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Frankfurter Auschwitz-Prozess Weder Dämonen noch Abschaum

Vor 50 Jahren begann am 20. Dezember in Frankfurt der erste Prozess gegen die Mörder und Schinder des Konzentrationslagers Auschwitz. Das Verfahren wurde zum Signal für die deutsche Aufarbeitung der NS-Zeit.

Blick auf die Angeklagten und ihre Anwälte im Frankfurter Auschwitz-Prozess: Hinten links der Angeklagte Viktor Capesius, hinten rechts Wilhelm Boger. Foto: dpa

Am 20. Dezember 1963 begann in Frankfurt am Main der erste Auschwitzprozess. Es war der erste von dreien, die erst am 14. Juni 1968 endeten. Die ersten Urteile wurden am 19. Und am 20. August 1965 gefällt.

Der Auschwitz-Prozess hat die bundesrepublikanische Wahrnehmung des Holocaust wesentlich verändert. Nicht weil er der erste Prozess gewesen wäre, der gegen sogenannte Naziverbrechen geführt worden wäre, sondern weil er wesentlich dazu beigetragen hat, deutlich zu machen, wie verkehrt es ist, von Naziverbrechen zu sprechen.

Der Auschwitz-Prozess war nicht der spektakulärste. Das war ohne Zweifel der gegen Adolf Eichmann in Jerusalem (11. April bis 16. Dezember 1961). Jeden Tag nach der Tagesschau wurde über ihn berichtet. Die Zusammenschnitte aus dem Prozess wurden in über 80 Länder der Erde verkauft. In Spitzenzeiten wurden sie von 80 Prozent derer, die überhaupt einen Fernseher hatten, gesehen.

Adolf Eichmann war der Cheforganisator der Judenvernichtung. Als Hannah Arendt Eichmann jede Dämonie absprach und den Begriff von der Banalität des Bösen prägte, entfachte sie damit einen gewaltigen Aufruhr. Gegen massiven Widerstand – unter anderen auch gegen den des den Auschwitzprozess später führenden Richters – setzte der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer durch, dass 22 Verfahren zu einem großen Prozess zusammengeführt wurden. So wurde aus Strafsachen gegen einzelne Angeklagte der Auschwitzprozess. Das ermöglichte nicht nur, den Vernichtungsapparat im Ganzen zu sehen und zu zeigen. Es machte auch erst aus Auschwitz den zentralen Begriff, der er heute – jedenfalls in Deutschland – ist. Dass wir weniger von Holocaust oder der Shoah sprechen, sondern von Auschwitz – das liegt an dem Frankfurter Prozess und dem, was er bewirkte. Zunächst schien es nicht so viel.

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Viel Kritik am Auschwitz-Prozess

Als im März 1965 der Bundestag in einer seiner wichtigsten Debatten sich dafür aussprach – gegen nahezu die gesamte FDP und den damals von ihr gestellten Justizminister – die Nazimorde nicht 20 Jahre nach Kriegsende verjähren zu lassen, da mag die kontinuierliche Berichterstattung aus dem Auschwitz-Prozess Abgeordneten bei der Entscheidung geholfen haben. Die Umfragen zu dem Thema in der Bevölkerung wiesen in eine andere Richtung. Anfang 1965 waren 57 Prozent der Bevölkerung gegen weitere NS-Prozesse. So viele waren es vorher und nachher nie gewesen. In einer Umfrage des Divo-Instituts vom Juni 1964 erklärten 40 Prozent der Befragten, sie verfolgten die Berichterstattung über den Auschwitz-Prozess nicht. Den Eichmann-Prozess hatten 95 Prozent der Befragten dagegen beobachtet.

Dennoch tat der Auschwitz-Prozess seine Wirkung. Der Widerstand gegen eine Auseinandersetzung mit ihm rührte wohl auch daher, dass von Anfang an klar war: Man hatte es – von vielleicht einer Ausnahme abgesehen – nicht mit krankhaft grausamen Menschen, sondern mit ganz normalen Vertretern unserer Spezies zu tun.

Die Angeklagten waren kaufmännische Angestellte, Landwirte, Arbeiter, Ärzte, Apotheker, Tischler. Sie sahen aus wie alle anderen. Sie redeten wie alle anderen. Vor Gericht standen weder Dämonen noch der Abschaum. Vor Gericht standen Bürger wie du und ich.

Der Prozess brachte diese Bürger mit den Taten, die sie offenbar selbst nicht als die ihren betrachteten, zusammen. Der Prozess wurde nicht erst von Peter Weiss dramatisiert. Er war selbst schon ein Drama. Über Monate gelang es zum Beispiel einem der Ärzte, sich als einen zu präsentieren, der sich aufopferungsvoll um die Häftlinge gekümmert hatte. Es schien mitten in Auschwitz die Möglichkeit eines richtigen Lebens zu geben. Dann aber traten Zeugen auf, die belegten, dass dieser Arzt vier Vergasungen von jeweils etwa 1000 Juden überwacht hatte. Drei Jahre und drei Monate Zuchthaus bekam er dafür.

Individuelle Schuld

Der Auschwitz-Prozess wurde und wird viel kritisiert dafür, dass er als Kriminalprozess geführt wurde. Das aber ist gerade seine herausragende Qualität. Der Auschwitzprozess betrachtete auch die Massenmörder als Mörder. Das heißt, verurteilt wurde nur, wem nachgewiesen konnte, dass er an der Ermordung von Menschen wissentlich beteiligt war. Dabei wurde peinlich genau darauf geachtet, ob den Tätern zum Beispiel Heimtücke nachgewiesen werden konnte.

Im Frankfurter Auschwitz-Prozess ging es stets um den einzelnen Menschen. Bei Opfern wie Tätern. Das gab ihm seine – langfristig und durch viele Widersprüche hindurch – die Gesellschaft umwälzende Wucht.

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