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Flüchtlinge Busse voller scheuer Menschen mit abgelaufenen Schuhen

An der Grenze der Türkei zum EU-Land Bulgarien werden täglich Flüchtlinge aufgegriffen. Wer es hinüber schafft, den erwarten erniedrigende Zustände.

Der imposante Grenzzaun mit Nato-Draht soll Flüchtlinge abschrecken, die in die Europäische Union wollen. Bulgarische Grenzpolizei bewacht die bulgarisch-türkische Grenze. Foto: rtr

Dass Hunde eine frische Leiche aufstöbern, noch dazu die eines ganz jungen Mannes, sorgt in einem kleinen türkischen Dorf normalerweise ein Jahrhundert lang für Gesprächsstoff. Aber in Uzgaç gelten jetzt die Maßstäbe der Weltnachrichten. Bürgermeister Nazmi Usta kann sich kaum beruhigen. Seit Monaten kommen in dem einst so verschlafenen Ort täglich Busse aus der nahen Großstadt Edirne an, voller ängstlicher, scheuer Menschen mit kleinen Rucksäcken und abgelaufenen Schuhen. Meistens kommen sie zweimal an einem Tag, erst hin, dann zurück. „Erst heute Morgen um sieben haben sie 75 Leute hierher zurückgeschoben“, sagt Usta. „Wo soll das hinführen?“ Drei Tote sind in diesem Frühjahr schon gefunden worden, hier und im Nachbarort Kemalköy.

Gleich hinter Uzgaç beginnt die Europäische Union. Aber das Wort vom gelobten Land, das in europäischen Debatten über Flüchtlinge gern bemüht wird, kommt hier niemandem in den Sinn. „Bei uns in der Türkei haben wir alle Erbarmen mit diesen armen Menschen“, sagt Alaattin Kestane, ein Maurer, der Wärmeisolierung an die Wand der Dorfmoschee nagelt, „aber die Bulgaren da drüben, die sind brutal.“

Bulgarien ist kein gelobtes Land. Für Flüchtlinge ist es nicht einmal eine Stufe auf dem Weg dorthin. Nur ein Hindernis. Schon wer ganz legal über die Grenze vom freundlichen, aufgeräumten Edirne ins heruntergekommene Swilengrad fährt, käme nicht auf die Idee, jetzt im „Klub der Reichen“ gelandet zu sein. Zwischen abgewrackten Fabrikgebäuden schnuppern Straßenhunde an Abfallbeuteln.

Alles, was das Balkanland an Tristesse zu bieten hat, wird den Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan hier noch einmal doppelt und dreifach zuteil. Ein umfangreicher Bericht der bulgarischen Organisation Bordermonitoring fördert erschreckende Zustände zutage.

Wer hier um Asyl ansucht, kommt erst einmal ins Gefängnis, muss manchmal stundenlang nackt „zur Untersuchung“ strammstehen, riskiert Drohungen und Schläge, muss mit seinem wenigen Geld nicht selten Beamte oder Ärzte bestechen. Wer den verlangten „Schutz“ am Ende doch bekommt, muss oft auf der Straße leben.

Mit Italien und Griechenland gehört Bulgarien zu den Ländern, in denen die meisten Flüchtlinge zum ersten Mal den Boden der EU betreten. Alle wollen sie dahin, wo schon Verwandte leben: nach Deutschland oder nach Skandinavien. Aber anders als Italien, das ankommende Flüchtlinge einfach unregistriert nach Norden durchwinkt, nimmt Bulgarien seine Wächterrolle am Tor nach Europa ernst. Wie das „Dublin-Übereinkommen“ der EU-Staaten es verlangt, werden den Flüchtlingen die Fingerabdrücke abgenommen und im System Eurodac gespeichert. Wandert einer weiter und wird in einem westlichen EU-Land aufgegriffen, kann er so identifiziert und nach Bulgarien zurückgeschoben werden. Geht es nach dem Vorschlag der EU-Kommission, soll das Land künftig 1,25 Prozent der europäischen Flüchtlinge aufnehmen. Von den 626 000 im Vorjahr wären das knapp 8000. Aber nebenher soll das „Dublin-System“ bestehen bleiben: Wer über Bulgarien gekommen ist, muss dorthin zurück.

Die meisten schaffen es nicht einmal über die bulgarische Grenze. Am Ortsende von Uzgaç erstrecken sich über Kilometer ausgedehnte Felder. Am Horizont sind die bulgarischen Wachttürme zu sehen, alle noch aus kommunistischer Zeit. Kameras blicken von hier bis zu 30 Kilometer in die Türkei hinein. „Wenn wir Personen wahrnehmen“, sagt Christo Stefanow, Leiter der Grenzpolizei in diesem Abschnitt, „verständigen wir die türkischen Kollegen.“ Manchmal schicken die Türken Grenzgänger zurück, manchmal nicht. „Es gibt da offenbar keine klare Politik“, erklärt Tarik Parlar in Edirne. „Von den Behörden hört man ganz Unterschiedliches.“

Am Ortsende von Uzgaç deutet ein Schild zu einer Schonung in drei Kilometern Entfernung. Ein altes Bauernpaar winkt und lächelt. Wer hier den langen Marsch durch die Felder antritt, erfährt Freundlichkeit von jetzt an nur noch virtuell: „Welcome in the European Union“, funkt es von drüben per SMS. In echt dagegen begegnet man unweigerlich den bulgarischen Grenzern – oft noch auf türkischem Boden. Wem es gar gelingt, über die Linie zu kommen, muss damit rechnen, von den Bulgaren mit Gewalt zurückgebracht zu werden. Grenzer Christo Stefanow streitet das ab. Das muss er auch: Die Türkei gewährt Flüchtlingen keinen formalen Schutzstatus, und so verbietet es die Genfer Konvention, Menschen aus Drittländern dorthin abzuschieben.

Aber es geschieht – täglich offenbar, wie die Berichte der Flüchtlinge in Edirne belegen, die vor der großen Moschee die Rastenden um ein paar Lira anbetteln. „Die Bulgaren lügen“, sagt Tarik Parlar, der in Edirne mit dem „Stadtrat“, einer unabhängigen Organisation, die Situation seit Jahren verfolgt. Zurückgeschickt wurden auch die drei Menschen, die in diesem Frühjahr tot auf türkischem Boden gefunden wurden – erschöpft, offenbar geschlagen. „Als wir die Überlebenden aus der Gruppe befragen wollten“, so Parlar, „waren sie auf einmal alle aus dem Krankenhaus von Edirne verschwunden.“ Parlar vermutet, dass die türkische Regierung sie in den Irak zurückgeschafft hat, um einem internationalen Konflikt mit Bulgarien aus dem Wege zu gehen. Auf bulgarischer Seite ist das Interesse an Aufklärung noch um einiges geringer. „Untersuchungen hat es keine gegeben“, sagt Mathias Fiedler, ein Deutscher, der an dem Bordermonitoring-Bericht mitgewirkt hat. Stattdessen versucht das Ministerium die Berichte der Flüchtlinge unglaubwürdig zu machen, indem sich unstimmige Details hervorhebt – etwa dass die Grenzer gar keine Stiefel trügen, mit denen Grenzverletzer angeblich getreten wurden.

Die illegalen Push-backs, wie die Zurückweisungen hier genannt werden, haben der Regierung in Sofia schon viel Kritik eingetragen – vom UN-Flüchtlingshilfswerk, aber auch von der EU-Kommission in Brüssel. Ende April wurde der Chef der Grenzpolizei gefeuert – ob deshalb, ist nicht klar. Auch wegen der Kritik setzt die Regierung unter Premier Bojko Borissow jetzt auf „technische Hindernisse“, wie es auf Amtsbulgarisch heißt.

Fünfzig Meter vor dem Grenzübergang Lessowo führt links ein rumpeliger, unbezeichneter Fahrweg in den Wald. Nach wenigen Kilometern ist die grüne Grenze erreicht. Als käme hier demnächst eine Limousine mit Staatsgast vorbei, steht oben auf dem Hügel alle hundert Meter ein Polizist und schaut nach Osten. Noch einmal einen Kilometer weiter funkelt, als Leuchtturm Europa, im Sonnenlicht der Grenzwall – ein imposantes Werk der Schmiedekunst, drei Meter hoch, bestehend aus zwei engmaschigen Zäunen, dazwischen und oben drauf Nato-Draht. Das modernste Bauwerk Ostbulgariens steht exakt auf der Grenzlinie.

Läge es nur einen Meter weit auf bulgarischem Territorium, so hätte ein Flüchtling die EU schon erreicht und könnte nicht mehr zurückgeschickt werden. Früher war es leichter: Die Reste des Grenzzauns aus kommunistischer Zeit, die Bulgaren an der Flucht in die Türkei hindern sollten, stehen gut zehn Meter landeinwärts.

„Seit wir das technische Hindernis haben“, sagt Christo Stefanow, „sind die Aufgriffe auf ein Siebtel zurückgegangen.“ Unüberwindbar sei der Zaun nicht, sagt er. „Einige haben es mit Leitern, andere mit Seitenschneidern, manche sogar mit einem Tunnel unten durch geschafft.“

Aber das kostet mehr Zeit als es braucht, bis Bewegungsmelder die Kameras auf den Grenzverletzter gerichtet haben und die ersten Polizisten am Tatort eingetroffen sind. „Wir haben sie dann alle geschnappt, spätestens da im Gebüsch“, sagt Stefanow und deutet hinter sich auf die weiß blühenden Robinien.

Die bulgarischen Grenzer leben in Elchowo, einem traurigen Städtchen aus bröckelnden Wohnblocks. Um zehn werden die löchrigen Bürgersteige hochgeklappt. Es gibt kein Kino, nicht einmal eine Videothek. Die Fabriken sind geschlossen, das Abschnittskommando der Grenzpolizei ist hier der größte Arbeitgeber. Auf dem weitläufigen Gelände der Kommandantur steht, noch einmal hoch eingezäunt, das „Zentrum“, ein Lager für frisch Aufgegriffene. Auf dem Korridor des kahlen Verwaltungsbaus hängt als einziger Schmuck ein Ölschinken aus alter Zeit. Er zeigt einen wachsamen Grenzer mit rotem Stern auf der Mütze, wie er zusammen mit seinem Hund gerade einen Grenzverletzer dingfest macht. Ob das wohl ein Imperialist war, der da ins sozialistische Bulgarien eindringen wollte? Christo Stefanow lächelt verlegen. Ein Grenzer schützt die Grenze. Was auch sonst.

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