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Frankreich Das Feuer der „Marcheurs“

Nicht alle Mitglieder der Macron-Bewegung ordnen sich der strengen Parteidisziplin unter.

Christophe Castaner
Christophe Castaner (3.v.l.), Parteichef bei der LRM, war einst bei den Sozialisten aktiv. Foto: imago

Der französische Präsident regiert verfassungshalber allein, wenn nicht selbstherrlich. Aber er ist nicht allein. Emmanuel Macron hat 400 000 „Marcheurs“ (Marschierende) hinter sich. So nennen sich die Mitglieder von „En Marche“, der Bewegung, die den jungen Ex-Banker im Mai 2017 in den Elysée-Palast geführt hat. Einen Monat später, am 18. Juni 2017, eroberte die blutjunge Formation selbst die Mehrheit von 312 Sitzen in der 577-köpfigen Nationalversammlung.

Der Marsch durch die Institutionen begann: Die Bewegung mutierte zu der Partei „La République en marche“ (LRM). Einige bedauern diesen Wandel. Sie erinnern sich, wie ein paar unkonventionelle Idealisten in einem Loft des 15. Pariser Arronidissements vor einem Jahr den Wahlkampf für Macron inszenierten. Die Stimmung erinnerte an einen Bienenkorb, und niemand wusste, wie das Abenteuer ausgehen würde. Mit dem Handy in der Linken und Sushi-Stäbchen in der Rechten verbreiteten die Marcheurs über die sozialen Netze Macrons Heilsbotschaft: Frankreich brauche keine linken oder rechten Schlagworte, sondern neue Ideen und Energien.

Umzug in das schicke Opernviertel

Mittlerweile ist LRM an die Rue Saint-Anne im schicken Pariser Opernviertel umgezogen. Am neuen Sitz fällt als erstes der gedämpftere Lärmpegel auf. Ansonsten ist die Metamorphose nicht auf den ersten Blick ersichtlich – aber sie ist radikal. Aus der jungen, horizontalen Internetbewegung, die in der französischen Politlandschaft wie ein Ufo gelandet war, ist eine straff vertikal organisierte Regierungspartei geworden.

Klickt man heute auf die Webseite, inszeniert sich als erstes Parteichef Christophe Castaner in einem Videofilm. Der von den Sozialisten übergelaufene Politprofi war auf dem LRM-Kongress Ende 2017 der einzige Kandidat gewesen. Wegen mangelnder Auswahl hatten darauf hundert Marcheurs ihren Austritt erklärt. Sie kritisierten den zunehmenden „Personenkult“ um den Präsidenten – nicht, weil sie gegen Macron wären, sondern aus politischer Überzeugung.

„Das war nicht demokratisch“, sagt auch Rémi Bouton, ein Alleinunternehmer aus Paris. Vor einem Jahr hatte er der FR erklärt, warum er En Marche beigetreten sei: Frankreich müsse seine Egoismen und Partikularinteressen überwinden und wieder zum Vorrang des Allgemeinwohls zurückfinden. Diese Erkenntnis war keine leere Worthülse, sondern das Resultat langer Debatten im lokalen En Marche-Komitee, das Bouton im 14. Stadtbezirk aufgezogen hatte.

Der energische Autor und Organisator hat der Partei nicht den Rücken gekehrt. Aber er beklagt, dass die Mitglieder „keine Handhabe mehr haben, auf das Parteileben einzuwirken“. Die Themen würde von oben gesetzt, die Debatten durch die Macron-Berater im Elysée gesteuert, bedauert Bouton.

Vielleicht war En Marche von Anfang an ein Missverständnis. Die Bewegung mit den Initialen von Emmanuel Macron war nie eine basisdemokratische Grassroot-Bürgerinitiative – sondern eine gut geölte Wahlmaschine im Dienste ihres Gründers. In der Fünften Republik Frankreichs, dieser verkappten Wahlmonarchie, sind die Parteien vorab Rennställe der Präsidentschaftskandidaten. Macrons En Marche machte da keine Ausnahme.

Ist sie also auch nur Teil der alten Pariser Parteischule? Strukturell sicher. Doch da sind auch die Marcheurs. Sie sind 400 000, mehr als bei jeder anderen französischen Partei. Zehn Prozent bezeichnen sich laut Umfragen als aktiv.

Zu ihnen zählen die 312 Abgeordneten von LRM. Sie werden als eine willfährige Manövriermasse in der Hand des Präsidenten gescholten. Und die Macron-Boys im Elysée achten genau auf die Einhaltung der Parteidisziplin. Bei den wichtigen Reformen des Arbeitsmarktes oder der Staatsbahn SNCF oder des Asylrechte scherten allerdings einige LRM-Vertreter in der Nationalversammlung aus, indem sie sich der Stimme enthielten oder gar mit Nein votierten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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