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Flüchtlinge in Bulgarien Die Hoffnung stirbt im Schnee

Eisige Temperaturen und Schneestürme kosten Flüchtlinge in Osteuropa das Leben. Verwahrlosung und Kälte machen Migranten im größten bulgarischen Lager zu schaffen.

10.01.2017 15:12
Kasper Goethals, Olivia Kortas
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Auch auf der griechischen Insel Lesbos leiden die Menschen unter der Kälte. Manche müssen bei eisigen Temperaturen in Zelten leben. Foto: AFP

Die Polizei fand ihre Leichen im Wald. Zwei kurdische Männer, Talaat Abdulhamid (36) und Hardi Ghafour (29), waren aus der Stadt Erbil im Nordirak geflüchtet. Doch ihre Reise in Richtung Westeuropa endete tödlich: Sie erfroren in einem Schneesturm im Naturschutzgebiet Strandzha an der bulgarischen Grenze mit der Türkei, sechs Kilometer vom Dorf Izvor entfernt. Sie konnten auf ihrem Marsch durch den Sturm nicht pausieren, die bulgarische Grenzpolizei war ihnen auf den Fersen.

Laut Izvors Bürgermeister lagen die halb verschneiten Körper schon seit zehn Tagen im Wald, als Beamte sie entdeckten. Taalat und Hardi sind nicht die ersten toten Migranten, die die Bulgaren in den vergangenen Tagen gefunden haben. An Neujahr starb in derselben Region eine Somalierin, ihre Begleiter liegen mit erfrorenen Gliedmaßen im Krankenhaus. In anderen Balkanländern forderte der europäische Schneesturm ebenfalls Menschenleben. In Serbien starb ein Mann, der von der ungarischen Grenzpolizei gestoppt und zurückgeschickt wurde. An der türkisch-griechischen Grenze erlag ein 20-jähriger Afghane einer Unterkühlung, nachdem er den Fluss Evros an der türkisch-griechischen Grenze überquert hatte. Die Temperaturen waren an diesem Tag auf minus 14 Grad gesunken. Auch auf den griechischen Inseln, wo mehr als 15 000 Flüchtlinge festsitzen, leiden die Menschen unter der Kälte. Manche müssen bei eisigen Temperaturen in Zelten leben.

Angst vor der Grenzpolizei

Nur sechs Prozent der 390 000 Flüchtlinge, die Europa laut der Internationalen Organisation für Migration 2016 erreichten, kamen zu Fuß. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, ist nicht bekannt. Im vorigen Winter berichteten bulgarische Medien von einem Dutzend Todesfälle. Doch mehrere Quellen aus dem Umfeld der bulgarischen Grenzpolizei bestätigen, dass diese Zahl nur einen Bruchteil widerspiegelt. „Wenn wir die Körper finden, können wir sie in der Regel ohnehin nicht mehr identifizieren“, sagt ein Grenzpolizist, der anonym bleiben möchte.

In einem Telefongespräch von Dezember, das der Frankfurter Rundschau vorliegt, erzählt ein bulgarischer Grenzbeamter seinem Kollegen, die Grenze zur Türkei sei so dicht wie ein Sieb. „Es ist eine Katastrophe, wir erwischen diese Gruppe nicht. Es ist, als hätten sie [die Migranten] zwei Lungen“, sagt er. Der Schnee erschwere die Arbeit der Grenzpolizei zusätzlich. „In einer Nacht legt die Gruppe mehr als 30 Kilometer zurück. Schnee liegt über ihren Spuren, wenn die Sonne aufgeht.“ Majd Algafari, der das Arabisch der Migranten für die bulgarische Grenzpolizei übersetzt, behauptet: „Sie lassen die Schwächsten zurück.“ Die Migranten hätten meist nur wenige Kilometer Vorsprung vor der Polizei. Pausiere die Gruppe, könne die Polizei sie leicht einholen.

Die Migranten wollen keinesfalls in die Hände der bulgarischen Grenzpolizei fallen. Dafür haben sie einen guten Grund: die Chancen stehen hoch, dass die Polizisten sie in die Türkei zurückschicken. Hunderte von Flüchtlingen berichten von diesen illegalen „Push-backs“. Die Grenzpolizisten hätten sie dabei geschlagen und ihnen ihre Handys und ihr Geld gestohlen.

Verhalten sich die Grenzpolizisten nach dem Recht, erwartet die Migranten nicht ihre erhoffte Zukunft. Sie werden registriert und müssen vorerst in Bulgarien bleiben. Sie landen in Flüchtlingslagern mit schlechten Zuständen. Im größten Lager Bulgariens, der ehemaligen Militärbasis in Harmanli, leben 2150 Menschen auf engstem Raum. Slavcho Yanev, der Leiter des Camps in Harmanli, gibt an, sein Flüchtlingslager sei in einem guten Zustand. „Jeder schläft in einem beheizten Raum. Probleme mit der Kälte gibt es nicht. Auch die sanitären Anlagen sind in Ordnung, ich selbst würde dort ein Bad nehmen“, behauptet er abwinkend in seinem Büro.

Lydia Gall von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch war vor Ort, als das Lager im Dezember vor drei Jahren eröffnet wurde. „Es herrschte totales Chaos“, sagt sie. Gall beschreibt, wie die Regierung die Menschen trotz der Minusgrade in verfallene Räume ohne Heizung und ohne Fenster steckte. „Sie machten Feuer in der Kantine und außerhalb der Gebäude, um sich zu wärmen. Es war schockierend“. Drei Jahre später sind die Zustände im Lager Harmanli immer noch schlecht. Die Betonbaracken der afghanischen Migranten und Asylbewerber liegen nur zweihundert Meter vom Büro des Direktors Yanov entfernt. Grelles Neonlicht spiegelt sich in den schmutzigen Pfützen der langen Gänge. Aus den Löchern in den Wänden quillt gelber Dichtstoff. Plastikgitter hängen schräg von der Decke. „Der bulgarischen Regierung sind die inakzeptablen Zustände in den Camps bekannt. Doch sie tut nicht genug, um das zu ändern“, kritisiert Lydia Gall.

Der 16-jährige Dildar Khan aus Afghanistan ist der kleinste in seinem Zimmer, aber mit Abstand der lauteste. Er zittert vor Kälte, trotz seiner vier Pullover. Empört erzählt er, wie seine Freunde und er die Zustände im Flüchtlingslager nicht ertragen können.

Salbe gegen die Flöhe

Obwohl die Temperaturen draußen auf minus 15 Grad fallen, schlafen Dildar und andere minderjährige Jungen in Zimmern ohne Heizungen. Sie sitzen auf nackten, fleckigen Matratzen. Die Schlafsäcke sind steif vom Schweiß, das Wasser an den Fenstern ist gefroren. Jeden Abend schmieren sich die Jungen mit einer Salbe ein, in der Hoffnung, die Flöhe würden sie dann nicht beißen. In einem Zimmer nebenan glüht das verrostete Gusseisen einer Herdplatte rot. Tag und Nacht bleibt ihr vergilbtes Kabel in der Steckdose, sie wärmt den tristen Raum mit vier Betten. Die jungen Männer, die hier leben, erwarben die Platte auf einem Basar. „Wir hatten etwas Geld. Die anderen zünden draußen manchmal ein Feuer an für etwas Wärme“, sagt einer.

Im Naturschutzgebiet Strandzha, hundert Kilometer von Harmanli entfernt, überqueren jeden Tag weitere Menschen die türkisch-bulgarische Grenze. Einige finden die Autos ihrer Schleuser auf der bulgarischen Seite und setzen ihren Weg nach Westeuropa fort. Andere landen in Lagern oder sterben. (mit afp)

Kasper Goethals und Olivia Kortas recherchieren derzeit mit Hilfe eines Stipendiums der Karl-Gerold-Stiftung in Bulgarien.

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