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Flüchtlinge Geschäftsmodell Folter

Systematisch werden Geflüchtete in Libyen entführt, um Familien zu erpressen. In Italien häufen sich Fälle, in denen Betroffene ihre früheren Peiniger wiedererkennen.

Mittelmeer
Ziel Italien: Schlauchboot aus Libyen auf dem Mittelmeer vor einem zivilen Rettungsschiff. Foto: dpa

Sie geben sich bei ihrer Ankunft in Italien als Bootsflüchtlinge wie alle anderen aus. Doch in den Aufnahmezentren treffen sie dann früher oder später auf ihre Opfer. Die erkennen in ihnen die gefürchteten Peiniger aus den Foltergefängnissen in Libyen wieder und wenden sich an die italienische Polizei. Derzeit häufen sich solche Fälle, allein in den vergangenen drei Monaten haben sizilianische Ermittler sechs junge Afrikaner festgenommen, denen vorgeworfen wird, andere Migranten gequält und getötet zu haben.

Fünf der mutmaßlichen Täter wurden aus dem Aufnahmezentrum der Insel Lampedusa geholt, zuletzt am Dienstag ein 23 Jahre alter Somalier. Toer Mohamed A. soll, wie die übrigen Verdächtigen auch, in von Schlepperbanden betriebenen Häusern und Lagern in Libyen Flüchtlinge, die auf die Überfahrt nach Italien warteten, eingesperrt, misshandelt und vergewaltigt haben. Unter seinen Opfern waren Frauen und Minderjährige.

„Er schlug uns und amüsierte sich damit, uns zu erniedrigen und uns seine Überlegenheit spüren zu lassen“, erzählte ein Opfer den Ermittlern. Die libyschen Chefs des gefängnisartigen Hauses in der Wüstenregion von Kufra, fast an der Grenze zum Sudan, hätten den Somalier manchmal zurückhalten müssen. „Er schlug mit Gummischläuchen so wild zu, dass er uns fast umbrachte.“ Auch soll er einen Mann mit Benzin übergossen und angezündet haben. Das Opfer trug schreckliche Verletzungen davon. Andere Migranten haben die Torturen den Zeugen zufolge nicht überlebt. Flüchtlinge berichten, dass sie in den libyschen Lagern mit Elektroschocks und glühenden Eisen gequält oder an den Füßen aufgehängt wurden.

Ein erst vor einer Woche im kalabrischen Aufnahmezentrum Isola di Capo Rizzuto festgenommener 25 Jahre alter Nigerianer, der sich „Rambo“ nennen ließ, soll Landsleute zu Tode geprügelt haben, darunter einen minderjährigen Jungen. Auch drei weiteren Nigerianern, die seit Mai in italienischer Untersuchungshaft sitzen, wird Mord zur Last gelegt. Und kommende Woche beginnt vor einem Mailänder Schwurgericht der Prozess gegen den 22 Jahre alten Somalier Mahmud O., der in einem libyschen Lager vier Menschen getötet und Dutzende Frauen vergewaltigt haben soll.

Das Geschäftsmodell der Menschenhändler besteht darin, die Flüchtlinge zu zwingen, auf dem Handy Angehörige anzurufen, erklärt der ermittelnde Polizeichef von Agrigent, Giovanni Minardi. „Dann quälen sie ihre Opfer, damit die Familie zu Hause die Schmerzensschreie hört und bereit ist, so viel Geld wie möglich zu schicken.“ Die Kriminellen fordern Tausende Euro. Von den Migranten, die auf Lampedusa ankommen, hörten die Ermittler oft solche Geschichten.

Warum Täter selbst fliehen, ist unklar

Sie seien glaubhaft und wiesen sehr viele Übereinstimmungen auf, sagt Minardi. Auch tragen viele Flüchtlinge Spuren wie Narben, Verletzungen oder dauerhafte Behinderungen. Einige verweigern jedoch die Aussage, weil sie eingeschüchtert sind und weitere Repressalien der kriminellen Banden fürchten.

Nach den Schilderungen der Opfer gibt es in Libyen mehrere solcher Foltergefängnisse, sagt Polizeichef Minardi. Sie dienen als Zwischenstation, bevor die Migranten auf Schlauchboote gepfercht werden. Die meisten Lager befinden sich in Küstennähe, eines in einer ehemaligen Militärbasis nahe der Stadt Sabratah. Ein anderes besteht offenbar aus vier Containern, in denen bis zu 800 Menschen gleichzeitig festgehalten werden.

Warum sich immer mehr Folterknechte selbst in die Boote mit Ziel Italien setzen, wissen die sizilianischen Ermittler noch nicht. Alle Festgenommenen erklären sich für unschuldig und verweigern die Zusammenarbeit, sagt Minardi. Die Täter gehen in Italien nicht nur das Risiko einer Verurteilung ein. Anfang März wollten im Aufnahmezentrum Lampedusa fünf Flüchtlinge einen 20 Jahre alten Ghanaer lynchen, nachdem sie in ihm ihren Peiniger wiedererkannt hatten.

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