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Flug MH17 Russlands Fantasie schlägt alle Realität

Heute vor drei Jahren schoss russische Flak über der Ukraine den Flug MH17 ab. Moskau lehnt jegliche Verantwortung ab. Für den Großteil der Russen ist eine russische Schuld undenkbar.

Urkaine
Ein malaysischer Ermittler inmitten der MH17-Trümmer 2014. Foto: rtr

Jerry Skinner hat keine Zweifel, wer Schuld hat. „Denken Sie wirklich, Sie müssen sich vor den Familien der 80 Kinder an Bord nicht verantworten?“, schreibt der Hinterbliebenen-Anwalt in einem offenen Brief an Russlands Staatschef. „Herr Putin, das Böse kann gesühnt werden. Ihr christlicher Glaube sollte Sie lehren, dass man sich Vergebung mit Worten und Taten verdienen muss.“

Heute jährt sich der Abschuss der malaysischen Boeing mit der Flugnummer MH17 über dem Kriegsgebiet im Donbass zum dritten Mal. Es gilt inzwischen als sicher, dass die Passagiermaschine von einer Rakete eines Buk M1-Flugabwehrsystems getroffen wurden, alle 298 Insassen kamen ums Lebens. Die niederländischen Behörden, die die Ermittlungen leiten, wollen die Schuldigen vor Gericht sehen.

Rakete eines Buk M1-Flugabwehrsystems trifft Maschine

Der malaysische Transportminister Liow Tiong Lai sagte vor wenigen Tagen, eine namentliche Liste der Schuldigen könne bis Anfang 2018 veröffentlicht werden. Und es zeichnet sich ab, dass die meisten Russen sind. Nach den Ergebnissen des internationalen Ermittlungsteams wurde das Buk-System vor dem Abschuss aus Russland ins Kampfgebiet geschafft. Die Rakete startete von einem Feld unweit des von Rebellen kontrollierten Dorfs Perwomaiskoje.

Das britische Recherchenetzwerk Bellingcat gibt an, dass die Buk-Bedienung der 53. russischen Flugabwehrbrigade angehörte. Auch die ersten Namen der Befehlshaber des Buk-Einsatzes sind bekannt: So soll der bei Rostow am Don lebende russische Aufklärungsoberst a.D. Sergei Dubinski den Transport des Flak-Systems in die Ukraine organisiert haben. Ein Afghanistanveteran, keineswegs ein typischer Kriegsverbrecher, laut der russischen Oppositonszeitung „Nowaja Gaseta“ ermöglichte Dubinski im Donbass die Freilassung vieler ukrainischer Kriegsgefangener.

Russland wappnet sich gegen den drohenden Prozess

Aber das entschärft die Anklage gegen Russland nicht: „Waren im Donbass etwa keine russischen Panzer, keine russischen Vertragssoldaten?“, schimpft die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Aleksejewitsch. „Ohne russische Waffen gäbe es dort gar keinen Krieg.“ Umso heftiger mauert Russland. Auch Putin besteht auf seiner Unschuld. Sicher besäßen die US-Geheimdienste Informationen über den Abschuss der MH17-Boeing, sagte er dem US-Filmregisseur Oliver Stone. „Washington will die Schuld auf die Aufständischen schieben und indirekt auf Russland, das sie unterstützt.“

In Russland wappnet man sich gegen den drohenden Prozess. „Das wird eine Publicity-Veranstaltung. Obama hat sofort nach dem Abschuss gesagt, das seien die Aufständischen gewesen“, klagt der Militärexperte Viktor Litowkin. „Seitdem arbeiten alle westlichen Behörden und Ermittler in diese Richtung.“ Die Russen schimpfen, die niederländischen Ermittler lieferten statt Beweisen nur Indizien und gefälschte Bilder aus dem Netz.

Russische Gegenversionen widersprechen sich

Diese Indizien sind aber sehr zahlreich und praktisch niemand im Westen zweifelt daran, dass die 53. Flakbrigade aus Südrussland ein Buk-System in die Ostukraine verfrachtete.

Die russischen Gegenversionen dagegen widersprechen sich: Erst sollten es ukrainische Buk-Schützen gewesen sein, dann der Piloten eines ukrainischen Kampfbombers, schließlich meinten sie, es gebe Radarbeweise gegen die Anwesenheit von Kampfjets.

Auch liberale Medien stehen zur Nation, etwa das Enthüllungsblatt „Sowerschenno Sekretno“. Das veröffentlichte ein Dienstschreiben des ukrainischen Grenzschutzes vom 20. Juli 2014, nachdem man kein Buk registriert habe, das die Grenzen überquerte. Allerdings hatten die Ukrainer damals die Kontrolle über weite Grenzabschnitte zwischen Russland und den Rebellengebieten verloren, konnten also Militärtransporte dort schwerlich überwachen. Offenbar ahnt auch die Redaktion, dass ihr Indiz kaum eines ist und ruft deshalb zur „Volksermittlung“ auf: „Nur mit ihrer Hilfe können wir andere verbrecherische Befehle, chiffrierte Telegramme und Anordnungen bekommen.“ Fraglich, ob der Patriotismus der Volksfahnder ausreichen wird, um die bedrohte Ehre der vaterländischen Militärs zu retten.

Russische Schuld undenkbar

Für den Großteil der Russen ist eine russische Schuld sowieso undenkbar. Pawel Kanygin, Reporter der „Nowaja Gaseta“, der wesentlich zur Identifizierung von Dubinski beitrug, sagt: „Beim Recherchieren hast du das Gefühl, dich weit jenseits der Wirklichkeit zu bewegen, die sich meine Landsleute überhaupt vorstellen können.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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