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Flug MH17 Auf der Suche nach der Wahrheit

Vor einem Jahr wird eine Boeing 777 der Malaysia Airlines über der Ost-Ukraine abgeschossen. In die Erzählungen der Menschen im Donbass mischen sich Erlebnisse mit Parolen und Propaganda-Bildern.

Fotos von Opfern an einem Wegkreuz vor dem Dorf Grabowo in der Ost-Ukraine. Bei dem Flugzeugabsturz vor einem Jahr starben 298 Menschen. Foto: Stefan Scholl

Auf der Hauptstraße des Dorfes Rassypnoje steht ein Hüne mit Bauch und schaut zu den grauweißen Wolken am Himmel. „Es sah aus, als käme ein Schwarm Vögel geflogen, die es eilig haben“, sagt Alexander, ein Bergmann in Rente. „Aber es waren Menschen.“
Vor einem Jahr, am 17. Juli, wurde über dem Kriegsbiet im Donbass eine Boeing 777 der Malaysia Airlines abgeschossen. Die Maschine mit der Flugnummer MH17, die von Amsterdam nach Kuala Lumpur unterwegs war, brach in über 10 000 Metern Höhe auseinander. Alle 298 Insassen kamen um. Sofort entbrannte eine Debatte über die Schuldigen des Massakers; bis heute werden prorussische Separatisten, die ukrainische Armee oder insgeheim im Donbass kämpfende russische Streitkräfte verdächtigt.

Aus der zerfetzten Boeing fielen Wrackteile, Koffer, Notebooks, tote oder sterbende Passagiere, später segelten Aluminiumfetzen und Kissen nieder. Heute blühen auf den Feldern junge Sonnenblumen, eine leicht hügelige, durchaus idyllische Landschaft.

Am weitesten flog der Mittelrumpf des Flugzeugs, er stürzte 100 Meter vor dem Dorf Grabowo ins Feld. „Es drehte sich in der Luft um sich selbst“, sagen zwei dicke Frauen, die vor ihrem Haus auf einer Holzbank sitzen und beide Natascha heißen. „Dann riss ein Flügel ab, und es stürzte zu Boden. Sonst wäre es in die Häuser gekracht.“ Im Wiesenhain gegenüber kauert eine Reihe verwaschener Stofftierchen, mit denen die Anwohner die Toten trösten wollen. Auch trauernde Niederländer sind hier gewesen: Am hölzernen Wegkreuz vor Grabowo hat jemand Fotos von zwei jungen, blonden, lachenden Nordeuropäern festgenietet.

Hinter dem Wegkreuz sägt ein kleiner Mann in Gummigaloschen Brennholz. Alexei, ein anderer Bergmann auf Rente. „Bei dem Strommast dort haben sie ein kleines Mädchen gefunden“, sagt er, „es war sehr schön.“ Wenn Alexei in die Kirche geht, um eine Kerze für seine verstorbene Mutter anzuzünden, zündet er eine andere Kerze an, für das schöne Kind und all die anderen Fremden, die der Tod auf das Feld geworfen hat. Die Leute hier haben mehr gesehen und gehört als einen Flugzeugabsturz. Sie müssen einen Massenmord verarbeiten.
Alexander erzählt von anderen Flugzeugen, vom Geknatter automatischer Waffen am Himmel. Ein Mann aus dem benachbarten Pelagejewka spricht von zwei ukrainischen Kriegsflugzeugen: Ein Kampfjet habe die Boeing abgeschossen, der andere den ersten, um Zeugen zu beseitigen.

Die Suche nach der Wahrheit

Der abgeschossene Pilot sei mit dem Fallschirm abgesprungen. „Auf dem Feld, wo er landete, arbeiteten Frauen mit Breithacken. Sie haben ihn damit totgeschlagen.“
Andere sagen, die Leichen hätten schon nach Verwesung gerochen, als sie auf der Erde aufschlugen. Eine Provokation dunkler Kräfte, um die Weltöffentlichkeit gegen Russland aufzuwiegeln. Einige meinen, die Ukrainer hätten die Boeing versehentlich abgeschossen, wollten eigentlich die russische Maschine erwischen, mit der gerade Wladimir Putin unterwegs gewesen sei.

Hier leben Malocher. Sie lügen nicht, sie sagen nur ihre Wahrheit, eine Wahrheit, die erlebte Wirklichkeit mit den Parolen und Bildern des russischen Staatsfernsehens mischt. Aber auch Menschen, die nichts mit dieser Volksrepublik anfangen können, haben am Abschusstag Kampfflieger bemerkt. „Wenn eine halbe Million Menschen diese Flugzeuge gesehen haben“, brummt ein Automechaniker aus Rassypnoje, „dann sind sie wohl dagewesen.“ Zumal die Leute nach wochenlangen ukrainischen Luftangriffen achtgaben auf den Himmel.

Allerdings glauben inzwischen auch russische Experten, kein Kampfflieger, sondern eine Buk-Luftabwehrrakete habe das Blutbad über Rassypnoje angerichtet. Die britische Rechercheagentur Bellingcat hat unter Auswertung von US-Satellitenfotos und Amateuraufnahmen die wahrscheinliche Position des Buk-Raketenwerfers geortet, knapp fünf Kilometer südlich der Hauptstraße von Tores nach Sneschnoje, zwischen den Siedlungen Krasny Oktjabr und Perwoimaiski.

Panzerketten haben die Teerstraßen hier zerfurcht, vor und nach dem MH17-Absturz wurde heftig gekämpft. Krasny Oktjabr hat nur einen Schotterweg, hinter verwilderten Hecken ducken sich niedrige Häuser. „Schon wieder Westjournalisten“, bellt uns eine Frau entgegen. „Die abgestürzte Boeing? Das ist euer Problem, nicht unseres!“

Zwei Kilometer weiter nördlich in der Grubensiedlung Schachta 4 hat der junge Bergmann Sascha die Rakete gesehen. „Sie zog eine weiße Rauchsäule hinter sich her, flog eine ziemliche Kurve.“ Natürlich sei die Rakete eine Kurve geflogen, sagen seine Begleiter: Die Ukrainer hätten vortäuschen wollen, die Rakete sei aus dem nahen Russland herübergeflogen.

Nördlich der Straße Tores-Schneschnoje erzählen die Leute von Flugzeugen, südlich von Raketen. Manche haben ihr Brüllen gehört, andere sagen, sie sei lautlos geflogen. Und alle versichern, sie sei weit weg im Südwesten abgeschossen worden, wo damals ukrainische Truppen standen. Nur der Inhaber eines Lebensmittelgeschäfts in Perwomaiski müht sich um Sachlichkeit. „Wir standen hier auf dem Platz, mein Nachbar hat sein Fernglas geholt. Da waren vier Kondensstreifen am Himmel, die große Boeing und ein kleiner Kampfflieger, der um sie herumkurvte. Dann stieg ein heller Fleck auf, dort hinter der Pappel“, er zeigt nach Westen, „es gab einen Schlag, das große Flugzeug bekam einen gelben lodernden Schwanz, das kleine drehte ab.“ Aber auch er ist sicher, dass die Rakete ein Ablenkungsmanöver war – mit dem Ziel, Russland anzuschwärzen.

Jedenfalls waren am Tag des Unglücks außer der Boeing auch Kampfflugzeuge am Himmel über Rassypnoje. Und vom Boden wurde eine Rakete auf eine dieser Maschinen abgeschossen. Aber auf welches Flugzeug zielte sie? Auf einen ukrainischen Kampfjet, der sich in den Radarschatten der großen Boeing flüchtete? Und von welchem Ort wurde sie gestartet? Da widerspricht sich die Fachwelt genauso wie das Bergmannsvolk vor Ort. Bellingcat hat die Abschussrampe bei Perwomajski lokalisiert, die russischen Buk-Hersteller reden von dem Dorf Saroschtschenskoje, das damals ukrainische Truppen kontrolliert hätten. Und die Leute in der Siedlung Moltschaniwo nördlich von Sneschnoje schildern einem Reporter des Berliner Rechercheteams Correctiv „ein krasses Teil mit vier Raketen“, das beim tödlichen Schuss die Ziegel der nächsten Gebäude wackeln ließ. Nicht weniger glaubhaft staunt dort jetzt ein anderer Einwohner: „Von einer Rakete hat hier keiner was mitbekommen. Ich habe bei den Raketentruppen gedient, ich weiß doch, wie sich eine Buk anhört.“

Welche Fotobeweise und Flugbahnen man auch zusammenfügen will, wer lange genug sucht, findet Kronzeugen für jede Version. Hier lügt niemand, hier erzählt nur jeder seine Wahrheit. Eine vom Krieg in Fetzen gerissene Wahrheit, entstellt von den Bomben und Granaten, die schon über 6000 Menschen, auch Hunderte Kinder, getötet haben. Für die Menschen im Donbass ist der Absturz nur eine Episode gewesen, fremdes Unglück.

Der Bergmann Alexander führt uns zum Teetrinken in die Gartenlaube. Seine Tochter Nastja lächelt traurig. „Uns hat es auch böse getroffen. Letzte Woche. Mein Mann ist gefallen.“ Sie zeigt ein Handyfoto, ein 30-Jähriger in Tarnuniform. „Neun Monate war er im Krieg. Ich hab’ ihn oft gebeten, er solle heimkehren. Aber er hat gesagt, er müsse weiterkämpfen, damit diese Faschisten mir und den anderen Frauen nichts antun können.“ Auch wenn wirklich jemand beweisen wird, wer die Boeing über dem Donbass abgeschossen hat, das Sterben dort wird er damit kaum beenden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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