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Sprache Transit, Anker, Ausschiffung: Wie Politiker ihre wahren Ziele verschleiern

Die Verlogenheit der Union, die ihre Politik rigider Flüchtlingsabwehr mit immer neuen Sprachschöpfungen tarnen, liegt offen. Aber man muss schon hinschauen, um sie zu erkennen. Eine Analyse.

Irak
So sieht ein Ankerzentrum aus. Dieses befindet sich im Irak. Foto: rtr

Wer sich mit Sprache in der Politik befasst, stößt immer wieder auf Victor Klemperer. Das Hauptwerk des Philologen, „Lingua Tertii Imperii“, befasst sich zwar mit der „Sprache des Dritten Reiches“. Aber es finden sich dort Sätze, die auf jedes politische System anzuwenden sind. Zum Beispiel diese: „Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber: Die Sprache bringt es an den Tag. (…) Die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.“

Zumindest der erste Teil trifft auch auf das aktuelle Geschehen zu: Dass die Protagonisten im „Flüchtlingsstreit“ etwas „willentlich verbergen wollen“, ist schwer zu bestreiten. Schwieriger ist es mit dem zweiten Teil: Die Verlogenheit der Unionsstrategen, die ihre Politik rigider Flüchtlingsabwehr mit immer neuen Sprachschöpfungen verschleiern, liegt zwar in der Tat „hüllenlos offen“. Aber man muss schon hinschauen, um sie zu erkennen.

Einen unfreiwilligen Hinweis auf die Verlogenheit hat am Dienstag ausgerechnet der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner gegeben. Statt sich (wie die Linken und die Migrationsexperten in der Partei) klar gegen Merkels und Seehofers „Transitzentren“ zu positionieren, wich er in die Welt der Wörter aus: „Die Kampfbegriffe, die da schon wieder verwandt werden“, seien „nicht besonders nützlich“, verkündete er im Deutschlandfunk.

Begriff aus der Tierhaltung

Vordergründig lieferte Stegner eine inhaltliche Begründung für sein Verlangen nach Sprachkosmetik: 2015, als die SPD „Transitzentren“ ablehnte, sei es um etwas viel Schlimmeres gegangen („Massenlager, geschlossene Einrichtungen, exterritoriale Zonen“). Es stimmt zwar, dass es jetzt um eine andere Ausgestaltung und um weniger Betroffene gehen dürfte. Aber auch dann handelt es sich um nichts anderes als Abweisungslager, für die der neutrale Begriff „Transit“ eine Beschönigung darstellt. Darauf mit der Forderung nach noch mehr Beschönigung zu reagieren, ist so verlogen wie „Transitzentren“.

Dieser Begriff allerdings ist noch lange nicht der schlimmste Sprachbetrug. Das sind zunächst die zwei Begriffe, die mit ihrem maritimen Flair angesichts des Sterbens im Mittelmeer besonders zynisch wirken: „Ankerzentrum“ und „Ausschiffungsplattform“.

Diese beiden Wortverbrechen haben eines gemeinsam: Sie verkehren das, was sie sind, ins Gegenteil. Erinnert das „Ankerzentrum“ an das vor unsicheren Gewässern schützende Festmachen eines Schiffes, so bedeutet „Ausschiffen“ eigentlich das Aussteigen am Ende der Überfahrt – also festen Boden unter den Füßen.

Tatsächlich geht es um Lager, in denen die Menschen (ein Wort, das in dieser Debatte übrigens selten vorkommt) gehalten werden sollen (um ein leider treffendes Wort aus der Tierhaltung zu verwenden), bis man sie möglichst schnell wieder loswird.

Die Menschen sollen möglichst ferngehalten werden

Beide Begriffe haben etwas Verräterisches an sich: „Ausschiffung“ wird nicht selten als Synonym für „Ausweisung“ auf dem Seeweg verstanden – was der Wahrheit näher kommt. Und der „Anker“ steht laut Koalitionsvertrag für „Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung bzw. Rückführung“. Aber ausgerechnet die „kommunale Verteilung“ – also der Hinweis auf jene, die doch in Deutschland bleiben dürfen – hat in der verschleiernden Abkürzung keinen Platz.

Eigentlich liegt also „hüllenlos offen“, worum es in dieser Debatte geht: Die Menschen, die dem Elend und der Ungerechtigkeit in vielen Teilen der Welt ein Gesicht geben könnten, sollen von Deutschland und Europa möglichst ferngehalten werden.

So ist von „Grenzsicherung“ die Rede, als wären Migrantinnen und Migranten eine feindliche Macht, die zum Angriff bläst. Staaten, die nicht zur EU gehören, werden zu „sicheren Drittländern“ oder „sicheren Herkunftsländern“ erklärt, in die man leichter abschieben kann – auch wenn die Zweifel an der Sicherheit groß sind. Die Abschiebung heißt dann „Rückführung“, weil es netter klingt, jemanden zu führen, als ihn zu schieben. Und bis es so weit ist, darf er im „Hotspot“ warten, was ganz im Gegensatz zur Realität nach Sehnsuchtsort für Party People klingt.

Diese verschleiernden Begriffe „machen unsichtbar, was gerade geschieht“, hat die Sprachwissenschaftlerin Britta Schneider gerade gesagt. Ja, das ist das Ziel. Aber wenn wir genau hinschauen, haben wir immerhin den ersten Schritt getan, um den wahren Charakter der Asylverhinderungspolitik „hüllenlos“ offenzulegen.

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