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FR-Interview mit Jochen Flasbarth "Flugverkehrs-Abgabe muss kommen"

Die Airlines laufen Sturm gegen die für 2011 geplante ökologische Abgabe auf Flugtickets. Im FR-Interview erklärt der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, warum die Flugverkehrsabgabe wichtig ist.

23.07.2010 12:52
Jochen Flasbarth Foto: dpa

Die Bundesregierung will 2011 eine Abgabe auf Flugtickets einführen – 13 Euro pro Inlandsflug, 26 im internationalen Verkehr. Die Flugbranche wehrt sich heftig dagegen? Zu recht?

Nein, die Luftverkehrsbranche profitiert seit Jahrzehnten von der Steuerbefreiung auf Kerosin und ist dadurch etwa gegenüber der Bahn im Vorteil. Die Ticketabgabe würde diese Ungleichbehandlung teilweise reduzieren. Bislang profitiert der Flugverkehr jährlich mit 11,5 Milliarden Euro davon, dass er keine Kerosinsteuer und auch keine Mehrwertsteuer bei Flügen ins Ausland zahlt. Die Ticketabgabe, die rund eine Milliarde Euro pro Jahr einbringen soll, wäre also nur ein kleiner Beitrag zum Abbau dieser gravierenden Wettbewerbsverzerrung.

Von 2012 an soll der Flugverkehr doch ohnehin in den EU-Emissionshandel einbezogen werden. Wozu dann noch eine Ticketabgabe?

Wir brauchen beides. Eine Doppelbelastung wird es auch ab 2012 nicht geben, denn der Emissionshandel deckt die Umweltwirkungen des Luftverkehrs nur teilweise ab. Er berücksichtigt zum Beispiel die Klimagas-Emissionen der Flugzeuge in großer Höhe nicht; diese wirken aber wesentlich klimaschädlicher als die gleiche Menge am Boden. Zudem erhalten die Fluggesellschaften den größten Teil der Zertifikate kostenlos, nur ein kleiner Teil wird versteigert.

Wie teuer wird der Emissionshandel für die Fluggesellschaften?

Nach unseren Berechnungen wird die Auktionierung der CO2-Zertifikate für den Luftverkehr für Deutschland weniger als 100 Millionen Euro pro Jahr bringen – also deutlich weniger als die geplante Ticketabgabe. Emissionshandel und Abgabe müssen nebeneinander wirken, um die Umweltschäden des Luftverkehrs einzudämmen.

Werden die Tickets durch die Abgabe automatisch teurer?

Letztlich ist das eine Frage, die der Markt entscheidet. Vermutlich werden die Preise ansteigen. Als Umweltschützer sage ich: Es ist gut, wenn die Preise die ökologische Wahrheit sagen. Wenn das Flugzeug die Umwelt stärker belastet, muss es mehr kosten als ein umweltverträglicheres Verkehrsmittel wie der Fernbus oder die Bahn. Insofern sind höhere Ticketpreise sinnvoll.

Wie schädlich ist Fliegen denn wirklich für die Umwelt?

Fliegen ist die umweltschädlichste Form der Fortbewegung. Der weltweite CO2-Ausstoß des Flugverkehrs entspricht schon heute denen eines großen Industriestaates wie etwa Polen. Die Tendenz ist leider stark steigend.

Flugzeuge verursachen bisher nur zwei bis drei Prozent des globalen CO2-Ausstoßes.

Die Gesamtklimawirkung des Luftverkehrs ist aber mindestens doppelt so groß wie die des CO2-Ausstoßes allein - etwa durch die verstärkte Bildung von Kondensstreifen und Schleierwolken sowie dem Aufbau des Treibhausgases Ozon in einem sensiblen Stockwerk der Atmosphäre. Neben der Umwelt leidet aber auch der Mensch: Vor allem nachts kann Fluglärm zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Auch das sollte eine Ticketabgabe abbilden.

Interview: Joachim Wille

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