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Frankreich Nächster Rückschlag für Macrons Regierung

Frankreichs Innenminister Collomb kündigt Rückzug an – nach harscher Kritik am Präsidenten.

FILE PHOTO: French Interior Minister Gerard Collomb attends the questions to the government session at the National Assembly in Paris
Gérard Collomb kehrt Paris den Rücken und will Bürgermeister von Lyon werden. Foto: Gonzalo Fuentes (X02443)

Gérard Collomb war der Treueste der Treuen. Schon in der Präsidentschaftskampagne 2017 war er nie von Emmanuel Macrons Seite gewichen. Fast automatisch ernannte ihn der frischgekürte Präsident zu seinem Innen- und Polizeiminister – ein Schlüsselposten in Terrorzeiten, ein Vertrauensamt. Am Dienstag hat Collomb angekündigt, dass er im nächsten Jahr abtreten werde. Er wolle wieder für das Bürgermeisteramt von Lyon kandidieren, sagte der frühere Stadtpräsident der Rhone-Stadt. Viel Beachtung findet in Frankreich, dass Collomb der Provinzstadt Lyon den Vorzug vor dem Pariser Machtzentrum gibt. Und sich damit auch mit seinem ehemaligen Freund Macron überwirft.

Auslöser war Collombs Bemerkung, dass die Staatsführung einen „Mangel an Bescheidenheit“ an den Tag lege. Als ehemaliger Griechischlehrer würde er dafür das Wort „Hybris“ verwenden, führte er aus; das bedeute nicht nur Hochmut und Selbstüberschätzung, sondern „Fluch der Götter“.

Macron und seine Überlegenheitsallüren

Die französischen Medien führen den massiven Popularitätseinbruch Macrons vor allem auf seine Überlegenheitsallüren zurück. Über Collombs offene Worte war er laut Medienberichten so aufgebracht, dass er seinen Freund umgehend zu einer Aussprache einberief.

Der 71-jährige Minister nahm aber offenbar nichts zurück. Er gilt zwar als amtsmüde und politisch geschwächt durch die Affäre des Elysée-Leibwächters Benalla. Aber er hat gegenüber Macron auch Argumente.

Vor wenigen Tagen erweckte die Staatsführung erneut den Eindruck blinder Abgehobenheit, als Macron öffentlich einen arbeitslosen Gärtner zurechtwies. „Ich brauche nur über die Straße zu gehen und finde einen Job“, sagte er zu dem Mann. Als die Szene in den sozialen Medien die Runde machte, rechneten die Macron-Berater der Nation vor, dass in Frankreich 300.000 Stellen offen seien. Das trifft in der Sache zu und wäre durchaus eine Debatte wert. Doch die rechthaberische und taktlose Reaktion von Macron und seines Beraterstabs wirkt einmal mehr verheerend.

Und sie bestätigt Collombs Einschätzung. Der bärbeißige, ehemals sozialistische Minister ist in Frankreich populär. Sein Schicksal erinnert an das zweier anderer Regierungskollegen, Umweltminister Nicolas Hulot und Sportministerin Laura Flessel, die unlängst die Regierung verlassen hatten. Alle drei stehen in scharfem Kontrast zu all den abgehobenen Technokraten der Eliteverwaltungsschule ENA, die heute in Paris die Staatsgeschäfte lenken.

Der innerste Machtzirkel im Elysée besteht aus „Enarchen“, die sogar meist aus dem gleichen Lehrjahrgang wie Macron stammen. Das gilt für den Generalsekretär im Elysée, Alexis Kohler, Kabinettschef Patrick Strzoda oder den neuen Dienstvorsteher im Elysée, Jérôme Rivoisy. Diese Schattenmänner ziehen im Elysée und damit auch in der Regierung und im Parlament die Strippen, ohne je in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Auch platzieren sie ihre Leute bis weit über die Staatsführung hinaus.

Verheerend ist diese Entwicklung für Macron selbst: Wenn sein Umfeld nur noch aus jenen ENA-Abgängern besteht, ist bald niemand mehr da, um den Präsidenten zu bremsen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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