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Frank Richter Einer, der auszog, um Bretter zu bohren

Politik-Erklärer Frank Richter will Meißener OB werden – damit sind manche nicht einverstanden

Frank Richter
Frank Richter, 58, Theologe, ist häufig Gast in Talkshows. Foto: imago

Viele Jahre hat er über Politik gesprochen, über das Verhältnis von Regierenden und Regierten, über Ost und West, Pegida und Dresden, über Wut und Verkrustungen, über das nötige Zuhören und Ertragen anderer Meinungen. Er hat kürzlich sogar ein Buch auf den Markt geworfen: „Hört endlich zu!“, eine Streitschrift mit dem Anliegen, den Schimpfenden mehr Gehör zu schenken.

Im Moment muss Frank Richter selbst erst einmal eine Menge Geschimpfe aushalten. Der 58-jährige Theologe, einst Bürgerrechtler, Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung in Sachsen, Dresdner Streitschlichter und häufiger Fernseh-Talkshow-Gast als Ost-Befindlichkeitserklärer, hat sich überraschend dazu entschieden, in Meißen der nächste Oberbürgermeister werden zu wollen. Die Wahl ist im September und Richter will als Unabhängiger für ein breites Bürgerbündnis antreten. Er wechselt also die Seiten: Der Politik-Erklärer und Moderator steigt in den Ring und will Politik gestalten.

Es sind noch fünf Monate bis zum Wahltermin, doch schon jetzt weht dem Kandidaten ein scharfer Wind um die Nase. Sein Plan gefällt nicht allen. Die CDU, aus der Richter im August 2017 kurz vor der Bundestagswahl öffentlich ausgetreten war, wobei kaum einer wusste, dass er jahrelang drin war, hat sich Richter zur Brust genommen.

Dort hat man ihm seinen lauten Austritt und die Hinweise auf mangelhafte unionsinterne Diskussionskultur nicht verziehen. In der Union, die an dem seit 14 Jahren regierenden parteilosen Meißener Rathauschef Olaf Raschke festhalten will, hält man Richters Plan offensichtlich für eine neue Marotte des Theologen. Richter habe sich Meißen wohl als politisches Experimentierfeld ausgesucht, aus welchen Gründen auch immer, schimpfte der CDU-Kreisverbandschef Ulrich Reusch in der „Sächsischen Zeitung“.

Richter habe kein Programm, sei nicht qualifiziert und verliere sich in Allgemeinplätzen und salbungsvollen Reden. Er habe sich auf einen Ausflug ohne Ziel und Plan begeben. „Und das tut er auch noch mit der ihm eigenen selbstgefälligen Attitüde eines politischen Messias.“ Den, so Reusch, brauche Meißen aber ebenso wenig wie einen Bewerber, der seine Profession und Konfession ständig wechsele.

Tatsache ist, Richter zieht Anfang Mai nach Meißen. Er muss die Stadt, die er regieren will, und ihr Geschehen erst gründlich kennenlernen. Er hoffe auf einen von Fairness, Sachlichkeit und wechselseitigem Respekt geprägten Wettbewerb, konterte er die Kritik an seiner Person. Das Wahlrecht sei im übrigen keine Laune, sondern ein Grundrecht. In seiner alten Partei, der CDU, traut man ihm wenig zu: Wenn Politik das Bohren dicker Bretter sei, dann habe Richter das Bohren immer dann aufgehört, wenn es „dicke“ kam, so Reusch in der „Sächsischen Zeitung“.

Vor ein paar Tagen schied Richter als einer von drei Geschäftsführern bei der Stiftung Frauenkirche aus. Eigentlich hatte er um eine unbezahlte Freistellung während der Zeit seiner Kandidatur gebeten, hat sie aber nicht bekommen. Ende Juni ist Schluss. Danach kann sein Wahlkampf beginnen. Gut zwei Monate hat er dann Zeit, den Kritikern zu zeigen, dass er doch etwas von Brettern und Bohrern und Meißen versteht.

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