Lade Inhalte...

Frankreich Flächenbrand in der Banlieue verhindert

Nach Polizeigewalt gegen einen jungen Schwarzen greift Frankreichs Justiz durch – und das Opfer ruft zu Frieden auf.

Den Übergriffen der Polizisten folgten gewaltsame Proteste in Aulnay-sous-Bois. Foto: AFP

Es hätte der Funke sein können, der einen Flächenbrand auslöst. Wie schon 2005, als in der Pariser Banlieue zwei Jugendliche mit schwarzer Hautfarbe auf der Flucht vor der Polizei tödlich verunglückt waren, was wochenlange schwere Unruhen nach sich zog, begann es auch diesmal mit einer Ausweiskontrolle. Vier Polizisten fragten in der Pariser Vorstadt Aulnay-sous-Bois einen jungen Schwarzen namens Théo nach seinen Papieren. Was folgte, lässt schaudern. Eine Überwachungskamera hat es festgehalten.

Die Polizisten traktieren den 22-Jährigen mit Fäusten, Füßen Gummiknüppeln und Tränengas. Sie schleppen ihn zu einem Polizeiwagen, bringen ihn zur Wache, wo die Misshandlungen, vom Kameraauge nicht mehr erfasst, weitergehen. Die Ärzte sollten später schwere Verletzungen im Analbereich diagnostizieren, die vom gewaltsamen Einführen eines Schlagstocks herrühren dürften. Théo liegt an diesem Freitag noch immer im Krankenhaus. Er ist für zwei Monate krankgeschrieben.

Den Übergriffen der Polizisten folgten gewaltsame Proteste. Autos und Supermärkte gingen in Flammen auf, erst in Aulnay-sous-Bois, dann in den Vorstädten der Umgebung. Zwei an den Ausschreitungen beteiligte Männer wurden am Donnerstag im Schnellverfahren zu sechsmonatigen Haftstrafen verurteilt.

Entschlossene Reaktion der Politik

Aus Sicht der Randalierer ist es kein Zufall, dass die Polizei sich an einem jungen Schwarzen vergriffen hat. Fest steht, dass sich Jugendliche arabischer und afrikanischer Herkunft häufiger auszuweisen haben als ihre Altersgenossen weißer Hautfarbe.

Anders als 2005 hat sich die Justiz diesmal allerdings entschlossen den Ursachen des Aufruhrs zugewandt. Die Staatsanwaltschaft hat gegen die vier Polizisten ein Ermittlungsverfahren wegen gemeinschaftlich begangener schwerer Körperverletzung eingeleitet. Einer der Männer muss sich außerdem wegen Vergewaltigung verantworten. Er soll seinen Schlagstock in den Darm des Opfers gerammt haben. Alle vier wurden vom Dienst suspendiert.

Und auch die Politik hat entschlossen reagiert. Bruno Beschizza, der zu den konservativen Republikanern zählende Bürgermeister von Aulnay-sous-Bois, hat seine Solidarität mit dem Opfer bekundet. Der junge Mann, der aus einer im Ort gut beleumundeten Familie stamme, sei erniedrigt, verletzt, seelisch zerstört worden, sagte Beschizza. Staatschef François Hollande suchte den Patienten demonstrativ auf, leistete ihm am Krankenbett eine halbe Stunde Gesellschaft, sprach ihm Mut zu.

Vor allem aber setzte Théo ein Zeichen. In einer Videobotschaft wandte er sich vom Krankenbett aus an seine Altersgenossen, rief sie auf, „den Krieg zu stoppen, auf die Justiz zu vertrauen“. Woraufhin Hollande nachlegte und den Verantwortungssinn des Misshandelten würdigte.

Die Unruhen haben sich denn auch nicht ausgeweitet. In der Nacht zum Donnerstag fanden in Rennes, Nantes und auch in Paris Kundgebungen statt. Die Teilnehmer solidarisierten sich mit Théo. Sie verurteilten das brutale Vorgehen der Polizei. Doch zu neuerlicher Gewalt kam es nicht.

Wenn François Hollande den Fall Théo zur Chefsache gemacht hat, dann deshalb, weil die Lage in den Vorstädten nach wie vor explosiv ist. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt dort teilweise bei 40 Prozent. Zusammenstöße mit der Polizei sind alltäglich. Jugendliche aus Aulnay-sous-Bois zeigen sich überzeugt, dass der Fall Théo niemals so viel Beachtung gefunden hätte, wäre am Tatort nicht eine Überwachungskamera angebracht gewesen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen