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FR-Interview mit Ex-Umweltminister Klaus Töpfer „Deutschland braucht keine Atomkraft“

Ex-Umweltminister Klaus Töpfer spricht im FR-Interview über das schwarz-gelbe Moratorium und die Vorbildfunktion eines Atom-Ausstiegs.

21.03.2011 18:35
Klaus Töpfer (72) ist Direktor des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam.

Ex-Umweltminister Klaus Töpfer spricht im FR-Interview über das schwarz-gelbe Moratorium und die Vorbildfunktion eines Atom-Ausstiegs.

Herr Töpfer, kann Deutschland beschleunigt aus der Atomkraft aussteigen?

Ich bin davon überzeugt, und zwar nicht erst seit der Katastrophe in Fukushima. Wir können die Brücke ins Zeitalter der erneuerbaren Energien kürzer anlegen als bisher geplant – und wir müssen es tun. Die damit verbundenen Herausforderungen sind erheblich, aber sie sind zu bewältigen.

Sieben AKW wurden aufgrund des Moratoriums der Regierung abgeschaltet. Ihre Sicherheitstechnik ist veraltet. Sollten sie nicht dauerhaft stillgelegt werden?

Es ist mehr als sinnvoll, in diese Richtung zu gehen. Zumal der Schritt möglich ist, ohne unsere Stromversorgung zu gefährden.

War es ein Fehler, den rot-grünen Ausstieg zu kippen?

Diese Frage hilft nicht, um in der aktuellen Situation voranzukommen. Die Bundesregierung hat mit dem Moratorium eine mutige Entscheidung getroffen – anders als andere Länder, die die Atomkraft nach Fukushima nicht neu bewerten wollen. Wir haben bereits parteiübergreifend einen Konsens, dass die Kernenergie keine Zukunftstechnologie ist. Ob man sagt, wir brauchen sie noch zehn Jahre oder etwas länger, ist eine wichtige Frage. Aber wir sollten darüber nicht vergessen, dass dieser Konsens da ist.

Das ist vor wichtigen Wahlen schwierig.

Aber wichtig. Wir müssen gemeinsam alles daransetzen zu belegen, dass auch ein wichtiges Industrie- und Exportland wie Deutschland seine Position behaupten und sogar verbessern kann, wenn es auf Kernenergie verzichtet. Nur dann werden andere Staaten mitziehen, die jetzt noch glauben, sie könnten auf Atomstrom nicht verzichten.

Wenn Deutschland aussteigt, sinkt das Super-GAU-Risiko, aber die AKW in den Nachbarländern, zum Teil direkt an der Grenze, laufen weiter …

Das ist ein Problem. Aber wir können Veränderungen in den Nachbarländern nur anstoßen, wenn wir zeigen, dass unser Modell des Umstiegs funktioniert. Das muss unser Ziel sein. Der Siegeszug der erneuerbaren Energien zeigt, dass das zu schaffen ist.

Ein schneller Atomausstieg bedeutet: Der CO2-Ausstoß steigt wieder, weil alte Kohlekraftwerke wieder ans Netz müssen …

Das kann auf Dauer nicht die Alternative sein, auch wenn moderne, hoch effiziente Kohle-Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung zwingend erforderlich sind. Wir müssen erstens die erneuerbaren Energien schneller als geplant ausbauen und zweitens als Ergänzung neue, effiziente Gas-Kraftwerke bauen, die CO2-arm sind. Eine wichtige Perspektive ergibt sich aus den Forschungen, die es zum Ziel haben, den Kohlenstoff-Kreislauf zu schließen und CO2 in verschiedenen Formen wieder zu nutzen. Diese Forschungen müssen intensiv weitergehen.

Wird Strom durch einen schnelleren Ausstieg teurer werden?

Möglicherweise. Aber wir müssen uns ohnehin darauf einstellen, dass Energie teurer wird. Die Ressourcen nehmen ab, der Verbrauch steigt global an. Deswegen wird es noch mehr darauf ankommen, dass wir die Energie sparsamer nutzen. Das kann die Preissteigerungen zumindest zum Teil auffangen.

Sie waren als Bundesumweltminister in den 1980er und 90er Jahren auch für die Reaktorsicherheit zuständig. Haben Sie damit gerechnet, dass es nach Tschernobyl noch einmal zu einem Super-GAU kommen würde?

Diese Möglichkeit konnte wohl niemand ganz ausschließen. Deswegen habe ich bereits am ersten Tag meiner Amtszeit als Umweltminister gesagt: Wir müssen eine Zukunft ohne Kernenergie erfinden. Diese Technologie bringt es mit sich, dass unerwartete Unfallabläufe eintreten können, die dann immense Schäden verursachen. Die Hoffnung, wirklich alle Gefahren vorher zu erkennen und Vorsorge zu treffen, wird sich nicht erfüllen.

Interview: Joachim Wille

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Atomausstieg

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