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Frankreich Inszenierung mit Kalkül

Macron gedenkt in Frankreich des Weltkriegsendes vor 100 Jahren

In Beliebtheitsumfragen tief gestürzt, greift Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron zum alten Erfolgsrezept. Er setzt sich von seinen Amtsvorgängern ab. Er bricht mit Überkommenem. Er kleckert nicht. Er klotzt. Die Gelegenheit hierzu bietet das sich zum hundertsten Mal jährende Ende des Ersten Weltkriegs. Schon vor dem Jahrestag will Macron an das sinnlose Morden erinnern, dem knapp 20 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Der Krieg endete am 11. November 1918 mit der Unterzeichnung eines Waffenstillstands im nordfranzösischen Compiègne.

An diesem Sonntag bricht Macron zu einer siebentägigen Reise durchs ehemalige Kriegsgebiet auf. Auftakt der durch den Osten und Norden Frankreichs führenden Tour ist Straßburg. Zusammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird Macron dort am Sonntagabend bei einem Friedenskonzert den Klängen Debussys und Beethovens lauschen. Es folgt Martialisches.

Ehemalige Schlachtfelder, Gedenkstätten und Friedhöfe will der Staatschef aufsuchen. Das Gebeinhaus von Douaumont zählt dazu, wo die Überreste von 130 000 nicht identifizierten Deutschen und Franzosen ruhen. Jene von der Sinnlosigkeit des Krieges und der Kostbarkeit des Friedens kündende Gedenkstätte ist das, an der sich Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 die Hand zur Versöhnung reichten. Aber auch Compiègne steht auf der Agenda, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel am Samstag hinzustoßen, des Waffenstillstands gedenken und einen Kranz niederlegen will.

Station macht der Präsident dazu an Orten, die weniger vom Krieg als vom Niedergang des Kohlebergbaus und dem Abzug der Industrie ins Elend gestürzt wurden.

Der Tour durch die Provinz folgt der Auftritt auf der Weltbühne. Am 11. November wird Macron vor dem Pariser Triumphbogen zu 84 Staats- und Regierungschefs sprechen, darunter US-Präsident Donald Trump und sein russischer Kollege Wladimir Putin. Es folgt das „Pariser Friedensforum“, auf dem die Geladenen dem Weltfrieden förderliche Initiativen verabschieden sollen. Eröffnen wird es die Bundeskanzlerin. Die Inszenierung ist wohldurchdacht. Frankreichs Staatschef, der in Umfragen auf 25 bis 29 Prozent Zustimmung zurückgefallen ist, appelliert an den Nationalstolz seiner Landsleute, die ihm als Zeremonienmeister die Gefolgschaft schwerlich verweigern können. La Grande Guerre, wie die Franzosen den siegreich beendeten Ersten Weltkrieg nennen, zählt zu den bis heute nationale Identität stiftenden Ereignissen französischer Geschichte.

Zum anderen praktiziert der als volksfern kritisierte Präsident mit seiner Tour de Province Volksnähe. Abstecher in ländliche, von wirtschaftlichem Niedergang gezeichnete Orte sollen den Franzosen signalisieren, dass dem auch als Präsident der Reichen und der Städter kritisierten Politiker das Schicksal der Armen auf dem Lande am Herzen liegt.

Nicht zuletzt ergreift Macron schließlich die Chance, im Vorfeld der Europawahlen die verhängnisvollen Folgen nationaler Alleingänge herauszustreichen, wie sie die Rechtspopulistin Marine le Pen propagiert. Obwohl geschwächt, ist sie laut Umfragen noch immer Macrons mächtigste Widersacherin.

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