht drei oder vier von ihnen. Der Rest behilft sich. Zwei Männer jobben beim Hausmeister, für zwei Euro die Stunde, andere stehen immer montags, wenn auf dem Recyclinghof Ausgabe ist, in der Schlange. Anschließend stapeln sich zwischen den Fertighäusern rostige Fahrräder, leere Computergehäuse, ausrangierte Espressomaschinen, Staubsauger und andere Geräte, mit denen sich, vielleicht, ein paar Cent verdienen lassen. „Arbeitserlaubnis“ ist noch so ein Wort, das hier jeder kennt. Fast niemand hat eine.

Und doch gibt es auch unter den Freiburger Roma ein soziales Gefälle. „Wir haben hier ein Drei-Klassen-System“, sagt Doris Hoffmann. Da sind diejenigen, die schon viele Jahre hier leben und daher mindestens ein Bleiberecht auf Probe haben. Sie bekommen Arbeitslosengeld II – sie sind die Oberschicht. Höher hinaus wird kaum einer von ihnen je kommen. Dann gibt es all jene, die zwischen einem und vier Jahren in Deutschland sind und nach dem Asylbewerberleistungsgesetz unterstützt werden. Sie erhalten damit 25 Prozent weniger als die Alteingesessenen. Und schließlich gibt es noch die Neuen, die Unterstützung nur noch in Chipform genießen, dazu ein Taschengeld: 40 Euro für Erwachsene, 20 für Kinder. Sie sind ganz unten. Und werden auch von ihren Landsleuten oft so behandelt.

„Es gibt hier klare Regeln“, sagt Hoffmanns Kollegin Petra Geppert. Wie in jedem normalen „Machala“ werden sie auch im Freiburger Roma-Dorf von den Ältesten bestimmt. Sie sind es, die Hochzeiten ihren Segen geben müssen, die Mitgift aushandeln, bei Streit schlichten. Und sie sind es auch, die Strafen aussprechen, wenn sich einer nicht an die Regeln hält. Erst kürzlich bedrohte ein Rom seinen Nachbarn mit einer Schusswaffe, weil er sich in seiner Ruhe gestört fühlte. Daraufhin setzten sich die Ältesten zusammen und gaben dem Täter drei Tage Zeit zu verschwinden. Wäre er geblieben, hätte es nicht lange gedauert, bis von überall her Familienmitglieder des Opfers nach Freiburg gekommen wären. So wollen es die Roma-Regeln.

Man hat sich eingelebt neben dem Recyclinghof, vier Kilometer entfernt von der adretten Freiburger Altstadt, die manche hier noch nie gesehen haben. Man arrangiert sich, man improvisiert, man kommt irgendwie zurecht. Jeder hier sagt, dass er sich wohl fühlt in Deutschland, besser jedenfalls, viel besser als damals im Kosovo, aus dem sie geflohen sind, als es brannte, und über den sie noch heute nur furchtbare Geschichten zu erzählen haben.

Nesair Luga kann sich noch gut erinnern, wie er damals in seinem Hinterhof in Pristina spielte, als er plötzlich Granaten hörte und sein Vater heraus gerannt kam, um sich mit ihm im Keller zu verstecken. Es ist seine einzige Erinnerung an den Kosovo. Er war damals fünf. Jetzt ist er 16, ein hübscher, hagerer Junge mit Mesut-Özil-Frisur und losem Mundwerk. „Weißt du, was die Albaner mit uns machen, wenn wir wieder nach Kosovo gehen? Die denken, du hast in Deutschland gelebt, also musst du reich sein. Dann wollen sie 10 000 Euro. Und wenn du das Geld nicht besorgen kannst, dann töten sie dich.“ Sein Freund nickt. Er hat auch so etwas gehört.

Er verstehe nicht, wieso die Deutschen behaupten, der Kosovo sei sicher für Roma, sagt Nesairs Vater. Vor drei Jahren habe ihm sein früherer Nachbar ein Bild seines Hauses in Pristina geschickt: Es war nur noch eine Ruine. Wenn die Behörden ihn wirklich abschieben wollten, gut, dann werde er eben gehen, nach Italien, Amerika, von ihm aus auch nach Indien – „Hauptsache nicht zurück in den Kosovo“.

Am liebsten würde er bleiben, hier arbeiten, vielleicht irgendwann umziehen, weg aus dem Flüchtlingsdorf, in eine richtige Wohnung. Er weiß, die Deutschen wollen, dass er sich integriert. Die Deutschen aber geben ihm keine Arbeit. Und eine Wohnung vermieten sie ihm und seiner Familie auch nicht. Freiburg ist dicht, Wohnraum knapp. Und hier am „Flugplatz“, wie die Roma sagen, hat er seine Freunde.

„Ach ja, Integration“, sagt die Sozialpädagogin Doris Hoffmann. „Das ist jetzt plötzlich ein Wahnsinnsthema. Jahrelang hatte ich das Gefühl, das wollten nur wir.“ Es sei schon merkwürdig: Über mehrere Generationen habe man die Flüchtlinge, gleich ob aus dem Kosovo oder von sonstwo, bestenfalls geduldet und mit einem Arbeitsverbot belegt. Sprachkurse gab es nicht und wenn, dann so teure, dass sie sich kein Asylbewerber leisten konnte. „Damit hat man sich hier abgefunden.“ Nun auf einmal seien Deutschkenntnisse, finanzielle Unabhängigkeit und Integration die Messlatte für ein Bleiberecht. „Aber so einfach“, sagt Hoffmann, „geht das nicht.“

In Freiburg bemühen sie sich immerhin. Nach der Bleiberechtsregelung 2007 haben sich die Stadt, der Caritasverband, die Volkshochschule und die Handwerkskammer zum „Projektverbund Bleiberecht“ zusammengeschlossen. Unterstützt vom Bund und der EU versucht man nun, die Flüchtlinge fit zu machen in den Disziplinen Ausbildung, Arbeit, Sprache und Integration. Aber viele können das nicht. Und manche wollen auch nicht.

In St. Christoph haben sie liebevoll eine Kinderbibliothek eingerichtet und Dschungelbuch-Figuren aus Pappmaché dazu gestellt. Ehrenamtliche bieten jeden Nachmittag Hausaufgabenhilfe an. Im Erdgeschoss pauken Roma-Frauen regelmäßig wichtige deutsche Sätze wie „Ich bekomme ein Baby“ oder „Es ist kalt“. Aber es ist ein mühsames Geschäft. Der Bildungsstand ihrer Roma, sagt Hoffmann, sei teils katastrophal, die Kulturtechniken völlig andere. Roma-Kinder seien praktisch veranlagt, Malen und Basteln sage ihnen oft nichts, von Pünktlichkeit ganz zu schweigen. Wer aber vielfach nicht zum Unterricht erscheine, lande eben früher oder später auf der Förderschule. In St. Christoph sind das die meisten. „Das ist eine kleine Welt hier“, sagt Hoffmann. Den wenigsten gelingt der Sprung in eine andere.

Gleich hinter dem Freiburger Hauptbahnhof, im Studentencafé „Brasil“, sitzt am frühen Abend Arsim Butuci und erzählt eine Art Witz: In der Schule fordert die Lehrerin Peter auf, das Wort „Baum“ an die Tafel zu schreiben – was ihm mühelos gelingt. Dann soll Thomas „Blume“ schreiben – was auch problemlos klappt. Dann ist Ali dran. Er soll „Antidiskriminierung“ buchstabieren. Das gelingt ihm nicht. Alle Kinder buhen ihn aus.

Butuci lacht bitter. „Das ist die Realität.“ Die Menschen seien zu faul zum Denken. Ansonsten könnten sie wenigstens ansatzweise verstehen, wie man sich als Angehöriger einer der meistgehassten Minderheiten Europas fühlen muss. Wer ständig abgelehnt werde, gebe irgendwann auf, sagt Butuci.

Der 29-Jährige ist selbst ein Rom, was im Übrigen, wie er betont, nichts anderes als „Mensch“ bedeute. Er ist mit acht Jahren nach Deutschland gekommen und hat „in jedem Bundesland mindestens einmal gelebt“. Mit 13 fing er an, für die Ältesten im Wohnheim zu dolmetschen, er ist zur Schule gegangen, hat eine Lehre als Gipser gemacht, und heute hat er es geschafft: Seit 2002 hat er eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis – das große Los in der Flüchtlingslotterie.

Butuci könnte es egal sein, er gehört inzwischen dazu. Aber er regt sich bis heute auf über Klischees wie „Roma kratzen, klauen, stinken“, er versteht nicht, weshalb einer wie Sarrazin Gehör findet: „Stell dir mal vor, ich würde durch die Gegend laufen und behaupten, alle Deutschen haben ein Nazi-Gen.“ Butuci weiß um die Vorurteile, er hat sie alle erlebt, er weiß aber auch, „dass vielen Roma der Mut fehlt auszubrechen“. Er würde das gerne ändern. Deshalb hat er mit seinem Bruder Hamze vor vier Jahren „Amaro Drom“ gegründet, einen Verein junger Sinti und Roma in Deutschland. Das Ziel: Hilfe bei der Integration. „Wir müssen das ganz anders angehen“, sagt Butuci. Roma am Stadtrand zusammenzupferchen, sei das Gegenteil von Integration. Gebraucht würden Roma-Cafés in den Innenstädten, Roma-Radio, Roma-Filme, Roma-Tanz für alle. Gebraucht werde Verständnis – von beiden Seiten.

Arsim Butuci ist sich sicher: So weit, wie viele glaubten, seien Deutsche und Roma gar nicht voneinander entfernt. Immerhin seien beide doch große Reise-Völker. Die einen nur eben freiwillig. Die anderen gezwungenermaßen.

Der Text ist Teil der Serie "Ortstermin", in der die FR auf das Leben von Migranten in Deutschland blickt.

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