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Franco-Diktatur Der faschistische Freizeitpark

Nur für robuste Mägen: Das Tal der Gefallenen bei Madrid verherrlicht bis heute die Franco-Diktatur. Die Sánchez-Regierung will jetzt immerhin die Überreste des Diktators fortschaffen.

Valle de los Caídos
Beeindruckender Bau: Vor lauter staunen vergessen viele Besucher die hässliche Geschichte hinter der Anlage. Foto: afp

Unten herrscht schon mal schlechte Laune. Vor dem Kassenhäuschen an der Zufahrt zum Valle de los Caídos schiebt sich von der Landstraße her eine Autoschlange so langsam voran, dass manchen die Nerven durchgehen. Es sollen sich bloß keine Wagen, die aus anderer Richtung kommen, bei ihnen im Reißverschlussverfahren einreihen. Sie haben schließlich lange genug gewartet und wollen endlich ihre 9 Euro bezahlen, pro Person, um Francos Grabmal sehen zu dürfen. Die Frau im Kassenhäuschen treibt zu weiterer Eile: Der Altarraum oben in der Kirche, wo Franco beerdigt liegt, sei ab 12.30 Uhr für anderthalb Stunden gesperrt, „wegen einer religiösen Feier“. Also nichts wie hoch die letzten fünf Kilometer durch den durchsonnten Kiefernwald, bis da endlich die Basilika auftaucht. Ein erhebender Anblick. Oder ein niederschmetternder. Je nach Betrachter.

Das Valle de los Caídos – zu deutsch: das Tal der Gefallenen – ist eine monumentale Grabanlage in der Sierra de Guadarrama, dem Gebirgszug im Nordwesten Madrids. Dieser Tage kommen besonders viele Besucher. Das liegt an Pedro Sánchez, dem neuen sozialistischen Ministerpräsidenten, der kurz nach seinem Regierungsantritt Anfang Juni die Vertreibung Francos aus seinem Mausoleum ankündigte. Und zwar schon bald, wenn es nach Sánchez geht, am besten noch im Juli. Die Ankündigung hatte eine Sogwirkung wie manche Zirkusplakate: nur noch zwei Wochen! Als verliehen die Überreste des Diktators der Anlage einen unwiederbringlichen Geist, der schnell noch einmal geschnuppert werden will. Es ist kein guter Geist.

Ein unbefangener Besucher, der nichts von spanischer Geschichte weiß, lernt hier nichts. Wer sich ganz viel Mühe gibt, kann im Halbdunkel der in den Fels gehauenen Kirche an einer Seitenwand eine Inschrift in goldenen Lettern lesen: „Francisco Franco, Caudillo Spaniens, Patron und Gründer, weihte dieses Monument am 1. April 1959 ein.“ Und darunter: dass Papst Johannes XXIII., der keine Berührungsängste mit der Franco-Diktatur kannte, die Kirche ein Jahr später zur Basilika erhob. Soweit die Information vor Ort. Wer ein bisschen mehr wissen will, kann sich im Museumsladen hinterm Eingang eine 60-seitige Broschüre kaufen – auch auf Deutsch. Darin steht, dass am 1. April 1940 „durch ein Dekret beschlossen“ worden sei, an dieser Stelle „ein Denkmal für die Gefallenen des Bürgerkriegs zu errichten“. Das ist eine wunderbare Lüge. So wunderbar, dass sie viele Spanier geschluckt haben.

Ein Denkmal der Unterwerfung

Am 1. April 1940 war der Spanische Bürgerkrieg seit genau einem Jahr vorüber. Rechte aufständische Militärs, deren Führung der für seine Brutalität gefürchtete General Francisco Franco übernommen hatte, hatten in drei Jahren Krieg die spanische Republik in die Knie gezwungen. Franco wollte seinen Sieg gewürdigt wissen, mit einem „ewigwährenden Pilgerort“, an dem „die Helden und Märtyrer des Kreuzzuges“ ruhen sollten. So steht es in dem von Franco unterzeichneten Dekret über die Errichtung des Valle de los Caídos. Kein Ort der Versöhnung, sondern ein Denkmal der Unterwerfung. Franco hatte seinen „Kreuzzug“ gegen die Roten, gegen das „Antispanien“ gewonnen, und noch „künftige Generationen“ sollten an diesem Ort „Bewunderung“ für seinen grandiosen Sieg empfinden. Er selbst ließ sich hinterm Altar der Felsenkirche, einer Stelle, die gewöhnlich Päpsten oder Bischöfen vorbehalten ist, ein Grabmal reservieren. Und nachdem er im November 1975 friedlich im Bette gestorben war, wurde er ebendort bestattet.

Man kann das alles ausblenden, so wie Spanien überhaupt große Meisterschaft darin besitzt, seine faschistische Vergangenheit auszublenden. Als wäre der Franquismus Vor- und Frühgeschichte. „Ich bin 44 Jahre alt“, sagt José Antonio García, ein Exmilitär mit Hosenträgern in den spanischen Nationalfarben, der das Valle de los Caídos an diesem sonnigen Julitag seiner Tochter zeigt. „Die Sache mit dem Franco-Regime, mit der Diktatur, hat auf mein Leben keinerlei Einfluss gehabt.“ Er ist hier, weil ihn diese gewaltige Felsenkirche beeindruckt, „darüber habe ich gerade mit meiner Tochter gesprochen: vom Menschen erschaffen, und macht den Menschen doch klein.“ So kann man das sehen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Spanien

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