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Flüchtlinge aus Syrien "Entweder wir sterben hier oder auf dem Meer"

Die zwei Geschwister Ghofran Shkir und Mohammed sind dem Krieg in Syrien entkommen. Nun hoffen sie auf Asyl. In der Frankfurter Rundschau erzählen sie von ihrer gefährlichen Flucht über das Mittelmeer.

Die Geschwister Ghofram und Mohammed Shkir leben nach ihrer gefährlichen Flucht im Flüchtlingsheim Berlin-Spandau. Foto: AKUD/Lars Reimann

Dieses Jahr starben nach Angaben italienischer Menschenrechtler mindestens 695 Bootsflüchtlinge beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Mohammed Shkir und seine Schwester Ghofran gehören zu denen, die die gefährliche Reise überlebt haben. Sie waren vor zwei Jahren vor dem Krieg in Syrien nach Kairo geflohen. Der 24-Jährige hatte in Damaskus als Basketballcoach für junge Spieler gearbeitet, seine vier Jahre ältere Schwester war Bankangestellte.

Keine Hoffnung in Ägypten

In Ägypten waren sie zwar in Sicherheit, aber mehr auch nicht. Sie fanden keine Arbeit, dann zerstob auch noch ihre Hoffnung, in der Botschaft eines europäischen Landes ein Visum zu bekommen. Niemand wollte den Flüchtlingen ein Touristenvisum ausstellen. Ghofran überredete ihren Bruder schließlich, die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer nach Europa zu wagen.

Beide haben inzwischen in Berlin Asyl beantragt. Mohammed spielt in der Bezirksliga von Alba und träumt davon, als Basketballspieler Geld zu verdienen. Doch ihre Chancen auf Asyl stehen schlecht. Da sie über Italien nach Deutschland eingereist sind, droht ihnen die Abschiebung. Hier erzählen beide von ihrer Flucht.

Fast zwei Jahre haben wir in Kairo gelebt, und wir haben jeden Tag gehasst. Der Dreck, die Feindschaft der Ägypter gegen uns syrische Flüchtlinge, die ständige Angst vor der Abschiebung nach Syrien. Niemals hätten wir in Kairo Arbeit gefunden. Es gab überhaupt keine Perspektive für uns. Ein Visum für Europa wollte uns auch niemand geben. Irgendwann dachten wir uns, entweder wir sterben hier oder eben auf dem Meer, beides machte keinen Unterschied mehr. Trotzdem hatten wir große Angst vor der Flucht. All unsere Freunde warnten uns, es sei viel zu gefährlich. Über einen Freund hörten wir von einem Schleuser, der jeden Donnerstag Flüchtlinge von Alexandria über das Mittelmeer nach Italien bringt.

3500 US-Dollar für jeden

Mit dem Chef der Agentur sprachen wir nie, der hieß nur der Doktor und blieb immer im Hintergrund. Ein Schlepper verlangte von jedem 3500 US-Dollar und warnte uns, dass die Überfahrt anstrengend, ekelhaft und gefährlich werde. Das hat uns aber nicht mehr abgeschreckt. Wir wollten nur noch weg. Das Geld haben wir uns binnen einer Woche von Verwandten und Freunden zusammengeliehen. Die fragen uns übrigens immer noch, wann wir es ihnen endlich zurückzahlen. Einen Tag vor der Abreise erzählten uns Bekannte, dass das Boot einer anderen Agentur, mit dem wir fast gefahren wären, gesunken ist. Unserer Mutter haben wir das nicht gesagt, sie hätte mit Sicherheit ihr Geld wieder zurückverlangt und uns nicht gehen lassen.

Ein Minibus brachte uns von Kairo nach Alexandria, dort schliefen wir zusammen mit anderen Flüchtlingen in einem Gebäude der Schlepper-Agentur. Unser Geld steckten sie sofort ein, wir bekamen auch keine Quittung dafür. Wir hatten deshalb große Angst, dass sie uns betrügen und mit dem Geld abhauen. Nachts um zwei sind wir dann zum Treffpunkt an einer abgelegenen Stelle des Hafens. Jeder von uns durfte nur einen Koffer mitnehmen, dazu noch Proviant, Wasser und Wechselsachen. Das Boot war winzig, vielleicht gerade einmal fünf Meter lang. Die erste Stunde auf dem Meer mussten wir uns unter Fischernetzen vor der ägyptischen Küstenwache verstecken. Wir waren viel zu viele in dem Boot, ständig schwappten Wellen hinein.

Zuviele für das Boot

Wir waren fürchterlich nervös und mussten die ganze Zeit an Geschichten denken, in denen Flüchtlinge um ihre Ersparnisse betrogen wurden. Wir wussten zum Beispiel von Syrern, die viel Geld für ihre Flucht bezahlt hatten und stattdessen im Gefängnis gelandet sind. Die Schlepper hatten sie ein paar Stunden mit dem Boot umher gefahren und wieder in der Nähe von Alexandria ausgesetzt. Dort wurden sie dann von der ägyptischen Polizei festgenommen.

Nach eineinhalb Stunden trafen wir aber auf einen größeren Fischkutter, der ungefähr elf Meter lang war. Mit uns warteten noch Flüchtlinge in anderen Booten darauf, in den Kutter umzusteigen. Das war eine ziemlich wackelige Angelegenheit. Wir waren 65 Flüchtlinge, die meisten aus Syrien, und drei Besatzungsmitglieder aus Ägypten, das waren viel zu viele für das Boot. Viel geredet haben wir nicht mit den anderen. Jeder war mit sich selbst beschäftigt. Wenn, dann haben wir versucht, die Kinder zu beruhigen, die die ganze Zeit geweint haben. Es war außerdem fürchterlich eng, wir saßen wie die Sardinen nebeneinander. Das Boot schaukelte die ganze Zeit sehr heftig, wir mussten uns alle übergeben, immer wieder. Es ließ sich gar nicht vermeiden, dass wir uns gegenseitig vollkotzten. Wir hätten niemals gedacht, dass wir einmal so viel Ekel empfinden würden. Das ging fünf bis sechs Stunden so, bis wir wieder auf ein neues, diesmal etwa 24 Meter langes Schiff trafen. Mit dem anderen hätten wir es nicht bis nach Italien geschafft, meinten die Schlepper.

Das neue Schiff war sehr viel höher als unser Kutter. Die Schleuser waren hektisch, alles musste ganz schnell gehen. Wir mussten unsere Sachen in das Boot werfen, das war schwierig. Sehr viele Koffer mit den Papieren der Flüchtlinge sind im Wasser gelandet. Wir haben unsere Tasche mit Trinkwasser und Proviant verloren. In dem Schiff verbrachten wir die nächsten fünf bis sechs Tage. Es gab eine kleine verdreckte Toilette für 65 Flüchtlinge und die zwölf Schlepper. Wir haben uns so geekelt. Die ersten zwei Tage haben wir nichts getrunken oder gegessen, wir hatten Angst, dass wir es sofort wieder erbrechen müssen. Wir lagen die ganze Zeit auf dem Boden des Boots, wenn wir aufgestanden wären, hätten wir uns sofort übergeben.

Irgendwann haben wir nichts mehr gespürt. Keinen Hunger und keinen Durst. Zu essen und zu trinken gab es nur dreckiges Wasser und verschimmeltes Brot, unsere Sachen hatten wir ja verloren. Aber wir hätte eh nichts runterbekommen. Es war eine einzige Tortur, und wir haben uns oft gefragt, was für eine Schnapsidee das Ganze war. Tagsüber schwitzten wir bei über 30 Grad in der Sonne, nachts froren wir in unserer durchnässten und verklebten Kleidung. Der Boden war ja nass. Geredet haben wir auch dort nicht viel, eigentlich haben wir die ganze Zeit nur gebetet und versucht, die Kinder abzulenken, die vor Hunger weinten und schrieen. Für die Schönheiten des Meeres hatten wir kein Auge.

20 Stunden ohne Essen und Trinken

Nach fünf langen Tagen haben sie uns gesagt, dass wir schon in der Nähe von Italien sind. Der Kapitän meinte, wir müssten für das letzte Stück wieder in das kleinere Boot umsteigen, das hatten sie an dem größeren Kutter festgebunden und die ganze Zeit hinter uns hergezogen. Er sagte uns, jetzt dauert es nur noch zwölf Stunden, das war glatt gelogen. Wir sollten 20 Stunden in dem Boot verbringen. Aber diesmal ohne Essen und Trinken, denn die Reste unserer Vorräte behielten die Schlepper. Uns haben sie nur ein Handy und ein GPS-Gerät in die Hände gedrückt. Außerdem bekamen wir noch einen Zettel mit Notrufnummern, die wir anrufen sollten, wenn das Boot zu kentern droht. Dann haben sie uns noch die Richtung gezeigt, in die wir fahren sollten, und sind weg. Wir hatten alle Panik, weil in dem Boot ein kleines Leck war. Wir hätten die italienische Polizei am liebsten sofort angerufen, aber die Ägypter nahmen uns das Handy ab. Sie hatten wohl Angst, dass sie als Schleuser ins Gefängnis kommen würden, wenn wir die italienische Polizei anrufen.

Als wir immer nervöser wurden, behauptete der Kapitän, dass er ein paar Nummern auf dem Zettel schon abtelefoniert hätte und niemand rangegangen sei. Wir haben ihm das nicht geglaubt und ihn gezwungen, uns das Handy zu geben. Bei uns nahm auch niemand ab. Einer auf dem Boot hatte die Nummer vom Roten Kreuz in Norwegen, dort haben wir dann angerufen und uns die Durchwahl in Italien geben lassen. Das hat dann endlich geklappt und wir baten um Hilfe. Irgendwann hörten wir einen Hubschrauber über uns kreisen, auch ein Militärschiff der italienischen Marine kam. Die kamen aber nicht, um uns zu retten, sondern machten sich gleich auf die Suche nach dem größeren Schleuserschiff. Das war aber schon längst verschwunden. Das Marineschiff kam dann zurück, ein Polizist kletterte zu uns aufs Boot und übernahm das Kommando.

Keine Perspektive in Italien

Zur Mittagsstunde sind wir im süditalienischen Örtchen Roccella Ionica an der kalabrischen Küste angekommen. Da standen schon Fernsehteams, die uns filmten. Einige Flüchtlinge waren so geschwächt, die mussten sofort ins Krankenhaus. Uns war so schwindlig, wir haben uns auf den Boden gelegt. Sie hielten uns acht Tage fest, bis klar war, wer die Schleuser unter uns waren. Dann wollten die Italiener von uns nur noch wissen, ob wir Asyl in Italien beantragen wollen. Wir haben ihnen gesagt, dass wir nach Deutschland wollen. Es hieß dann, macht was ihr wollt.

Wir kannten zwar niemand in Deutschland, aber vor Italien wurden wir gewarnt, dass es dort keine Perspektive für Flüchtlinge gibt. Wir sind also weiter nach Mailand, wo wir eine Gruppe Syrer kennenlernten, die uns für 200 Euro Bustickets nach Amsterdam besorgen wollten – die haben uns leider betrogen. Wir sind stattdessen in Chamonix in den französischen Alpen gelandet, und selbst dieses Ticket hätten wir für die Hälfte bekommen. In Frankreich sind wir zur Polizei, die uns eine Nacht im Gefängnis behielt. Sie diskutierten, ob sie uns abschieben oder freilassen sollen. Zum Glück ließen sie uns gehen. Wir mussten eine Nacht im Park schlafen, weil wir den Zug nach Lyon verpasst hatten, von dort sind wir weiter nach Straßburg. Ein Bekannter der Familie hat uns nach Offenburg in Deutschland gefahren.

In Offenburg hatten wir endlich einmal Glück: Ein Syrer, den wir auf der Straße kennenlernten, nahm uns in sein Haus mit. Fünf Tage sind wir dort geblieben, wir haben nur geschlafen und gegessen. Er meinte, wir könnten auch Asyl in Offenburg beantragen, aber wir wollten nach Berlin. Am 11. August, ein Sonntag, sind wir mit dem Zug in Berlin angekommen.

Aufgezeichnet von Mira Gajevic

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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