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Flüchtlingsdrama Mittelmeer Ruf nach Konsequenzen

Bis zu 920 Menschen könnten bei einer erneuten Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer ertrunken sein. Es ist bereits das zweite Unglück in einer Woche. Die Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik nimmt zu.

Diese Flüchtlinge hatten Glück: Am 15. April wurde ihr Boot von der italienischen Küstenwache entdeckt, sie wurden gerettet. Foto: afp (Ausschnitt aus einem Video der italienischen Küstenwache)

Nach einem der schlimmsten Flüchtlingsdramen im Mittelmeer befürchten die italienischen Behörden Hunderte Tote. Ein voll besetztes Fischerboot kenterte in der Nacht zum Sonntag vor der libyschen Küste, wie die Küstenwache mitteilte. Nach Angaben eines Überlebenden sollen 950 Menschen an Bord gewesen sein. Bis zum Abend konnten 28 Überlebende gerettet und 24 Leichen geborgen werden. Offizielle Angaben zur Zahl der Vermissten gab es jedoch nicht. Das zweite schwere Unglück im Mittelmeer innerhalb von nur einer Woche löste heftige Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik aus.

«Wir waren 950 Menschen an Bord, auch 40 bis 50 Kinder und etwa 200 Frauen», sagte ein aus Bangladesch stammender Überlebender laut Nachrichtenagentur Ansa der Staatsanwaltschaft Catania. Viele Menschen seien im Laderaum eingeschlossen gewesen. «Die Schmuggler haben die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen», erzählte der Mann, der in ein Krankenhaus gebracht worden war.

Die EU-Außenminister wollen am Montag bei ihrem Treffen in Luxemburg über Konsequenzen beraten. «Solch grausame Verbrechen erfordern eine europäische Antwort», sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Berlin. Italiens Regierungschef Matteo Renzi will sich für einen EU-Sondergipfel zum Thema in den kommenden Tagen einsetzen. Frankreichs Staatspräsident François Hollande forderte mehr Überwachungsboote im Rahmen der EU-Grenzschutzmission «Triton».

Der Notruf erreicht die italienische Küstenwache kurz vor Mitternacht. Ein mit 700 bis 800 Flüchtlingen völlig überladenes, 30 Meter langes Fischerboot meldet Probleme mit der Navigation. Es befindet sich etwa 100 Kilometer vor der libyschen Küste, in libyschen Gewässern, noch weit entfernt von Italien, dem Ziel seiner Reise. Die Einsatzzentrale der Küstenwache in Rom alarmiert sofort ein portugiesisches Containerschiff, das in der Straße von Sizilien unterwegs ist. Doch als die „King Jacob“ sich dem Fischerboot nähert, drängen die verzweifelten Flüchtlinge alle auf die Seite, auf der das rettende Schiff in Sicht kommt.

Wie so oft schon, ist das vermutlich die Ursache der Tragödie: Das Boot kentert, hunderte Menschen ertrinken im Dunkel der Nacht im Meer. Die allermeisten Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten können nicht schwimmen, die wenigsten tragen bei der Überfahrt Rettungswesten.
Am Sonntagvormittag berichtete Giovanni Pettorino, Admiral der Küstenwache, es seien 28 Überlebende und 24 Leichen geborgen worden. Mehr als 700 Menschen werden weiterhin vermisst. Vermutlich sind sie alle ertrunken. Es ist das bisher schwerste Flüchtlingsunglück im Mittelmeer.

1500 Tote seit Jahresbeginn

„Wir haben sofort einen Großeinsatz eingeleitet“, erklärte Admiral Pettorino. 18 Schiffe, zwei Hubschrauber und ein Flugzeug suchten am Sonntag nach weiteren Überlebenden. Bei einer Wassertemperatur von 17 Grad hofften die Rettungskräfte, noch Menschen zu finden, die vielleicht doch mit Schwimmwesten im Wasser treiben oder sich an Teile des untergegangenen Schiffs klammern konnten. Doch bis zum frühen Abend gab es keine guten Nachrichten.

Papst Franziskus rief bei seinem traditionellen sonntäglichen Gebet auf dem Petersplatz sichtlich bewegt die Gläubigen auf, für die Opfer der Tragödie zu beten. „Es sind Frauen und Männer wie wir, es sind unsere Brüder“, sagte Franziskus. „Sie hungern, werden verfolgt, ausgebeutet, verletzt, sind Opfer von Kriegen. Sie suchen ein besseres Leben.“ Der Papst richtete einen eindringlichen Appell an die internationale Gemeinschaft, entschieden und rasch zu handeln, um weitere Unglücke zu verhindern.

Am vergangenen Wochenende waren bereits 400 Flüchtlinge ertrunken, als ihr Boot kenterte. Die Sprecherin des UN-Flüchtlingswerks für Südeuropa, Carlotta Sami, sagte am Wochenende, dass seit Jahresbeginn schon mindestens 1500 Migranten im Mittelmeer ertrunken sind. „Das ist eine epochale Tragödie.“ Die Zahl der Toten hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verneunfacht.

Vergangenes Jahr rettete die italienische Marine noch gezielt Migrantenboote aus Seenot. Die Mission Mare Nostrum war von Italien 2013 gestartet worden, nachdem 366 somalische und eritreische Flüchtlinge vor Lampedusa ertrunken waren. Im Herbst 2014 endete Mare Nostrum. Seither stehen für den EU-Einsatz Triton viel weniger Schiffe und weniger Geld zur Verfügung, das Einsatzgebiet ist daher wesentlich kleiner geworden – und damit das Gebiet in dem Menschen überhaupt gerettet werden. „Alle Warnungen, dass Triton nicht ausreicht, haben sich bewahrheitet“, betonte die UNHCR-Sprecherin. Die EU müsse sofort eine Rettungsoperation starten.

Die EU-Kommission kündigte am Sonntag eine Dringlichkeitssitzung der Innen- und Außenminister an. Dabei solle es vor allem darum gehen, mit den Herkunfts- und Transitländern daran zu arbeiten, die Flüchtlinge von der gefährlichen Reise über das Mittelmeer abzuhalten. Auch Italiens Premier Matteo Renzi berief eine Kabinett-Sondersitzung ein. Renzi sprach sich nach telefonischen Beratungen mit anderen europäischen Regierungschefs für einen EU-Sondergipfel noch in dieser Woche aus.

Die ausländerfeindliche Lega Nord forderte eine sofortige Seeblockade, um zu verhindern, dass Boote in Libyen ablegten. Italien rechnet damit, dass in diesem Jahr eine Rekordzahl von Flüchtlingen versuchen wird, über das Mittelmeer zu flüchten. 2014 hätten 170 000 Menschen Italien erreicht, in diesem Jahr könnten es 250 000 werden, sagte Außenminister Paolo Gentiloni.

Die Zeitung „Times of Malta“ zitierte am Sonntag Maltas Premierminister Joseph Muscat, der sagte, sein Land werde ebenso wie Italien mit dem Flüchtlingsproblem allein gelassen. Europa habe zwar zuletzt mehr Verständnis gezeigt, aber das sei auf der Ebene politischer Gespräche geblieben. „Wenn die EU und die Welt weiter die Augen verschließen, werden sie scharf verurteilt werden – so wie die verurteilt wurden, die in der Vergangenheit vor Völkermorden ihre Augen verschlossen“, warnte Muscat.

Unterdessen mehren sich die Anzeichen, dass den Schleppern in Libyen die Transportmittel ausgehen. In den vergangenen Monaten seien die Flüchtlingsboote völlig überladen gewesen, sagte Küstenwache-Admiral Pettorino. „Diese Boote sind dazu verurteilt unterzugehen.“ Überlebende berichten immer wieder, dass sie mit Gewalt auf die kaum seetüchtige Kähne gezwungen werden. Menschenhändler haben auch schon mehrfach Schiffe der Küstenwache beschossen, um die Herausgabe leerer Flüchtlingsboote zu erzwingen. (mit kna/dpa)

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