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Frankreich Hollandes später Triumph

Frankreichs Ex-Präsident erlebt Comeback – was eher an der Unzufriedenheit mit Macron liegt als seiner Beliebtheit.

Emmanuel Macron
Hollande (ganz r.) hat es nicht gut verkraftet, dass sein ehemaliger Zögling Macron (l. im Vordergrund) ihm den Rang ablief. Foto: rtr

Im besten Fall wurde er belächelt; sonst flogen die faulen Eier, etwa wenn François Hollande vor Jahren die Pariser Landwirtschaftsmesse besuchte. Der sozialistische Präsident von 2012 bis 2017 habe einfach nicht die Aura eines Charles de Gaulle, François Mitterrands oder Jacques Chirac, hieß es; er sei nur gewählt worden, weil die Franzosen seinen Vorgänger Nicolas Sarkozy noch weniger geschätzt hätten. Noch vor kurzem spottete die Kommentatorin Sophie Coignard, Hollandes ganze Präsidentschaft sei wie seine Wahl gewesen – „ein bloßer Unfall der Geschichte.“

Doch, oh Wunder: Zur Zeit ist Hollande der Mann der Stunde der französischen Politik. Er wird weniger kritisiert als Emmanuel Macron, mehr interviewt als Linkenchef Jean-Luc Mélenchon und ist häufiger in Talkshows zu sehen als der offizielle und wenig bekannte Vorsteher der Sozialistischen Partei, Olivier Faure.

Äußerer Anlass der „Hollande-Nostalgie“, wie einzelne Pariser Medien sich ausdrücken, sind seine Präsidialmemoiren „Lektionen der Macht“. Von dem Bestseller sind bereits 100 000 Exemplare verkauft, und wo immer Hollande auftritt, um das Buch zu signieren, stehen die Leute Schlange. Seine Werbetour durch die Buchhandlungen ist eine Triumphfahrt durch Frankreich, die ihn sichtlich entschädigt für die erlittene Unbill im Elysée: Zahllose Anhänger applaudieren ihm, ermutigen ihn und raunen ihm zu, wenn sie nach einstündiger Wartezeit endlich vor ihm stehen: „Sie sollten wieder antreten!“

Macron, der „Präsident der Reichen“? 

Gemeint sind die Präsidentschaftswahlen 2022. Wer mit den Käufern von „Lektionen der Macht“ spricht, erhält stets zur Antwort: Hollande wäre „genug links, aber nicht zu links“, um den aktuellen Staatspräsidenten herauszufordern.

Viele Sozialdemokraten bereuen es heute, dass sie 2017 zu Macron übergelaufen waren, reiht doch dieser eine liberale Reform an die andere. Macron, der „Präsident der Reichen“? Hollande legt da noch einen drauf: „Der Präsident der sehr Reichen.“ Macrons Wirtschaftskurs sei unsozial, sein Regierungsstil arrogant. Er selbst, Hollande, habe die ganze Vorarbeit für den Wiederaufschwung Frankreichs geleistet – aber ohne die Gutverdiener einfach steuerlich zu entlasten und die Ärmeren zur Kasse zu bitten.

Hollandes bittere Attacken gegen Macron machen es offenkundig: Der 63-jährige Ex-Präsident hat es bis heute nicht verwunden, dass er 2017 nicht einmal für seine Wiederwahl kandidieren konnte und seinem einstigen Wirtschaftsminister Macron das Feld überlassen musste. 

„Ich hätte ihn schlagen können, aber ich wollte nicht“, posaunt Hollande heute in seiner unschlagbaren Art, die ihn so oft der Lächerlichkeit preisgegeben hatte. Auch wenn der joviale Bonvivant mit der Aura eines Buchhalters in Paris die Bestsellerlisten politischer Bücher anführt, scheint schwer vorstellbar, dass er nach seiner persönlichen Schmach von 2017 eine zweite Chance erhalten wird. Hollandes unverbrüchlicher Glaube an sich selbst genügt nicht, die aktuelle politische Konjunktur wohl auch nicht. 

Vorgänger Sarkozy hatte es nach einer verpatzten Präsidentschaft sogar zweimal – 2012 wie 2017 – von neuem versucht, aber vergeblich; zuletzt war er bereits in der Primärwahl der Republikaner auf der Strecke geblieben. Hollandes erstaunliches Comeback zeigt hingegen indirekt auf, dass Macrons Lage weniger solide ist, als man meinen könnte. Laut einer Umfrage der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ wird er heute von fünf Prozent mehr Rechtswählern als vor Jahresfrist unterstützt; bei den Sozialisten ist sein Zuspruch hingegen um zwölf Prozent gesunken.

Hollande wird in den Umfragen noch nicht als Präsidentschaftskandidat gehandelt. Vielleicht gehen die Institute zu recht davon aus, dass der neue Hollande-Hype gar nicht so sehr dem ehemaligen Präsidenten gilt – sondern indirekt eine Missfallenskundgebung gegenüber dem aktuellen ist.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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