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Flüchtlinge Fokus auf das Wohl des Kindes

Experten werben für einen festen Wohnort für unbegleitete und minderjährige Flüchtlinge. Der Entwurf aus Bayern, die oft traumatisierten Kinder im Bundesgebiet zu verteilen, ist vom Tisch. Nun soll das Bundesfamilienministerium eine Lösung finden.

Ein Flüchtlingskind in der Landesaufnahmebehörde für Asylsuchende in Braunschweig. Foto: dpa

Die Gründe, warum Eltern ihre Kinder trotz aller Gefahren allein auf die Flucht nach Europa schicken, sind fast immer dieselben – sie wollen sie schützen. Vor den Taliban in Afghanistan, vor der Zwangsrekrutierung durch die islamistischen Al-Shabaab-Milizen in Somalia oder dem brutalen Wehrdienst in der Militärdiktatur in Eritrea, der viele Jahre dauern kann. Oft reicht das Geld auch nur, um die Flucht vor Krieg und Gewalt für einen in der Familie zu zahlen. Die Wahl fällt dann meist auf einen Sohn, für die jungen Töchter ist die Reise zu gefährlich.

Ulrike Schwarz vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge kann viele dieser Geschichten erzählen. Von Jugendlichen, die vollkommen auf sich allein gestellt die lebensgefährliche monatelange Reise zwar überstanden haben, aber traumatisiert sind, weil sie Dinge erleben mussten, die sich kein 16-Jähriger in Deutschland vorstellen kann; von Teenagern, die den Blick von Erwachsenen haben.

Unter Obhut der Jugendämter

Mit der wachsenden Zahl von Asylbewerbern, die dieses Jahr hierzulande Schutz gesucht haben, ist auch die Zahl der minderjährigen Flüchtlinge gestiegen, die ohne Angehörige reisen. Offizielle Daten gibt es nicht, der Bundesverband schätzt, dass es bis Ende Dezember bis zu 10 000 Jugendliche sein können, das wären etwa doppelt so viele wie 2013. Die meisten sind 16, 17 Jahre alt. Anders als volljährige Asylbewerber werden sie nicht in den Gemeinschaftsunterkünften der Erwachsenen untergebracht, sondern von Jugendämtern in Obhut genommen. Sie werden auch nicht nach dem Königsteiner Schlüssel über die Bundesländer verteilt, sondern bleiben in dem Landkreis, in dem sie den ersten Kontakt mit den deutschen Behörden hatten.

Überproportional viele der jugendlichen Flüchtlinge landen deshalb in Bayern, weil die Bundespolizei sie aus den aus Italien kommenden Zügen fischt oder von der Autobahn holt. Es fehlen aber genügend Betreuungsplätze. Im Landkreis Rosenheim, der an der Transitroute von Schleusern liegt, ist die Aufnahmekapazität der Jugendeinrichtungen schon seit Monaten erschöpft. Es herrscht Ausnahmezustand, ähnlich ist es in Passau. Dort musste die Stadt eine Notunterkunft in einer Schulturnhalle einrichten.

Bayern hat deshalb eine Initiative im Bundesrat gestartet, künftig auch die Flüchtlinge unter 18 Jahren auf die Bundesländer zu verteilen. Auf dem Flüchtlingsgipfel am Donnerstag werden die Ministerpräsidenten über den Vorstoß beraten, der in der Länderkammer fast eine Mehrheit bekommen hätte und in die Ausschüsse vertagt wurde. Der Bundesverband spricht sich vehement gegen eine solche Verteilung aus und warnt, dass dadurch das Kindeswohl gefährdet werde.

Minderjährige Flüchtlinge seien in erster Linie besonders schutzbedürftige Kinder und Jugendliche und erst in zweiter Linie Flüchtlinge, heißt es in einer Stellungnahme des Verbandes zum bayerischen Gesetzentwurf. Das bedeute, sie müssten vor jeder Entscheidung, die ihre Zukunft betrifft, gehört werden.

"Nicht die Kinder verschieben, sondern die Kosten"

Dies geschieht derzeit im Rahmen eines sogenannten Clearingverfahrens, das im Idealfall sechs bis acht Wochen dauert und bei dem die Sozialarbeiter des Jugendamts versuchen, herauszufinden, was das Beste für den Flüchtling ist. Also, gibt es Verwandte in Deutschland, wer beantragt die Vormundschaft, welche Art der Unterbringung ist die richtige?

Dem Vernehmen nach ist der bayerische Entwurf zwar vorerst vom Tisch. Nun soll aber voraussichtlich das Bundesfamilienministerium damit beauftragt werden, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die Verteilung der minderjährigen Flüchtlinge ermöglicht. Anders als beim bayerischen Vorschlag soll dabei aber das Kindeswohl berücksichtigt werden. Ulrike Schwarz ist trotzdem skeptisch. „Wir sollten nicht die Kinder verschieben, sondern die Kosten.“

Für die ohnehin schon traumatisierten Jugendlichen wären häufige Wechsel des Aufenthalts und der betreuenden Pädagogen eine weitere enorme Belastung. Viele haben auf ihrer Reise gelernt, Polizei und Behörden zu fürchten. Die Gefahr, dass sie sich der Inobhutnahme durch Untertauchen entziehen, steige erheblich, wenn sie zwischen den Einrichtungen hin- und hergeschoben würden, warnt die Expertin. Die meisten der Jugendlichen seien hoch motiviert, ihre Chance auf eine bessere Zukunft hier zu nutzen. „Erstaunlich viele von ihnen schaffen das auch“, sagt Ulrike Schwarz. Doch dafür brauchen sie besondere Unterstützung. Sie wie Erwachsene zu behandeln, sei der völlig falsche Weg.

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