Lade Inhalte...

Folter in der Türkei Mit Sack über dem Kopf ins Geheimgefängnis

Elektroschocks, Beschallung mit Militärmusik, Drohung mit sexueller Gewalt: Regimegegner werfen dem türkischen Geheimdienst Kidnapping und Folter vor.

Recep Tayyip Erdogan
Im Ausland kritisiert, in der Türkei unangefochten: Staatschef Erdogan (Mitte) auf einem Treffen von AKP-Provinzvorsitzenden. Foto: afp

Die Vorwürfe wiegen schwer: Der türkische Geheimdienst MIT soll ein Entführungsprogramm betreiben. Nach gemeinsamen Recherchen des ZDF-Magazins „Frontal 21“ und acht weiteren internationalen Medien, koordiniert von „Correctiv“, suchen Agenten weltweit nach politischen Gegnern, um sie in türkische Gefängnisse zu verschleppen. Mehrere Betroffene erheben sogar den Vorwurf, sie seien in Geheimgefängnissen gefoltert worden. Die türkische Regierung habe auf Nachfragen zu den Vorwürfen bisher nicht reagiert, teilte das ZDF mit.

Kronzeugen der Reporter sind zwei Männer, die unabhängig voneinander von geheimen Folterzentren in der Türkei berichten. Sie seien auf offener Straße in der Türkei in dunkle Transporter gezerrt und mit einem Sack über dem Kopf in ein Geheimgefängnis gebracht worden. In Verhören unter Folter sei ihnen vorgeworfen worden, Anhänger des Predigers Fetullah Gülen und Terroristen zu sein. Ziel der Misshandlungen sei es, falsche Zeugenaussagen für Prozesse gegen Gülen-Anhänger zu erpressen.

Sevim Dagdelen: „Mit einem Rechtsstaat unvereinbar“

Einer der Verschleppten berichtete von körperlicher Gewalt und Drohungen mit sexueller Gewalt – auch gegen seine Familie. Im Interview sagte der Mann: „Sie haben sich auf mich gesetzt, als ob sie jeden Moment ein ‚Sexspielzeug‘ an mir anwenden wollten. Dann haben sie mir gedroht: Wir werden auch deine Familie herholen. Was wir mit dir machen, werden wir auch mit deiner Frau tun, mit deiner Mutter, mit deinem Vater. Wir lassen deine Kinder dabei zuschauen.“

Der zweite Mann berichtete über Elektroschocks, stundenlanges Stehen in einem engen Schrank und Beschallung mit lauter Militärmusik. „Aus dem Lautsprecher kamen Anweisungen und unerträglich laute Musik“, sagte er. „Nach einiger Zeit hält man das nicht mehr aus, man ist durstig, müde. Wenn man nicht mehr kann, fällt man auf den Boden, und dann gab es Faustschläge und Tritte.“

Mehrere Menschenrechtsorganisationen, darunter Human Rights Watch (HRW), halten die Schilderungen für glaubwürdig. Zu Entführungen und Folter in der Türkei sagte Wenzel Michalski, Direktor von HRW Deutschland: „Wir müssen davon ausgehen, dass das systematisch ist.“

Der türkische Menschenrechtsverein IHD ist überzeugt, dass der türkische Geheimdienst MIT für die Entführungen in der Türkei verantwortlich ist, wie das ZDF mitteilte. Angehörige hätten berichtet, wie Opfer auf offener Straße verschleppt worden seien, „mit einem schwarzen Kleintransporter mit dunklen Scheiben“, sagte Öztürk Türkdogan, Vorsitzender des IHD.

Die Vizevorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion, Sevim Dagdelen, verlangte, die Zusammenarbeit zwischen deutschen und türkischen Sicherheitsbehörden auszusetzen. „Internationale Entführungen, Geheimgefängnisse und Folter sind mit einem Rechtsstaat unvereinbar“, sagte Dagdelen. „Die Bundesregierung steht in der Pflicht, aufzuklären und sicherzustellen, dass sich keine deutschen Sicherheitsbehörden an dem illegalen Entführungsprogramm des türkischen Geheimdienstes beteiligen“, forderte die Oppositionspolitikerin.

Die Bundesregierung müsse den Schutz der in Deutschland lebenden Menschen, inklusive türkischer Oppositioneller, gewährleisten. „Die Kooperation von Polizei und Geheimdiensten in Deutschland mit Erdogans Regime muss umgehend ausgesetzt werden“, so Dagdelen.

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) kritisierte, dass die große Koalition so tue, als sei in der Türkei alles wieder in Ordnung. „Nichts ist in Ordnung! Der türkische Staat ist unter Präsident Erdogan zur Autokratie verkommen; zu einem Unrechtsstaat, in dem das Foltern von Andersdenkenden offenbar zum politischen Alltag dazugehört; zu einem allenfalls formalen Nato-Partner, der die völkerrechtswidrige Besatzung der syrischen Region um Afrin bis heute fortsetzt“, sagte Roth.

Die Grünen-Politikerin betonte, dass es mit einer Regierung, die auf die Misshandlung und Verfolgung ihrer Kritiker setze, keine Normalisierung geben dürfe. Es sollten ausschließlich jene Kräfte unterstützt werden, die sich für eine demokratische und rechtsstaatliche Türkei einsetzen, forderte Roth. „Mit ihrem Kurs der vermeintlichen Annäherung an die AKP-Regierung hingegen fällt die Bundesregierung unseren Verbündeten in der Türkei in den Rücken.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen