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Flüchtlinge Immer mehr Minderjährige flüchten alleine

Das UN-Kinderhilfswerk schlägt Alarm: Zunehmend wagen sich Kinder und Jugendliche alleine auf die gefährlichen Fluchtwege nach Europa.

Gefährdet
Die Geschichten von minderjährigen Flüchtlingen sind oft die schlimmsten, die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zu hören bekommen. Foto: Boris Roessler (dpa)

Hakim ist 17 Jahre alt, er steckt in einem vom serbischen Staat betriebenen Lager für Flüchtlinge in Principovac fest. Er floh aus Afghanistan, zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwester mit deren Kindern. Hakim will nach England, dort leben Verwandte, aber wie aus Serbien herauskommen? Mit seinem Bruder will er sich vom Rest der Familie trennen, um über die Grenze zu kommen.

Es gibt das Zugspiel, bei dem sich die Flüchtlinge in Schiffscontainern verstecken. Oder das Lastwagenspiel, bei dem man versucht, sich an Grenzübergängen in den Laderäumen zu verstecken, und noch andere Methoden, die unter den Flüchtlingen kursieren. „Nur, wenn dich die Polizei schnappt, ist das Spiel vorbei“, erzählte Hakim den Mitarbeitern des UN-Kinderhilfswerks Unicef, die Zugang zu dem Lager haben.

Hakim ist einer der unbegleiteten Minderjährigen, die weltweit auf der Flucht sind, ihre Geschichten sind oft die schlimmsten, die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zu hören bekommen. Sie fliehen vor Krieg und Zerstörung, vor Verfolgung oder drohender Zwangsrekrutierung, aus Angst vor Kinderehen und Genitalverstümmelung – und oft schlicht vor Hunger, Armut und Dürre, wie sie derzeit in Ostafrika herrschen. Die meisten von ihnen sind sehr junge Männer, da es für Mädchen oft viel schwieriger ist, zu fliehen.

Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge ist in den vergangenen beiden Jahren dramatisch angestiegen, wie aus einem Bericht von Unicef hervorgeht. Die Vereinten Nationen registrierten 2015 und 2016 rund 300 000 Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Eltern oder andere Erwachsene ihre Heimatländer verlassen haben, und das sind nur die bekannten Fälle. Im Vergleich dazu waren es in den Jahren 2010 und 2011 nur 66 000.

Der Anstieg erklärt sich auch mit der Flüchtlingsbewegung nach Europa 2015 und 2016. 170 000 Minderjährige stellten in diesen beiden Jahren einen Asylantrag in Europa. Auch in Deutschland ist die Zahl gestiegen, derzeit leben etwa 40 000 minderjährige Flüchtlinge hier. Aber auch an der Grenze zwischen den USA und Mexiko wurden 100 000 Jugendliche aufgegriffen.

Gerade Kinder und Jugendliche sind auf ihrer oft monate-, manchmal jahrelangen Flucht extremen Gefahren ausgesetzt. Da es kaum legale Fluchtwege gibt, sind sie insbesondere auf Schleuser und Menschenhändler angewiesen, die sie außer Landes bringen – oder ihnen eine Passage auf einem der meist vollkommen seeuntauglichen Boote verkaufen, die sie über das Mittelmeer bringen sollen. Insbesondere auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute von Libyen nach Italien sind die Risiken besonders groß.

Seitdem die Balkanroute de facto abgeriegelt ist, weichen sehr viele Flüchtlinge auf diesen Weg aus, auch Kinder und Jugendliche. Da Kindern oft das Geld ausgeht, um die Menschenhändler zu bezahlen, werden sie häufig wie Sklaven verkauft, oder sie müssen unter unmenschlichen Bedingungen irgendwo in der Landwirtschaft und in Fabriken schuften.

Viele Mädchen und junge Frauen werden in die Prostitution gezwungen oder vergewaltigt und schwer misshandelt. In vielen Ländern landen Minderjährige auf der Flucht auch schnell im Gefängnis. Der 15-jährige Addisu aus Äthiopien floh mit seinem ein Jahr älteren Bruder und drei erwachsenen Nachbarn, sie wollten nach Südafrika, das vielen Afrikanern als gelobtes Land gilt. Zu Fuß und auf Lastwagen schafften sie es bis nach Sambia, dort wurden sie inhaftiert und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Begründung des Gerichts lautete, sie hätten zugestimmt, geschleust zu werden.

Unicef fordert deshalb, dass die Staatengemeinschaft endlich etwas tut, um diese besonders verletzliche Gruppe unter den Flüchtlingen besser vor Gewalt und Missbrauch zu schützen. Sie dürften unterwegs nicht inhaftiert werden und man müsse ihnen Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung garantieren.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Flucht und Zuwanderung

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