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Flüchtlinge aus Syrien Hilfe für Begüterte

Nur eine geringe Zahl der Syrien-Flüchtlinge gelangen nach Deutschland - oftmals verhindern Auflagen, Fristen und andere bürokratische Hindernisse die Asylverfahren. Dabei steigt die Zahl der Flüchtlinge auch aus anderen Ländern.

Man stelle sich vor, Deutschland würde 18 Millionen Flüchtlinge aufnehmen. Verglichen mit seiner Einwohnerzahl beherbergt der kleine Libanon derzeit so viele Opfer des syrischen Bürgerkriegs: Nämlich mehr als eine Million Flüchtlinge in einem Land, das selbst nur 4,2 Millionen Einwohner groß ist. Caritas-Präsident Peter Neher bemühte am Mittwoch auf seiner Jahres-Pressekonferenz diesen Vergleich, um die dramatische Lage der Nachbarländer zu verdeutlichen, die nach über zwei Jahren Bürgerkrieg in Syrien an ihre Grenzen stoßen. „Man kann sich leicht ausmalen, zu welchen Spannungen das unter ungleich besseren wirtschaftlichen und einfacheren politischen Rahmenbedingungen in Deutschland führen würde“, sagte Neher.
Bislang kommt nur ein sehr geringer Teil der Flüchtlinge nach Deutschland, 4500 waren es in den ersten sechs Monaten dieses Jahres. Insgesamt suchten seit Ausbruch des Bürgerkriegs im März 2011 rund 13 000 Syrer hier Schutz. 5000 besonders schutzbedürftige Syrer, die derzeit in den Flüchtlingslagern ausharren, wird die Bundesrepublik in den kommenden Monaten in einem Sonderprogramm zusätzlich aufnehmen. Die Bundesländer wurden aufgefordert, auch Verwandte von bereits in Deutschland lebenden Syrern ins Land zu holen. Der Caritas-Präsident appellierte an die Länder, hier „angesichts der Belastungen der Nachbarn Syriens“ Großzügigkeit zu zeigen.

Unerträglich lange Wartezeit

Auch der stellvertretende Geschäftsführer von Pro Asyl, Bernd Mesovic, hofft, dass die Bundesländer sich nicht hinter Auflagen, Fristen und anderen bürokratischen Hindernissen verstecken, um so die Zahl der Verwandten, die nach Deutschland kommen wollen, kleinzuhalten. Viele Syrer hätten in den Camps keine Papiere mehr, zum Teil dauere es Wochen, bis sie vor Ort einen Termin bekämen, um den Visa-Antrag stellen zu können. Wenn es dann noch zum Maßstab werde, dass die hier lebenden Verwandten grundsätzlich voll für den Lebensunterhalt ihrer Angehörigen aufkommen müssen, „dann werden sich das nur wenige Begüterte leisten können“, so Mesovic.
Anders als viele andere Flüchtlinge aus Kriegsgebieten müssen sich die Syrer immerhin nicht um ihre Anerkennung sorgen. 99,5 Prozent ihrer Anträge werden anerkannt, die Bearbeitungszeit ist kurz. Doch nicht überall werden sie mit offenen Armen begrüßt. Vielerorts fehlen Unterkünfte, wehren sich Anwohner gegen die Einrichtung von Flüchtlingsheimen wie im Ost-Berliner Bezirk Hellersdorf. Viele Städte und Kommunen zeigen sich überfordert. Denn nicht nur aus Syrien suchen Menschen Schutz vor Bürgerkrieg und Gewalt in Deutschland. Seit Monaten nimmt die Zahl der Flüchtlinge zu, die sich um Asyl in der Bundesrepublik bewerben. 43 016 Menschen waren es in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, das waren 86 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Überraschend viele, fast 10 000, kamen aus Russland, die meisten Tschetschenen, die vor Willkür und Verfolgung von staatlicher Seite und dem Terror islamistischer Gruppen fliehen.
Neben den 4500 Syrern kamen 3448 Flüchtlinge aus Afghanistan, 4100 Menschen aus Serbien und Mazedonien – vor allem Vertreter der Roma-Minderheit – beantragten ebenfalls im ersten Halbjahr Asyl. Die Politik hat bislang nicht reagiert. Nicht nur an Heimen mangelt es, viele Asylbewerber müssen auch häufig länger als ein Jahr auf ihren Bescheid warten. Während bei den Roma binnen Wochen die Anträge bearbeitet und abgelehnt werden, müssen Asylbewerber aus dem Iran oder Afghanistan, die gute Chancen auf Erfolg haben, zum Teil sogar 17 Monate auf ihren Bescheid warten, wie aus einer Anfrage der Linken im Bundestag hervorgeht. Für Mesovic von Pro Asyl ist das eine skandalöse Politik zu Lasten von Menschen, die so unter schwierigsten Bedingungen über Monate in Flüchtlingscamps leben müssen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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