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Uganda Ein guter Platz im Nirgendwo

Im Nordwesten Ugandas liegt Bidibidi - ein Ort, von dem auch Europa lernen kann, wie man mit Geflüchteten umgeht. Ein Besuch in dem Dorf, das zum größten Flüchtlingslager der Welt ausgebaut wird.

Uganda
Eine schmale Brücke führt in eine ungewisse Zukunft: Stella Akita, 19, (links) und ihre Schwestern aus dem Südsudan waren zwei Wochen unterwegs. Foto: Anne Ackermann/Agentur Focus

Der Weg in die Freiheit führt über eine schmale Holzbrücke. Stella Akita, 19, und ihre drei Schwestern sind an diesem Morgen unter den Ersten, die sie erreichen, hier am Grenzposten von Busia im Norden Ugandas. Bepackt mit dem, was sie tragen können, überqueren die jungen Frauen den Kaya. Der mäandert so friedlich durch die idyllische Hügellandschaft, als gäbe es den Krieg auf der anderen Seite des Grenzflusses nicht.

Die Gesichter der Geschwister wirken zuversichtlich, trotz der Müdigkeit. Keine der Frauen blickt zurück. Zwei Wochen zuvor haben sie ihrem Dorf Payawa südlich der südsudanesischen Hauptstadt Juba den Rücken gekehrt. Ein bisschen Kochgeschirr, Lebensmittel, fünf Hühner und ihre Matratzen nahmen sie mit. Weil der Krieg nun auch in Payawa wütet, sind sie gerannt. In Richtung Süden, nach Uganda, wie so viele Flüchtlinge vor ihnen.

An der Holzbrücke über den Kaya steht Emmanuel Emulit. Der groß gewachsene Mann mit der Statur eines Bodybuilders leitet den Grenzposten auf ugandischer Seite. Für jeden Ankömmling aus dem Südsudan findet er ein paar aufmunternde Worte. Die jungen Frauen begrüßt er lachend mit Handschlag und gibt kurz praktische Anweisungen: „Packt eure Sachen in den Schatten, ruht euch aus! Gleich kommt der Bus, dann geht’s ab ins Aufnahmelager!“

Dann dreht er sich um und raunt: „Ein paar Hundert werden es wohl heute.“ Aber das sei nichts im Vergleich zum Chaos im August 2016. „Wegen der Kämpfe um Juba sind damals jeden Tag Tausende über die Grenze geströmt. Die Holzbrücke war zu eng, also sind sie in Massen einfach durch den Fluss gewatet“, erzählt Emulit. Inzwischen sei es überschaubar geworden. Einfacher zu kontrollieren, was auch an der guten Logistik liege. Emmanuel Emulit hat das Flüchtlingsdrama, das sich seit Ende 2013 entlang der Grenze zum Südsudan abspielt, von Beginn an miterlebt.

Milizionäre der Warlods morden und plündern

1,8 Millionen Südsudanesen sind seitdem geflohen. Verantwortlich für die Kämpfe sind verfeindete Warlords in höchsten Staatsämtern, deren Milizionäre vergewaltigen, morden, Dörfer plündern und anschließend niederbrennen. Stadtbewohner werden verfolgt, weil sie den vermeintlich falschen Bevölkerungsgruppen – Dinka oder Nuer – angehören. Auf dem Lande hungern die Menschen, weil niemand mehr imstande ist, die Felder zu bewirtschaften. Wer nicht flieht, riskiert sein Leben.

Das Staatssystem des christlich dominierten Südsudans, der sich 2011 vom mehrheitlich muslimischen Sudan löste, ist längst zusammengebrochen. Religiöse Differenzen, mangelnde politische Teilhabe und wirtschaftliche Interessen hatten vor sieben Jahren zur Abspaltung vom Norden geführt – verbunden mit viel Hoffnung. Doch davon ist nichts mehr übrig: Inzwischen kämpfen Cliquen hochkorrupter Kriegstreiber von Präsident Salva Kiir mit denen seines 2016 abgesetzten Stellvertreters Riek Machar um die Ressourcen des Landes, um Macht und viel Geld, Korruptionsgeld. Während die Warlords am Krieg verdienen, treibt es ihr Volk in die Flucht – in die Nachbarländer, den Sudan und vornehmlich Uganda.

Im Nordwesten des armen Landes liegt heute ein Ort, von dem nicht zuletzt Europa lernen kann, wie man mit Flüchtenden umgeht: Bidibidi. Einst nicht mehr als ein Dorf, etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernt, entsteht rund um die Gemeinde derzeit das größte Flüchtlingslager der Welt. Anders als viele Europäer denken, schaffen es die meisten afrikanischen Flüchtlinge gar nicht über das Mittelmeer, sondern bestenfalls ins Nachbarland. 15,6 Millionen Menschen, also etwa jeder vierte von mehr als 60 Millionen weltweit auf der Flucht, fanden 2015 Aufnahme in einem der Staaten südlich der Sahara. In Europa waren es im selben Jahr knapp 1,2 Millionen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Uganda

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