Lade Inhalte...

Frankfurter Völkermord-Prozess Zeuge belastet Onesphore R.

Erstmals sagen Tutsi aus Ruanda im Frankfurter Völkermord-Prozess aus. Bislang hat das Oberlandesgericht vor allem Indizien zusammengetragen, doch nach vier Monaten ergibt sich ein klareres Bild der Vorwürfe gegen Onesphore R.

12.05.2011 10:59
Andreas Kraft
Der Angeklagte Onesphore R. im Frankfurter Gerichtssaal (Archivbild). Foto: dapd

Frédéric A. ist gut 6000 Kilometer weit gereist, um im Völkermordprozess gegen Onesphore R. auszusagen. 22 Zeugen hat das Oberlandesgericht Frankfurt seit Januar bereits vernommen, doch Frédéric A. ist nicht nur der erste Zeuge, der extra aus Ruanda angereist ist, er ist auch der erste, der R. direkt belastet.

Schon im Oktober 1990, so schildert es A., habe der damalige Bürgermeister von Muvumba zahlreiche Tutsi als Verräter verhaften lassen und sie dann selbst in die Provinzhauptstadt gebracht. Auf dem Weg ins Militärlager habe R. ein Gewehr auf A. gerichtet und ihn erschießen wollen. Ein Bekannter sei aber dazwischengegangen. Der Vorfall ist nicht Teil der Anklage der Generalbundesanwaltschaft, die sich allein auf den Völkermord 1994 bezieht. Sollten A.s Angaben stimmen, zeigt das aber, dass R. schon zu Beginn des Bürgerkrieges gezielt gegen Tutsi wie A. vorging.

Im Oktober 1990 griff die Tutsi-Rebellenarmee von Uganda aus Ruanda zum ersten Mal an. Der Bürgerkrieg flammte über Jahre immer wieder auf. Extremistische Hutu begannen, den Völkermord an den Tutsi zu planen, dem ab dem 6. April 1994 etwa 800.000 Menschen zum Opfer fielen.

Bislang hat das Oberlandesgericht vor allem Indizien zusammengetragen, doch nach vier Monaten ergibt sich ein klareres Bild der Vorwürfe gegen Onesphore R. Als Bürgermeister soll er mit seiner Gemeinde vor den vorrückenden Truppen der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) nach Süden geflohen sein. In Murambi soll er sich dann mit dem dortigen Bürgermeister Jean-Baptiste Gatete verbündet haben, um den Gemeindemitgliedern den systematischen Mord an Tutsi zu befehlen. Bei drei von R. überwachten Massakern sollen im April 1994 etwa 3730 Menschen ermordet worden sein. Gatete wurde kürzlich vom Internationalen Ruanda-Tribunal in Arusha auch wegen der Beteiligung an einem dieser Massaker wegen Völkermord verurteilt.

Ihren Mann hat die Zeugin nach seiner Verhaftung nie wieder gesehen

Auch die zweite Zeugin aus Ruanda, die am Mittwochnachmittag aussagt, liefert weitere Indizien. Ihr Ehemann wurde im Oktober 1990 von R.s Leuten verhaftet. Sie hat ihn seitdem nie wieder gesehen. Was genau mit ihm geschah, weiß sie nicht. Der Fahrer allerdings, der ihren Mann und drei weitere Gefangene zum Gemeindehaus brachte, habe ihr Folgendes berichtet: Als er gerade Sand aufgeladen habe, habe R. ihm befohlen, die Arbeit zu unterbrechen. Dann habe er für R. die Gefangenen fahren müssen. Die Episode zeigt, dass R.s Autorität offenbar so groß war, dass seine Anweisungen auch befolgt wurden.

Zudem, sagt die Zeugin, habe R. im November 1990 die Bevölkerung aufgefordert, beim Angriff der RPF auf Muvumba den Soldaten der ruandischen Armee mitzuteilen, wo die Tutsi in der Gemeinde leben. Wenige Tage nach dieser Versammlung sei sie dann mit ihren Kindern aus Muvumba geflohen. Den Völkermord dreieinhalb Jahre später habe sie nur mit viel Glück überlebt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen