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Frauke Petry ist neue AfD-Vorsitzende Petry heil

Im Machtkampf um die alleinige Führung bei der Alternative für Deutschland (AfD) hat sich Frauke Petry durchgesetzt. Parteigründer Bernd Lucke wird dagegen kalt abserviert. Die Konsequenz: Die AfD rückt damit weiter nach rechts - und steht vor der Spaltung.

Die neugewählte Afd-Vorsitzende Frauke Petry Foto: dpa

Es geschieht von jetzt auf gleich und Professor Bernd Lucke, 52 Jahre alt, Makroökonom, Europaabgeordneter, ist auf einen Schlag Vergangenheit. „Lieber Bernd, danke“, beginnt Frauke Petry ihr vergiftetes Lob. „Du bist und bleibst die Galionsfigur der Gründerzeit“, sagt die neue starke Frau der Alternative für Deutschland mit kaltem Lächeln. „Ich hoffe, Du bleibst der Partei verbunden.“

Das ist alles. Keine Blumen, kein Geschenk, keine Umarmung. Zwei Sätze, kurz und schmerzhaft. Gründerzeit, das war ein mal. Bernd Lucke, das war einmal. Er hat verloren, und zwar auf die harte Tour. Es ist Samstagabend in der Essener Grugahalle, 3412 AfD-Mitglieder haben gewählt, 60 Prozent davon die 40-jährige Frauke Petry aus Sachsen, deutlich mehr als alle erwartet hatten.

Lucke sitzt käsebleich auf dem Podium, alle applaudieren der Siegerin, er applaudiert nicht. Er hockt wie verbogen auf seinem Stuhl und sieht aus, als hätte er schlimme Zahnschmerzen, während sich die raffinierte Dresdnerin vor dem tobenden Saal verbeugt.

Ein heißer Tag liegt hinter allen und ein unverhohlener Machtkampf, einer, der mit aller Heftigkeit und Hässlichkeit geführt worden ist. Schon am Morgen, viele hatten noch einen Becher Kaffee in der Hand und standen plaudernd in der Halle, ging es sofort und heftig zur Sache. Wenn Lucke redete, gab es leichten Applaus seiner Anhänger, der dann im Buhen und Pfeifen der Petry-Jünger unterging.

Redete jemand aus dem anderen Lager, gab es leichtes Pfeifen und Buhen der Lucke-Leute, das dann niederapplaudiert wurde von der anderen Seite. Zwischendrin appellierte immer wieder jemand an alle, die guten Sitten zu beachten, den anderen ausreden zu lassen und ihm bitte zuzuhören - was dann sofort und von allen ignoriert wurde.

Tag der Abrechnung

Es war der von der 22000 Mitglieder zählenden Partei lang ersehnte Tag der Abrechnung. Wie in einem Vulkan hatten sich Wut und Hass in der im September 2012 von Lucke gegründeten Partei aufgestaut. In Essen musste alles raus. „Es ist kein Ruhmesblatt“, sagte Lucke zu Beginn des außerordentlichen Parteitages an einem außerordentlich heißen Sonnabend im Ruhrgebiet und erinnerte an die vergangenen Wochen voller Beschimpfungen, Verleumdungen und Intrigen. „Die Sache ist uns entglitten, wir haben gestritten, dass die Fetzen flogen.“

Monatelang tobte ein Kampf um die Ausrichtung. Die Trennlinie lief genau entlang der Frage, wie mit Flüchtlingen umgegangen werden und wie wie man es mit den Pegida-Bewegungen halten soll. Es ging um den Kern und dern Kurs, um Stilfragen und Tonlagen: Petry scharf, populistisch, provozierend, anheizend, deutlich rechtsaußen. Und Lucke moderater, sachlicher, mit deutlich mehr Herz.

Der Streit ging so weit, dass Lucke kürzlich eine Art Partei in der Partei gegründet hatte, den „Weckruf 2015“, der sich deutlich von der rechten Ostfrau Petry und ihrer Nähe zu Pegida absetzen wollte, ein Unternehmen, das gescheitert ist.

Nicht nur Lucke, alle Erweckten erleben in Essen ein Debakel. Die Gegner sind nicht nur in der Überzahl, sie tragen auch noch freche Buttons: „Weckruf nein danke“. Und sie haben sich vorher abgesprochen: „Schleswig-Holstein steht geschlossen hinter Petry“, verkündete ein Delegierter stolz beim Kaffee den Parteifreunden aus Niedersachsen und Brandenburg. „Brandenburg auch“, ergänzte der Parteifreund aus Potsdam.

Die AfD ist nicht mehr Luckes Partei

Spätestens am Mittag muss Lucke klar gewesen sein, dass er in Essen untergehen würde. Es war nicht zu überhören, es war nicht zu übersehen. Die AfD ist nicht mehr seine Partei. Als er seine erste Rede hält und Mut zur Wahrheit fordert, brüllt ihn der Saal mit „Lügner“ nieder. „Dieser eitle Fatzke“, schimpft einer in der Gugahalle unüberhörbar. Danach rufen alle „Höcke, Höcke“ - den Namen des thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke, eines Vertreters der ganz Rechten innerhalb der AFD, die deutlich weniger Berührungsängste mit der rechtsextremen NPD als mit Herrn Lucke haben dürften.

Es gab etliche Momente, da dürfte Lucke seine eigene Partei nicht wiedererkannt haben. Was einmal als euroskeptische Bewegung, angeführt von einem Wirtschaftswissenschaftler, begonnen und es dann in die Landtage von Sachsen, Thüringen, Brandenburg und die Rathäuser Bremens und Hamburgs geschafft hat, ist weit nach rechtsaußen abgedriftet. „Es gibt Millionen Muslime mit deutscher Staatsbürgerschaft. Was sollen wir denn mit denen machen?“, ruft Lucke seiner Partei zu und erinnert an Friedrich den Großen und dessen Satz, wonach jeder nach seiner Facon seelig werden dürfe in Preußen.

Es gebe Menschen in Not, Menschen, die vor Kriegen flüchteten, denen müsse man doch als Deutscher und Europäer helfen, appelliert Lucke an seine Partei. Aber die ist längst nicht mehr seine Partei und buht ihn zum wiederholten Male gnadenlos nieder.

Lucke saß am Ende da, zerstört und desillusioniert, er schluckte und hörte Petry zu, der neuen Vorsitzenden. Etwas wie die Weckruf-Bewegung dürfe es nicht mehr geben, die Polarisierung müsse ein Ende haben, teilte sie der Partei knapp mit. Was beinahe versöhnlich klang, konnte auch als Aufforderung zum Gehen an die Unterlegenen verstanden werden.

Am Abend sagt Lucke, nachdem er sich einigermaßen erholt hat, er hätte sich das anders gewünscht, aber nun ja, es sei eine Entscheidung. Die Entwicklung der AfD mache ihm „große Sorgen“, fügt er noch an und ob er weiter mitmachen werde, er wisse es noch nicht. Die AfD, seine Idee, sein Werk, es ist ihm entglitten. Oder entfremdet. „Noch bin ich Mitglied“, sagt er und klingt so, als sei der endgültige Bruch nur eine Frage der Zeit.

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