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Flüchtlinge Psychotherapeuten warnen vor Anker-Zentren

Die von der Bundesregierung geplanten sogenannten Anker-Zentren für Flüchtlinge stoßen bei Ärzten und Psychotherapeuten auf Kritik.

22.05.2018 09:15
Bittenbinder
Elise Bittenbinder Foto: epd-bild/BAfF e.V

„Die erzwungene Kasernierung von Menschen ohne sinngebende Beschäftigung - zumal von traumatisierten Menschen - führt erwiesenermaßen zu erhöhtem psychischem Stress“, sagte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer, Elise Bittenbinder, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Situation in den Sammelunterkünften könnte der Gesundheit der Flüchtlinge ernsthaft schaden.

In den Anker-Zentren soll künftig das komplette Asylverfahren abgewickelt werden. Nach den Plänen des Bundesinnenministeriums sollen bis Herbst bis zu sechs Pilot-Zentren eröffnet werden. Geplant ist die Unterbringung von bis zu 1.500 Personen je Zentrum.

Keine Lebensperspektive entwickeln

Es sei völlig unklar, ob die untergebrachten Flüchtlinge Zugang zu unabhängiger psychosozialer Beratung haben und ob sie bei Bedarf „so schnell wie nötig“ behandelt werden, sagte die Berliner Therapeutin. In Asyl- und Abschiebezentren könnten diese Menschen weder neuen Lebensmut noch eine Lebensperspektive entwickeln - beides sei aber bei traumatisierten Menschen Voraussetzung für einen Heilungsprozess.

Schon heute erhalte die Mehrzahl der Flüchtlinge nicht die notwendige psychotherapeutische Hilfe. Die rund 40 Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer in Deutschland behandeln laut Bittenbinder etwa 5.400 Klienten psychotherapeutisch. „Allerdings mussten im Jahr 2015 rund 40 Prozent mehr Geflüchtete abgelehnt werden, als in die Behandlungsprogramme der Zentren aufgenommen werden konnten. Daher haben die meisten Zentren eine lange Warteliste“, erklärte die Expertin.

Die Kinder die Leidtragenden

Wenn aber eine therapeutische Behandlung ausbleibe oder zu spät erfolge, könne dies zu langwierigen oder sogar lebenslangen psychischen Belastungen führen. „Nicht selten sind die Kinder die Leidtragenden, wenn ihre Eltern keinen Weg finden, das Erlebte zu verarbeiten.“ In den Familien entstehe oft eine Atmosphäre des Verschweigens, was wiederum zu nachhaltigen Verstörungen der Kinder führen könne, die dann noch schwieriger zu behandeln seien.

Für eine flächendeckende Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen sei es notwendig, die Kapazitäten der Psychosozialen Zentren „umgehend zu erweitern und finanziell abzusichern“. Außerdem forderte Bittenbinder mehr Angebote von Kliniken, Sozialpsychiatrischen Dienste und Krisendiensten. „Diese sind nach wie vor nicht auf die Behandlung von Geflüchteten und die Arbeit mit Dolmetschern eingerichtet.“ (epd)

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