Lade Inhalte...

Flüchtlinge in Izmir „Für uns gibt es hier keine Zukunft“

Hunderttausende syrische Flüchtlinge sind im türkischen Izmir gestrandet. Den Familien fehlt es an allem: an Essen, Geld, Jobs und medizinischer Versorgung. Sie hoffen auf ein besseres Leben in Europa

Blick über Basmane: Für die Syrer auf der Suche nach einem neuen Leben eine Sackgasse. Foto: Emin Özmen

Es hat sich herumgesprochen, dass ein Augenarzt kommt, der Flüchtlingskinder mit Sehproblemen begutachtet, ohne dafür Geld zu nehmen. Dutzende syrische Frauen drängen mit ihren Kindern in das kleine baufällige Haus im Zentrum der türkischen Mittelmeermetropole Izmir. Ein winziges Bürozimmer wird zum Behandlungsraum, der junge Arzt Halil Hüseyin hängt eine Tafel mit großen und kleinen Zeichen an die Wand. Dann kommen die kleinen Patienten einer nach dem anderen an die Reihe, halten sich abwechselnd ein Auge zu und lesen vor, was sie sehen. „Niemand bietet eine Augenuntersuchung an, im Krankenhaus müssten sie monatelang darauf warten, deshalb habe ich mich einfach dazu bereit erklärt“, sagt Hüseyin, der mit drei freiwilligen Helfern gekommen ist.

Der 35-jährige, schlanke Arzt ist erst seit drei Monaten in Izmir, er hat zuvor in Kars an der armenischen Grenze gearbeitet. „Ich habe zufällig von den Problemen der Syrer hier gehört und dachte, ich müsste etwas tun“, sagt er. Halil Hüseyin gehört zu einer kleinen Truppe von 15 Freiwilligen, die sich in dem alten Haus im Stadtteil Basmane um jene kümmern, die sonst niemanden haben. Für viele syrische Flüchtlinge in Izmir sind sie die einzige Anlaufstelle, um Hilfe zu bekommen – nicht nur medizinischer Art.

Von der Drehscheibe zur Sackgasse

Eine ältere Frau mit schwarzem Kopftuch weint und bittet um Lebensmittel, da sie über nichts verfüge, um ihre Familie zu ernähren. Andere fragen nach Arbeitsmöglichkeiten, benötigen Kleidung oder Schultaschen für die Kinder, damit sie am Unterricht teilnehmen können. „Glücklicherweise konnten wir gerade 250 Ranzen verteilen, aber wir bräuchten nochmal so viele“, sagt Yalcin Yanik, der Mann, der das offene Haus betreibt und die Freiwilligen um sich gesammelt hat. „Vom Staat bekommen die Leute nichts außer einer medizinischen Grundversorgung.“

Yanik, der selbst ein Nachfahre afrikanischer Sklaven der Osmanen ist, hat ein freundliches, gewinnendes Wesen – und viel Geduld. Der 56-Jährige betrieb bis vor einem Jahr eine Lederschneiderei im Viertel, jetzt lebt er von einer kleinen Rente, und seit 2013 kümmert er sich um die Flüchtlinge. „Inzwischen mache ich das 14 Stunden am Tag, denn niemand sonst hilft den Leuten“, sagt er. Zusammen mit seinen Freunden sammelt er Spenden der Bevölkerung und bekommt Kleider- und Lebensmittelpakete von europäischen Hilfsorganisationen; Geld nimmt er prinzipiell nicht an.

Offiziell leben in Izmir rund 100.000 Flüchtlinge, doch vermutlich seien es drei Mal so viele, meint Yalcin Yanik. Viele haben Wohnungen in Basmane bezogen, einem Gewirr von engen Gassen und Basarstraßen, das eigentlich zum Abriss vorgesehen war. Zahlreiche Häuser standen leer und verwahrlosten. Als nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien die Flüchtlinge kamen, füllte sich das historische Viertel im Herzen der Viermillionenstadt nach und nach wieder. Basmane wurde zur Drehscheibe für alle, die einen Fluchtweg über die Ägäis nach Europa suchten. Doch seit die Türkei nach dem Flüchtlingsabkommen mit der EU im März die Seegrenze schloss, ist Basmane für viele zur Sackgasse geworden.

Elf Menschen in drei Zimmern

Auch der 55-jährige Said Habesch und seine Frau Halide bitten Yalcin um Hilfe, doch an diesem Tag muss er sie enttäuschen. „Es tut mir so leid“, sagt der graubärtige Helfer. „Aber wir können heute nichts für euch tun.“ Und das, obwohl sie jetzt elf Personen ernähren müssen, denn vor einem Monat ist Saids Schwägerin Neriman aus Aleppo mit ihren beiden Kindern gekommen. „In Aleppo gibt es nichts mehr zu essen“, sagt die 40-Jährige, deren Mann im letzten Jahr die gefährliche Flucht nach Deutschland glückte; ihr bleibt als einzige Hoffnung die Familienzusammenführung.

In Basmane harren alle elf nun in drei kleinen Zimmern aus. Said Habesch weiß, dass es seit dem Flüchtlingsabkommen für ihn kaum noch eine Chance gibt, Europa zu erreichen. „Aber hier gibt es für uns keine Zukunft“, sagt er. „Wir hoffen darauf, dass sie die Grenze nach Griechenland bald wieder aufmachen.“

Immerhin können ihre Kinder eine Schule besuchen. Doch obwohl die Regierung es versprach, erhält nach neuesten Zahlen gerade ein Drittel der 600.000 syrischen Flüchtlingskinder Schulunterricht. „Fast 400.000 Kinder haben keinen Zugang zu normaler Ausbildung“, heißt es in einer Studie des Europarats.

Der einzige Verdiener in der Familie ist der 29-jährige Sohn Alan, studierter Agronom, der in einer Näherei arbeitet und für elf Stunden Arbeit täglich gerade 400 Euro im Monat bekommt. „Das Geld reicht bei Weitem nicht“, sagt der glatt rasierte junge Mann. Die Habeschs haben wie die meisten Syrer von den versprochenen drei Milliarden Euro der EU im Rahmen des Flüchtlingsdeals gehört, aber keine Vorstellung davon, ob und wie sie die Hilfe bekommen können. Sie fragen Yalcin Yanik, aber er weiß es auch nicht. Zehntausende Syrer leben wie Familie Habesch in Izmir von der Hand in den Mund. Und es kommen immer mehr, obwohl die Türkei ihre Grenze nach Syrien geschlossen hat. „Der Zustrom ist nicht stark, aber stetig, wir spüren ihn“, sagt Yanik.

Zwar wagen jetzt wieder mehr Flüchtlinge die Fahrt übers Meer als noch im August, wo knapp 1600 Neuankömmlinge auf den griechischen Inseln registriert wurden. Im September kamen doppelt und im Oktober anderthalb mal so viele, aber die Zahlen sind noch weit von denen des Vorjahres entfernt. „Damals fuhren an einem Tag so viele wie jetzt in einem Monat“, sagt Dilan Tasdemir, 23, die Sprecherin des Flüchtlingsrats von Izmir, das erste und bisher einzige Gremium dieser Art in der Türkei. Seit März würden die türkische Küstenwache und Polizei hart durchgreifen, von einer neuen Flüchtlingswelle könne bisher nicht die Rede sein. „Sollte das Flüchtlingsabkommen mit der EU aber bröckeln, dann fahren die Leute sofort wieder los!“

Izmirs Basarstraßen spiegeln die Lage auf dem Schleusermarkt wieder. Waren Schwimmwesten im vergangenen Jahr noch der Renner, sind sie heute schwer verkäufliche Restware. Huzer, ein 43-jähriger Händler, hat zwei Westen ins Schaufenster gehängt. „Richtig gute Qualität, ich habe sie für 75 Lira (umgerechnet 23 Euro) pro Stück eingekauft“, sagt er. „Ich konnte sie für 100 Lira verkaufen, aber jetzt braucht keiner mehr Schwimmwesten.“ Er verschleudert die letzten Exemplare nun für je 10 Lira.

Aus der Not haben einige Flüchtlinge in Izmir inzwischen eine Tugend gemacht und eine eigene Wirtschaft aufgebaut. Die Anafartalar-Straße in Basmane erinnert mit ihren syrischen Händlern, Kaffeeköchen und dem Geruch orientalischer Gewürze, den Klängen arabischer Musik verblüffend an Aleppo. Mitten im Basar betreibt der junge syrische Kurde Ber Hudan, ein schlanker, bedächtiger Mann, seinen sechs Quadratmeter großen Saftladen „Izmir Vitamin“. Nachdem sein Haus in Aleppo bei einem Bombenangriff vor drei Jahren zerstört wurde, floh der frühere Mathematikstudent mit seiner Frau und wollte eigentlich nach Europa. „Aber dann kam unser Baby, und die Fahrt übers Meer wurde uns zu gefährlich“, berichtet er. Ein enger Freund von ihm starb vor acht Monaten auf dem Weg zur griechischen Insel Chios.

Der 26-jährige hat in Izmir zahlreiche Angehörige und Freunde kommen und gehen sehen. „Viele sind jetzt in Deutschland, der Schweiz oder Norwegen“, sagt er. Er hingegen steht 16 Stunden täglich im Laden und mixt Smoothies. Trotzdem reicht der Ertrag nicht. „Hier gibt es für uns keine Zukunft, das türkische System blockiert uns, weiterstudieren kann ich nicht“, sagt er. „Wir hoffen noch auf eine Rückkehr nach Syrien. Aber wir hoffen auch darauf, legal nach Europa zu kommen, denn illegal machen wir es nicht.“

Ber Hudan kennt die aktuellen Preise der Schlepper: 500 Euro für die Überfahrt auf griechische Inseln, halb so viel wie im letzten Jahr. Natürlich hat er auch vom neuesten Angebot erfahren: „Sie geben dir die Garantie, dass du das Land deiner Wahl in Europa erreichst – für 5000 Euro pro Person.“ 5000 Euro sind ein Vermögen für die meisten Geflüchteten.

Die meisten Schleuser von Izmir haben seit dem Flüchtlingsabkommen ihre Kunden verloren. Issa (Name geändert), ein ehemaliger Lehrer aus Aleppo, der nach Izmir flüchtete, ins Schleppergeschäft einstieg und während der Massenflucht im vergangenen Jahr viel Geld mit seinen Landsleuten verdiente, vertreibt jetzt in einem besseren Viertel von Izmir Computerprogramme. „Schlauchboote sind aus der Mode gekommen, 400 bis 600 Euro kostet die Fahrt mit dem Schnellboot“, bestätigt er. Vereinzelt würden nun auch Türken geschleust. „Leute, die nach dem Putschversuch vom Juli gesucht werden.“

Issa bezeugt auch die neuen All-inclusive-Angebote: „Die Menschen werden übers Meer bis nach Athen gebracht, dann geht es weiter mit dem Flugzeug nach Deutschland.“ Er selbst habe den Plan aufgegeben, mit seiner Familie nach Europa zu kommen, sagt der ehemalige Schleuser. „25 000 Euro für uns fünf kann ich einfach nicht aufbringen. Aber wenn sich die Lage wieder ändert, bin ich sofort dabei.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum