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Flüchtlinge Afrika „Wie ein Mensch zweiter Klasse“

Angesichts der Flüchtlingstragödien auf dem Mittelmeer könnte man denken, dass alle afrikanischen Flüchtlinge die EU als Ziel haben. Dabei fliehen die meisten innerhalb des Kontinents – zum Beispiel nach Südafrika.

An belebten Plätzen wie dem Busbahnhof in Durban werden afrikanische Einwanderer oft angepöbelt. Foto: Leonie March

Makwerekwere“ raunt ein Passant Beatrice Morisho im Vorbeigehen zu. Die 38-Jährige zuckt kurz zusammen, schiebt den Kinderwagen mit ihrer kleinen Tochter ein wenig schneller, die Augen stur geradeaus gerichtet. Nur nicht reagieren, nur keinen Konflikt provozieren. Als „Makwerekwere“ werden afrikanische Einwanderer im südafrikanischen Straßenjargon beschimpft. Seit Jahren ist es der Schlachtruf fremdenfeindlicher Übergriffe am Kap. Die Kongolesin hört dieses Wort fast jeden Tag – beim Einkaufen auf dem Markt, an der Haltestelle für Minibustaxis, auf dem Schulhof ihrer Kinder. „Die Einheimischen hassen uns. Sie sagen: Makwerekwere, was machst Du in unserem Land? Geh zurück nach Hause.“

Hätte sie eine Chance, würde Beatrice Morisho das wohl tatsächlich tun. Doch eine Rückkehr in ihre Heimat ist unmöglich. Vor über zehn Jahren floh sie mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg im Osten der Demokratischen Republik Kongo in die gut 4500 Kilometer entfernte südafrikanische Hafenstadt Durban. Sie erzählt von einer monatelangen, entbehrungsreichen Odyssee: Zu Fuß und mit Minibussen, angewiesen auf zwielichtige Schlepper und korrupte Grenzbeamte, immer wieder abgeschoben und von kriminellen Wegelagerern bedroht. Mit diesem Schicksal ist sie nicht allein. Die meisten Flüchtlinge und Asylsuchenden in Südafrika stammen aus dem Kongo, Somalia, Äthiopien und Simbabwe. Beatrice Morisho gehört zu den rund 65 000, deren Flüchtlingsstatus anerkannt wurde. Allein 2013 gingen letzten offiziellen Statistiken zufolge etwa ebenso viele neue Asylanträge ein. Doch nur etwa 16 Prozent werden bewilligt. Schätzungen zufolge leben mehrere Millionen Einwanderer deshalb illegal im Land.

Südafrika wirkt nicht nur wegen seiner Wirtschaftskraft anziehend. Mit der Unterzeichnung internationaler Konventionen hat sich die junge Demokratie zum Schutz von Flüchtlingen verpflichtet. Die liberale Verfassung schützt Minderheiten, die in anderen Ländern des Kontinents verfolgt werden. Flüchtlinge dürfen sich frei im Land bewegen, arbeiten und haben Anspruch auf Sozialleistungen wie eine medizinische Grundversorgung. Auch Beatrice Morisho hoffte auf ein besseres und vor allem friedliches Leben in Mandelas Regenbogennation. Doch die Realität sah anders aus.

Allein die Erwähnung des Jahres 2008 jagt der Kongolesin einen kalten Schauer über den Rücken – damals eskalierte die fremdenfeindliche Gewalt, vor allem in den Armenvierteln der Großstädte. Im Visier des Mobs: Afrikanische Flüchtlinge und Einwanderer. Menschen wurden auf der Straße angegriffen, einige bei lebendigem Leib verbrannt, Läden wurden geplündert, Häuser verwüstet. Beatrice Morisho und ihre Familie suchten monatelang Zuflucht in einer Kirche. Die Welle der Gewalt machte international Schlagzeilen. Heute jedoch berichten selbst die Medien in Südafrika nur sporadisch, nach besonders brutalen Attacken. Dabei gärt die fremdenfeindliche Stimmung weiter. Zuletzt eskalierte sie letzte Woche in Soweto und anderen Townships um Johannesburg – über einhundert Läden afrikanischer Einwanderer wurden geplündert. Sogar die Polizei soll sich an den Raubzügen beteiligt haben, statt die Ausländer zu schützen.

Integration Fehlanzeige

Beatrice Morisho versucht den Kontakt mit Einheimischen auf ein Minimum zu beschränken. Ihre Freunde stammen fast ausschließlich aus anderen Ländern des Kontinents. In Großstädten wie Durban haben sie ihr eigenes Netzwerk aufgebaut – mit Läden, Restaurants, Friseursalons, Internetcafés. Eine Parallelgesellschaft. Integration Fehlanzeige. Misstrauen und Angst bestimmen das Verhältnis zu den Einheimischen. So geht die fünffache Mutter trotz quengelnder Tochter im Kinderwagen lieber einen Umweg, als Beleidigungen und Drohungen herumlungernder Männer am Busterminal zu riskieren. Sie ist sichtlich erleichtert, als sie ihre Wohnungstür nach diesem täglichen Spießrutenlauf aufschließt. Ihre siebenköpfige Familie lebt in zwei winzigen Zimmern mitten in Durban. Ihr Mann arbeitet als Kurierfahrer. Der Löwenanteil seines Gehalts fließt in die Miete. Der Vermieter verlangt einen Wucherpreis, weil er die verzweifelte Situation der Familie kennt. Ein Umzug in die preiswerteren Townships kommt für sie nicht in Frage. „Dort ist es zu gefährlich für uns. Wir könnten sogar umgebracht werden, ohne dass es jemanden kümmert.“ Die Kongolesin fühlt sich schutzlos und sie ist wütend. Viele Länder des Kontinents hätten schwarze Südafrikaner während der Apartheid mit offenen Armen empfangen und sie in ihrem Freiheitskampf unterstützt. „Aber heute wollen sie diese Freiheit nicht mit uns teilen.“

Die Frage nach den Gründen dafür treibt Baruti Amisi schon seit Jahren um. Der ebenfalls aus dem Kongo stammende Sozialwissenschaftler forscht an der Universität und leitet ehrenamtlich den Flüchtlingsrat in Durban. „Fremdenfeindlichkeit ist in Südafrika leider kein neues Phänomen. Es gab sie vor und nach 2008.“ Das habe auch strukturelle Ursachen: Im Gegensatz zu anderen afrikanischen Ländern gibt es am Kap keine Flüchtlingscamps – einzige Ausnahme waren die vorübergehend errichteten Auffanglager nach der Welle fremdenfeindlicher Gewalt. Den meisten bleibt also nichts anderes übrig, als sich in den Armenvierteln eine bezahlbare Bleibe zu suchen. Dort jedoch treffen sie auf Südafrikaner, deren Lage ähnlich aussichtslos und verzweifelt ist. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, Gewaltkriminalität an der Tagesordnung, Wohnraum so rar, dass Amisi von einer „tickenden Zeitbombe“ spricht. Die Menschen leben dicht an dicht in selbstgebauten Hütten aus Blech, Pappe und Holzpaletten, ohne Strom und fließend Wasser.

Gewalt, Diskriminierung und Ausbeutung

„Die Einheimischen nehmen die Flüchtlinge als Eindringlinge wahr, die ihre Existenz bedrohen und wehren sich“, erklärt der Sozialwissenschaftler. Häufig seien somalische Ladenbesitzer in den Townships Opfer der Gewalt, weil die Einheimischen ihnen den Erfolg nicht gönnten. Das Hauptproblem aber sei, dass Südafrikaner nicht zwischen Asylsuchenden, Wirtschaftsflüchtlingen und anderen Einwanderern unterscheiden würden. „Man wirft uns pauschal vor, Einheimischen die Jobs wegzunehmen, ihnen die Frauen auszuspannen und nichts als Krankheiten und Kriminalität ins Land zu bringen.“ Um diese hartnäckigen Vorurteile aufzubrechen, organisiert Baruti Amisi regelmäßig Treffen in den Townships, bei denen sich Flüchtlinge und Südafrikaner austauschen können. Die Einheimischen hören dort teilweise zum ersten Mal von Bürgerkriegen, politischer Verfolgung und ethnischen Konflikten auf dem Kontinent und beginnen die Beweggründe der Flüchtlinge zu begreifen. „Außerdem haben wir mittlerweile gute Netzwerke in den Townships. Wir werden informiert, wenn sich Konflikte abzeichnen und können eingreifen bevor sie eskalieren.“ Bewährte Präventionsarbeit, die eigentlich der Staat leisten sollte. Die Regierung tue viel zu wenig dafür, die Bürger über die Rechte von Flüchtlingen aufzuklären, kritisiert Amisi. Die Polizei greife regelmäßig zu spät oder gar nicht ein.

Die immer wieder aufgewärmten Negativ-Stereotype führen nicht nur zu Gewalt, sondern auch zu Diskriminierung und Ausbeutung. Beatrice Morisho hat all das in den vergangenen Jahren erlebt. Als ihre älteste Tochter mittags von der Schule nach Hause kommt, erzählt sie, dass sie wieder einmal von einem Mitschüler „Makwerekwere“ genannt wurde. Der Lehrer habe dagegen nichts unternommen. Die Mutter drückt ihre Tochter liebevoll an ihren Busen und rät ihr, diese Beleidigungen zu ignorieren. Sie solle sich nicht vom Lernen ablenken lassen. „Schließlich sollst Du einmal ein besseres Leben haben als wir.“ Um als Ausländer in Südafrika zu bestehen, müsse man sich ein dickes Fell zulegen – damit könne man gar nicht früh genug anfangen.

Trotzdem lassen auch die Mutter die vielen kleinen und größeren alltäglichen Schikanen nicht kalt. Angespannt sitzt sie auf der Kante ihres Sofas und beginnt zu erzählen: Der Lohn ihres Mannes wird willkürlich gezahlt; mal zu spät, mal nicht in voller Höhe, mal gar nicht. Als er all sein Erspartes zusammenkratzte, um einen Führerschein zu machen, weigerte sich der Beamte, ihn auszuhändigen. Im Krankenhaus wurde sie vom Personal ignoriert, als sie hochschwanger und mit heftigen Schmerzen Hilfe suchte – nur weil sie kein Zulu sprach. Mittlerweile hat sie die Sprache gelernt; das helfe ein bisschen. „Aber selbst dann wird man noch wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt.“

Besonders schmerzlich war es für die gläubige Christin, als ein Priester vor der versammelten Gemeinde gegen Ausländer hetzte. Er wiederholte genau die Phrasen, die immer wieder Gewalt schüren. Er habe genug von diesen Ausländern, die nur hinter den Frauen, Töchtern und Jobs der Südafrikaner her seien. Fassungslos schüttelt Beatrice Morisho den Kopf und fügt nach einer Weile hinzu: „An wen können wir uns noch wenden, wenn selbst die christliche Nächstenliebe versagt? Unser Schicksal interessiert hier keinen.“

Dieser Eindruck drängt sich tatsächlich auf. Von einer Willkommenskultur kann in Südafrika nicht die Rede sein. Flüchtlingsorganisationen klagen seit Jahren über eine zunehmende Abschottung des Landes nach europäischem Vorbild. Seit ein paar Jahren gilt auch am Kap die Drittstaatenregelung, Anlaufstellen in den Großstädten wurden geschlossen und an die Landesgrenzen verlegt. Das erschwere es auch anerkannten Flüchtlingen, Anträge einzureichen, eine befristete Aufenthaltserlaubnis zu erneuern oder ihren Flüchtlingsausweis verlängern zu lassen, heißt es im Jahresbericht von Amnesty International. Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen kritisieren außerdem die Verschärfung der Einwanderungsgesetze und eine geplante Neuregelung für Asylanträge. Laut Regierung sollen damit Flüchtlinge leichter von Wirtschaftsmigranten unterschieden und Bearbeitungszeiten verkürzt werden. Bisher ist das eines der größten Probleme der chronisch überforderten Behörden. Zwischen 2008 und 2012 wurden in keinem Land der Welt so viele Asylanträge gestellt wie in Südafrika. Mittlerweile ist diese Zahl deutlich gesunken – Forscher wie Baruti Amisi machen dafür auch die fremdenfeindliche Gewalt verantwortlich. Südafrika rangiert nun auf Platz drei, hinter den USA und Deutschland. Führend bleibt Südafrika jedoch bei der Zahl der liegengebliebenen Fälle. Nahezu eine Viertelmillion Asylanträge war bei einer Erhebung Mitte vergangenen Jahres noch unbearbeitet.

Abschottung nach europäischem Vorbild

Flüchtlinge warten teilweise jahrelang auf ihre Papiere, bestätigt Amisi. Der neue, satte zwölf Seiten umfassende Asylantrag liegt vor ihm auf dem Schreibtisch. Er erhält detaillierte Fragen zum Bildungsstand, zum beruflichen Werdegang und zu den Vermögensverhältnissen. All das habe für den Flüchtlingsstatus keinerlei Relevanz, kritisiert der Leiter des Flüchtlingsrats in Durban. Entscheidend sei allein, ob dem Antragssteller in seiner Heimat wegen seiner Herkunft, Religion oder politischen Überzeugung Verfolgung drohe. Zynisch fügt er hinzu: „Menschen, die aus Angst um ihr Leben fliehen müssen, haben selten einen Lebenslauf, Bankauszüge und Arbeitszeugnisse dabei.“ Die Motivation der geplanten Neuregelung liege also offensichtlich darin, arme und schlecht ausgebildete Ausländer auszusortieren.

Die neuen Gesetze sind auch Thema, als Beatrice Morisho mit ihrem Mann zu Abend isst. Er erzählt, dass Freunde von ihnen gerade abgeschoben wurden. Andere Bekannte fürchten, dass ihre Aufenthaltserlaubnis nicht rechtzeitig verlängert wird. Durch das neue Einwanderungsgesetz drohen nun statt einer Geldstrafe Einreiseverbote von mehreren Jahren. „Warum machen sie es uns nur noch schwerer?“ Die Frage der fünffachen Mutter bleibt unbeantwortet im Raum stehen. Aus Mangel an Alternativen wird die Familie in Südafrika bleiben. Obwohl sie auch nach über einem Jahrzehnt nicht heimisch geworden ist. „Wenn Verwandte aus dem Kongo anrufen, rate ich ihnen davon ab, ausgerechnet nach Südafrika zu kommen.“

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