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Frankreich Erst Hetze, dann Gewalt

In Frankreich häufen sich Messerattacken: Die Rechte beschuldigt Migranten, die Linke verweist auf rassistische Übergriffe.

Frankreich
Forensiker sichern Spuren nach einer Messerattacke in Paris. Foto: afp

Es war gegen 18 Uhr im Städtchen Périgueux (Zentralfrankreich), als ein Mann mit nacktem Oberkörper mehrere junge Frauen belästigte. Passanten versuchten einzugreifen. Vier von ihnen erlitten Messerstiche und wurden zum Teil schwer verletzt.

Die vor einigen Tagen erfolgte Gewalttat ist eine von mehreren in diesem Sommer. In der Alpenstadt Grenoble wurde Ende Juli ein junger Franzose erstochen, als er eine Freundin vor zwei Angreifern zu schützen versuchte. Anfangs August tötete ein in einen Bus einsteigender Radfahrer in Paris-Clignancourt auf die gleiche Weise einen 50-jährigen Passagier, der ihn darauf aufmerksam machen wollte, dass Velos auf der Linie 255 untersagt sind. Weitere Fälle ereigneten sich in der Pariser Vorstadt Melun, wo ein Mann die Polizisten bei einer Routinekontrolle mit einer Stichwaffe anfiel. Im südfranzösischen Nîmes attackierte ein Häftling einen Gefängniswächter vor einer Woche auf die gleiche Weise.

Die Liste ließe sich verlängern. Die französischen Medien sprechen mit Verweis auf einen Kultkrimi von 1983 von einem „été meurtrier“, einem mörderischen Sommer. Ansonsten berichten sie eher zurückhaltend über die einzelnen Taten. In den sozialen Medien wird ihnen häufig vorgeworfen, sie verschwiegen die Identität der Täter.

In Périgueux handelte sich um einen 19-jährigen Asylbewerber aus Afghanistan. Doch ist das eine relevante Information? Die Frage ist stark politisiert. In Grenoble machte die rechtsextreme Gruppe „Génération Identitaire“ die – maghrebinischen – Namen der beiden Angreifer öffentlich. Die Eltern des Getöteten kritisierten „diese politische Vereinnahmung“.

Vom Radfahrer der Buslinie 255 nennen die Behörden nur sein Alter (30) und frühere Verurteilungen wegen Raub. Das lässt die Gerüchte in den sozialen Medien hochkochen: „Wer trägt jeweils ein Messer bei sich?“, fragte andeutungsvoll ein Forumsteilnehmer, der sich über Islamisten ausließ.

Die mutmaßlichen Täter sind in Haft. Polizei und Justiz schließen terroristische Motive in allen Fällen aus. Diese fast schon rituelle Klarstellung seit den schweren Attentaten von 2015 und 2016 wird aber von rechts angezweifelt. „Auch wenn diese Akte nicht eigentlich ‚terroristisch‘ sind, verwerfen die Täter doch unbestreitbar die Werte der Republik“, schreibt etwa das Magazin „causeur“. „Die Ablehnung der Bürgerlichkeit und der Loyalität gegenüber der Republik finden ihren einfachsten, sichtbarsten und wirksamsten Ausdruck im Durchschneiden der Kehle.“

Pressekommentare über die „Verwilderung der Gesellschaft“ und die „Banalisierung der Barbarei“ werden über die politischen Lager hinweg geteilt. Das linke Newsportal Mediapart präzisiert allerdings, die mit dem Finger gezeigten Bevölkerungskreise seien oft nicht die Täter, sondern Opfer der Gewalt. Anlass für die Bemerkung ist ein neuer Fall in der burgundischen Weinstadt Beaune. Dort schossen zwei Kriminelle auf sieben junge Maghrebiner und verletzten sie teils lebensgefährlich. Laut Augenzeugen riefen sie „sales bougnouls“ (Dreckaraber).

Ein „zunehmendes Klima des Hasses“

Einiges ist noch unklar an dieser Attacke, an deren Ursprung offenbar ein streitiger Autodeal steht. Der Staatsanwalt eröffnete indessen ein Verfahren wegen Mordversuchs „mit rassistischem Charakter“.

Tatsache ist, dass das koloniale Schimpfwort „bougnoul“ in Frankreich heute wieder häufiger zu hören ist. Im Loiretal wurde eine algerische Mutter auf diese Weise beschimpft und dann niedergeschlagen, als sie mit ihren zwei Kleinkindern spazierte und eine Frau aufforderte, ihren Hund an die Leine zu nehmen. Südlich von Bordeaux erschoss ein Nachbar einen Familienvater marokkanischer Herkunft, wobei er ihn als „Sch…araber“ beschimpfte, nachdem ein Kinderball in seinen Garten geflogen war.

Die Kommunistische Partei führt diese Fälle auf ein „zunehmendes Klima des Hasses“ zurück. „Wenn sich der Rassismus über die Sprache befreit und jenen Politikern folgt, die bei der extremen Rechten auf Fischzug gehen, macht dies den Übergang zur Gewalt erst möglich.“

Die Pariser Liga gegen den Rassismus und Antisemitismus (Licra) begrüßt das entschlossene Eingreifen von Polizei und Justiz, zeigt sich aber besorgt über das politische Umfeld. All diese gewalttätigen Vorfälle fänden ihren Nährboden letztlich im „populistischen Europa“ von heute. Und zwar egal, ob die Aggressoren „Allahu Akbar“ oder „Tod den Arabern“ riefen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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